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Das Verbrechen bleibt ohne Strafe

Das hessische Landestheater Marburg (Sebastian Muskalla als Amtsvorsteher Wehrhahn und Christine Reinhardt als Mutter Wolffen) brachte Hauptmanns Diebeskomödie „Der Biberpelz“ auf die Bühne des Kulturzentrums Saalbau. Foto: Bernhard Reichhart
Das hessische Landestheater Marburg (Sebastian Muskalla als Amtsvorsteher Wehrhahn und Christine Reinhardt als Mutter Wolffen) brachte Hauptmanns Diebeskomödie „Der Biberpelz“ auf die Bühne des Kulturzentrums Saalbau. Foto: Bernhard Reichhart FOTO: Bernhard Reichhart
Homburg. Die Wäscherin Mutter Wolffen begehrt auf – mit größeren und kleineren Diebstählen gegen Obrigkeit und Standesdenken ihrer Zeit. Das hessische Landestheater Marburg brachte Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ auf die Homburger Saalbau-Bühne. Von SZ-MitarbeiterBernhard Reichhart

Mit der in einer Berliner Vorstadt spielenden Diebeskomödie "Der Biberpelz" von Gerhart Hauptmann gastierte das hessische Landestheater Marburg am Donnerstagabend im Kulturzentrum Saalbau in Homburg. Schwarz, Weiß und Grau bestimmen das Bühnenbild, die Gesichter der Darsteller sind weiß oder rot geschminkt. Mehr als die Schilderung der sozialen Umgebung zählte bei dieser Aufführung der Aspekt der schamlosen Übertreibung.

Zum Auftakt fühlen sich die Zuschauer in einen James-Bond-Film versetzt, als sich eine Frau mit einer Boa zur Musik von "Blue Velvet" vor einer Zielscheibe windet. Ein Dieb geht um in einem kleinen Städtchen bei Berlin. Auf mysteriöse Art und Weise verschwinden ein Rehbock, Feuerholz sowie ein Biberpelz. Kein Wunder, dass der Rentier Krüger (Thomas Streibig) nahezu täglich im Zimmer des Amtsvorstehers Baron von Wehrhahn (Sebastian Muskalla) steht und sich über das an ihm begangene Unrecht beklagt. Wehrhahn muss handeln, doch auf wen kann er sich wirklich verlassen? Überall lauern sozialdemokratische Tendenzen, dunkle Existenzen, politisch fragwürdige Elemente, die ihm das Leben schwer machen. Und mittendrin im diesem Geschehen befindet sich stets Frau Wolff (Christine Reinhardt). Nach außen hin ist sie die fleißige Waschfrau, die kein Wässerchen trüben kann, doch im Hintergrund zieht sie die Fäden. Für das private Glück und den gesellschaftlichen Aufstieg weiß sie in den richtigen Momenten zu schweigen und zu nehmen. Mit ihren kleinen und größeren Diebstählen begehrt sie auf gegen das Standes- und Obrigkeitsdenken, gegen Hierarchien und Geldadel.

Christine Reinhardt gelang es, Mutter Wolffen als Frau, Mutter, armes Proletarierweib, Aufsteigerin, Opfer, Täterin oder Kupplerin darzustellen.

Wie sich die Gegenüberstellung der oberen und unteren Stände auch satirisch-lustspielhaft anwenden lässt, beweist das Stück "Der Biberpelz". Es besitzt in der kernig-unverwüstlichen "Mutter Wolffen" und weniger in ihrem karikierten und zeitbedingten Gegenspieler, dem Amtsvorsteher Wehrhahn, ihre "Bombenrolle".

Der Pelzdiebstahl, welchen die Wäscherin Mutter Wolffen begangen hat, wird im Laufe des Stückes langsam vor den Zuschauern aufgedeckt. Unwissender bleibt allein der in Arroganz und in seiner Selbstinszenierung beschränkte Amtsvorsteher Wehrhahn.

Die durch ihn repräsentierte Obrigkeit verhindert die Aufdeckung des Verbrechens, sie schützt den Verbrecher und verdächtigt die Ehrlichen, wie Doktor Fleischer (Tom Bartels). Das Verbrechen bleibt hier ohne Strafe, entsprechend der naturalistischen Poetik, nach welcher ein Ausschnitt aus dem wirklichen Leben, aber nicht ausgleichende Gerechtigkeit angestrebt wird.