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Denkwürdige Klang-Exkursionen.

Das „CWCH collective“ im Künstlerhaus : Unterwegs in unendlichen Klangwelten

In Saarbrücken lud das Künstlerhaus zu einer Klang-Exkursion mit dem „CWCH collective“ – es wurde ein denkwürdiger Abend.

Der Erdball. Unendliche Klangweiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des „CWCH collective“, das mit seiner bis zu 13 Männern und Frauen starken Besatzung vier Monate online geht, um fremde Soundgalaxien zu erforschen, neues Geräuschleben und neue Interaktionen. Von der Erde aus dringt das CWCH collective in Streaming-Dimensionen vor, die nie ein Mensch zuvor gehört hat.

Tja, so hätte sie, in Anlehnung an den Vorspann zum guten alten Raumschiff Enterprise, tatsächlich lauten können, die Ankündigung jener musikalischen Exkursion, die am Donnerstag im Saarländischen Künstlerhaus zu Ende ging. Dieser 15. und letzte Termin einer live gestreamten Radioreihe war zugleich der erste vor leibhaftig anwesendem Publikum – und der erste, bei dem die beiden Initiatoren Sarah Washington und Knut Aufermann nicht von Ihrem Zuhause in Ürzel an der Mosel aus operierten.

Wie kann man in Zeiten von Corona gemeinsam musizieren? Das war die Frage eines Chats unter Radio- und KlangkünstlerInnen zu Anfang des Lockdowns. Washington, die mit Aufermann weltweit als Duo „Mobile Radio“ unterwegs ist, schlug vor, eine kollektive Fern-Praxis zu reanimieren, die sie bereits vor 20 Jahren, damals noch in London, begründet hatte – nur diesmal per Internetstream. Prag, Wien, Wales, Köln, Düsseldorf, Paris, Kalifornien: Weltweit ging ein Dutzend Gleichgesinnter an Bord des Online-Schiffs und verabredete sich jeden Donnerstagabend zu einer improvisierten Session. Radiosender, die live übertrugen, hatten diesen Sendeplatz frei geräumt, andere sendeten Mitschnitte: Neben zig Stationen in England zogen unter anderem Sender in Paris, Chile, Nantes, Wien und Brüssel mit, aus Luxemburg war Radio Ara zugeschaltet.

In Saarbrücken von Anfang an involviert war das Klangkunst- und Performance-Duo Katharina Bihler und Stefan Scheib. „Am Anfang hätten wir nicht gedacht, dass das überhaupt funktioniert“, sagt Scheib. Denn wie soll man miteinander Musik machen, wenn wegen technisch bedingter Übertragungsverzögerungen der Ton bei den Mitspielern erst bis zu 20 Sekunden später ankommt? Allein zwischen den einzelnen Räumen des Künstlerhauses gab es beträchtliche Latenzen, die den Besuchern ein Schmunzeln entlockten: Beide Duos operierten jeweils im eigenen Klanglabor, aber bis die hier live produzierten Sounds im Gesamtmix im Nebenraum ertönten, vergingen mehrere Sekunden. Rhythmisches schied also schon mal aus: „Solange man nicht versucht, Grooves zu produzieren, geht‘s“, meint Scheib lachend. „Aber manchmal entstehen ganz von selbst Grooves, das ist das Irre dabei.“ Und, ans Publikum adressiert: „Das eigentliche Konzert findet dort statt, wo man nichts sieht“ – im Internet nämlich beziehungsweise hier im Abhörraum.

Vor dem Start um 21 Uhr gab es einen einstündigen Soundcheck, während dessen sich die Akteure zuschalteten und von Sarah Washington eingepegelt wurden. Für die Zuhörer bot dies Gelegenheit, sich die zwei Klangstationen vor Ort näher anzusehen: Im Einsatz waren etwa Kontrabass, Laptops, Elekronik, Stimmen und Mikrofone; dazu ein Touch-Keyboard aus knautschbarem Gummi und eine Art Hackbrett, über dessen Saiten eine Murmel kullerte; außerdem diverses perkussives Kleingerät. Stilcode: Erlaubt ist, was gefällt! Als Washington einmal per Ghettoblaster einen Soul-Titel zuspielte, löste das dennoch Irritationen aus, weil diese Beats geradezu verstörend eindeutig wirkten im diffusen Klangstrom, der nebenan aus den Lautsprechern quoll. Hier vernahm man ein ätherisch fließendes Wispern, Rauschen, Knarzen, Klirren und Flirren, das sich wunderbarerweise tatsächlich dynamisch verdichtete und gegen Ende immer psychdelischer anmutete. Bis Washington den Internet-Spuk mit somnambul säuselnder Stimme sanft abmoderierte. Wahrlich eine Musik aus fernen Welten – Orson Welles wäre wohl begeistert gewesen.