Das städtebauliche Gewissen

Neue Besetzung, neue Satzung: Der Saarbrücker Städtebaubeirat hat sich verändert. Am Dienstag, 17. November, tagt das Gremium, das 1991 gegründet wurde, erstmals öffentlich. SZ-Redakteurin Ilka Desgranges sprach mit dem Vorsitzenden Luca Kist über die Arbeit, den Einfluss und die Möglichkeiten des Beirates.

Herr Kist, Sie sind seit knapp zwei Jahren Vorsitzender des Städtebaubeirates. Was hat sich in dieser Zeit getan?

Luca Kist: Durch die Satzungsreform des Beirates, konnten wir unseren Focus thematisch und personell verändern. Nicht "das Gebäude" steht im Vordergrund unserer Tätigkeit, sondern die Stadtentwicklung und die Art und Weise, wie wir unseren Stadtraum qualitativ weiterentwickeln wollen. Erstmalig sitzen Vertreter der Hochschulen und benachbarter Fachdisziplinen wie Soziologen und Verkehrsplaner an unserem Tisch und bereichern das Expertengremium. Unsere Agenda mit den Schwerpunktthemen Mobilität, öffentlicher Raum, Reurbanisierung und "Stadtentwicklung durch Groß events?" beschäftigt uns in vielfältiger Weise. So zum Beispiel bei der Mitwirkung im Prozess des Verkehrsentwicklungsplanes oder der Initiative um das Pingusson-Quartier.

Wie groß ist der Einfluss des Beirates auf die Stadtplanung?

Kist: Durch unseren nicht institutionalisierten Status können wir unabhängig und nicht weisungsgebunden agieren. Das ist ein hohes Gut, um das uns andere Beiräte beneiden. Andererseits haben unsere Stellungnahmen nur empfehlenden und somit unverbindlichen Charakter. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass wir durch unsere Kontaktpflege und den Aufbau einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen den politischen Gremien , der Verwaltung, den Berufsverbänden und nicht zuletzt der Saarbrücker Bevölkerung, unserem Einfluss als städtebauliches Gewissens durchaus Nachdruck verleihen können. Der Städtebaubeirat kann mit seiner interdisziplinären Zusammensetzung einen noch wesentlich größeren, bedeutenderen Beitrag für eine nachhaltige Stadtentwicklung leisten, wenn er stärker in die Verantwortung genommen wird, beispielsweise durch verpflichtende Beteiligung bei städtebaulichen Großprojekten. Daran arbeiten wir.

Was ist in Saarbrücken gut gelungen, was müsste sich dringend ändern?

Kist: Für mich ist und bleibt der öffentliche Raum der Schlüssel zum urbanen Selbstverständnis. Und dazu kann jeder seinen Beitrag leisten. Der private Balkon genauso wie die öffentliche Tiefbaumaßnahme. Die "Spielregeln" müssen notwendigerweise die Stadtverordneten und die Verwaltung festlegen, doch die Akteure können das Ergebnis qualitativ beeinflussen. Gelungen sind all die Räume, die durch ihren Erlebnis- und Informationsgehalt unsere gebaute Umwelt bereichert haben und die wir gegen Veränderung verteidigen. Ich glaube kaum, dass es Saarbrückerinnen oder Saarbrücker gibt, die sich nach der Zeit vor dem Umbau der Berliner Promenade und des Rabbiner-Rülf-Platzes sehnen. Handlungsbedarf besteht beim Flächenverbrauch für den ruhenden Verkehr. Eine Inanspruchnahme von rund 150 Hektar für parkende Fahrzeuge "auf Besuch" sollte sich Saarbrücken als Oberzentrum nicht leisten.

Was sind Ihre Erwartungen an die erste öffentliche Sitzung des Städtebaubeirates, an der das Publikum sich beteiligen kann?

Kist: Wir betreten mit dieser Form der Öffentlichkeitsbeteiligung Neuland. Das ist uns bewusst. Dennoch lege ich Wert darauf, dass wir uns der Herausforderung des öffentlichen Interesses nicht nur stellen, sondern den Gedankenaustausch mit den Bürgerinnen und Bürgern befördern. Insofern bin ich sehr gespannt, wie die Öffentlichkeit auf dieses mitwirkende Angebot reagiert. Neben einem Dialog auf Augenhöhe erwarte ich auch Denkanstöße, die im Geiste einer vertrauensvollen Mitbestimmung unsere zukünftige Tätigkeit im Beirat beeinflussen können. Ich hoffe, dass das Stadt-Forum, das jetzt zum ersten Mal stattfindet, zum festen Bestandteil der Saarbrücker Beteiligungskultur wird.

Zum Thema:

HintergrundDer Städtebaubeirat der Stadt Saarbrücken tagt am 17. November, 18 Uhr, erstmals öffentlich. In der Sitzung im Festsaal des Saarbrücker Rathauses sollen auch Saarbrücker Bürger zu Wort kommen. Dem im März 2014 neu gewählten Vorstand des Städtebaubeirates gehören an: Vorsitzender Luca Kist, Dipl.-Ing. Landschaftsarchitekt, Stellvertreter Jens Stahnke, Dipl.-Ing. Architekt, Schriftführer Igor Torres, Dipl.-Ing. Architekt, stellvertretender Schriftführer Stefan Krüger, Dipl.-Ing. Architekt. Der Städtebaubeirat wurde 1991 ins Leben gerufen, er hat derzeit 19 Mitglieder und soll noch erweitert werden. Der derzeitige Vorstand wurde 2014 auf vier Jahre gewählt. Sein Ziel: stärkere städtebauliche Ausrichtung als bisher. red