1. Saarland
  2. Saarbrücken
  3. Landeshauptstadt

Liquid Penguin und SR-Hörspiel: „Einsteins Zunge“ ist Hörspiel des Jahres

Interview : Wie „Einsteins Zunge“ zum Gewinner wird

Das Liquid Penguin Ensemble und das SR-Hörspiel haben mal wieder ein prominent besetztes und preisgekröntes Hörspiel gemacht.

Wer gerne Hörspiele hört in Deutschland, der hat  mit hoher Wahrscheinlichkeit schon mal vom Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble gehört. Und wenn er oder sie aufmerksam ist, wurde sicher auch registriert, dass oft gute Hörspiele vom kleinen Saarländischen Rundfunk kommen. Denn das SR2-Hörspiel wird ziemlich häufig ausgezeichnet. Gerade erst gab es einen der ganz wichtigen Preise, den deutschen Hörspielpreis, für „Einsteins Zunge“ vom Autor Christoph Buggert, realisiert durch das Liquid Penguin Ensemble. Die Jury um Doris Dörrie wählte das SR-Hörspiel unter vielen anderen aus. Wir haben uns  mit Katharina Bihler und Stefan Scheib von Liquid Penguin und SR2-Hörspielchefin Anette Kührmeyer über das Geheimnis ihrer erfolgreichen Arbeit unterhalten.

Die Hörspielredaktion von SR2 Kulturradio ist klein, aber was Preise betrifft, muss sie sich vor den großen Sendern nicht verstecken. Und die wichtigsten Erfolge gelangen im Zusammenspiel mit dem Liquid Penguin Ensemble. Was macht die Arbeit von Katharina Bihler und Stefan Scheib so besonders, dass es Preise regnet?

Anette Kührmeyer: Die Beiden haben die deutsche Hörspiellandschaft um einen ganz eigenen, feinen, warmen Klang bereichert. Der ergibt sich aus den Texten und der Stimme von Katharina Bihler, den Kompositionen aus Musik und Geräuschen von Stefan Scheib und ihrer gemeinsamen akustischen Herangehensweise an wichtige Themen unserer Zeit. Wobei sie mit spielerischer Leichtigkeit die Grenzen zwischen Dokumentation und Hörspiel verwischen. Noch dazu bereitet das Hören ihrer Stücke immenses Vergnügen.

Da muss ich natürlich gleich mal das Liquid Penguin Ensemble fragen: Sie und das SR-Hörspiel sind ja fast schon eine Art Symbiose eingegangen. Was bedeutet diese Zusammenarbeit für Sie – mal abgesehen vom verlässlichen Honorar, was für freie Künstler ja nicht zu unterschätzen ist?

Katharina  Bihler: Es ist ein künstlerisches Glück! Die großartige und kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem SR-Hörspiel und insbesondere mit Anette Kührmeyer als unserer Dramaturgin, bedeutet für uns sowohl Bereicherung im Arbeitsprozess als auch kreativitätsfördernde Verlässlichkeit: Sie bedeutet, dass man sich als Künstlerin, als Künstler und Ensemble entwickeln kann – und darf.

Frage an die Hörspielchefin: Der Autor Christoph Buggert war ja selbst lange Jahre Hörspielchef. Ist ein früherer Hörspiel-Redakteur ein besonders „lohnender“  Autor fürs Radio? Hat er ein besonders Gespür dafür, was zum Beispiel eine SR2-Hörspieldramaturgin reizt?

Anette Kührmeyer: Nur insofern als Christoph Buggert die Notwendigkeiten des Metiers respektiert (z. B. Abgabe-Termine) und die Zusammenarbeit mit einer Dramaturgin schätzt, die ihn bei der Arbeit am Text berät, damit seine Themen den bestmöglichen Ausdruck im Hörspiel finden – denn Christoph Buggert sucht sich, wie letztlich jeder Autor, seine Themen selbst.

Sphärisches Heulen, Prasseln, schmerzhaft schrilles Quietschen, Vogelkreischen, Orgelgetöse: Wo und wie finden Sie als Musiker eigentlich die Geräusche und Klänge für ein Hörspiel? Laufen Sie immer mit dem Mikrophon durch die Welt?

Stefan Scheib: Häufig, ja. Unser eigenes Archiv umfasst mittlerweile über 10 000 Klänge. Die meisten davon sind selbst aufgenommen. Bis ein Geräusch im Archiv landet, haben wir es oft gehört. Es wird ja aufgenommen, geschnitten, evtl. nachbearbeitet, mit Schlagworten versehen etc. Da entsteht eine intensive Verbindung, und wir kennen unser Archiv sehr gut. Das hilft, wenn es darum geht, die genau passenden Geräusche zu finden, um eine Szene zu bauen. Wenn wir selbst kein passendes Geräusch haben, suchen wir aber auch im Rundfunkarchiv oder in kommerziellen Archiven.

„Einsteins Zunge“ ist eine etwas absurde, streckenweise richtig lustige wissenschaftliche Fantasie. Was hat Sie als Regisseurin an diesem Text gereizt?

Katharina Bihler: Der Text behandelt sehr abwechslungsreich, facettenreich und in unterschiedlichen literarischen Formen Themen, die mich sehr interessieren, etwa dieses: In welchem Verhältnis stehen Gedanke und physische Welt zueinander? Was sind Vorstellungen und wie gelangen sie von einem Kopf in den anderen? Und was bedeutet räumliche Entfernung für einen Gedanken? Nichts! Das finde ich toll, und das Hörspiel ist das perfekte Medium, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Durch die Fokussierung auf den Hörsinn provoziert es im Hörenden in ganz besonderer Weise eigene Vorstellungen.

Wolf-Dietrich Sprenger, Dietrich Hollinderbäumer, Kasimir Brause, Lena Stolze und Peter Jordan: Die Besetzungsliste des Hörspiels hat prominente Namen. Hatten Sie freie Hand bei der Auswahl der Sprecher? Wie  haben Sie Darsteller ausgewählt? Was war wichtig?

Katharina Bihler: Wir hatten freie Hand, aber vor allem hatten wir Pia Frede aus der Hörspielredaktion, eine echte Besetzungs-Koryphäe, die ungeheuer viele Sprecherinnen und Sprecher im Ohr hat und uns kluge und interessante Vorschläge gemacht hat. Prominenz spielt keine Rolle bei der Wahl. Es geht darum, Stimmen zu finden, die von sich aus etwas transportieren, das wir in den Charakteren verkörpert hören wollen. Wir haben viele Stimmen angehört, uns eine mögliche Besetzung vorgestellt und dann wieder und wieder den Text gelesen, mit diesen Stimmen im Ohr.

Kasimir Brause ist noch ein Kind. Otto-Normal-Fernseher kennen ihn wahrscheinlich aus der Endlos-Serie „In aller Freundschaft“. Wie arbeitet man als Regisseurin eines nicht gerade kinderleichten Hörspiel-Textes mit einem Kind? Wie haben  Sie ihm erklärt, worauf es ankommt?

Katharina Bihler: Für Kasimir Brause war es das erste Hörspiel, und er hat sich ein bisschen gewundert, wie intensiv diese Arbeit ist. . . Beim Casting habe ich ihn gebeten, mir zu erklären, wie der Sprudel in die Flasche kommt oder warum die Erde nicht aus ihrer Bahn fliegt – und er durfte mir dabei gerne das Blaue vom Himmel erzählen, was er auch äußerst fantasievoll und mit sehr originellen Begründungen gemacht hat. Ich konnte also da den Eindruck bekommen, dass er diese Texte im Hörspiel vom Prinzip her ganz gut verstehen wird – und so war es auch. In erster Linie musste ich sein Sprech-Tempo bremsen.

Eine Frage an alle: Ein zentrales Element in „Einsteins Zunge“ ist die Krankheit Apophänie. Der Betroffene sieht überall und in allem Gesichter und  Zeichen. Im Grunde eine Art überreizte Phantasie, als Stoff für einen Autor natürlich enorm reizvoll. Ich muss gestehen, ich hatte zuvor noch  nie von dieser Krankheit gehört. Kannten Sie sie schon, bevor Sie das Hörspiel in die Hand bekamen?

Anette Kührmeyer: Nein, auch in dieser Hinsicht hat Christoph Buggert meinen Horizont erweitert…
Katharina Bihler: Ich kannte das Phänomen, allerdings kannte ich nicht diesen Namen dafür, in der physischen Welt an allen Ecken Spiegel der eigenen Vorstellungen zu finden.
Stefan Scheib: Ich hatte von der Krankheit vorher noch nichts gehört. Aber der Übergang zu einer Krankheit ist ja auch fließend. Auch ich kann, wie wahrscheinlich die meisten in unterschiedlich ausgeprägter Form, in Mustern Gesichter sehen.

Aufnahme läuft: Dietrich Hollinderbäumer und Lena Stolze sprechen eine Szene ein. Foto: SR/OIiver Parusel
Grund zur Freude hat SR2-Hörspiel-Chefin Anette Kührmeyer. Foto: Iris Maurer

„Einsteins Zunge“ steht zum Nachhören in der ARD Audiothek und in der SR Mediathek: www.ardaudiothek.de oder www.sr2.de (Einsteins Zunge in die Such-Funktion eingeben, dann hat man es gleich).