Rebekka Kricheldorf im Staatstheater

Rebekka Kricheldorf im Staatstheater : Die „Waffe zum Beruf gemacht“

Die Autorin Rebekka Kricheldorf („Werwolf“) hat ihre Saarbrücker Poetikdozentur begonnen – höchst unterhaltsam.

Der Angst des Torwarts vorm Elfmeter entspricht die Panik des Dramatikers vorm Vortrag. Wo man sich sonst hinter der Rede seiner Figuren versteckt, heißt es nun, öffentlich das eigene Werk zu hinterfragen: eine Zumutung für AutorInnen, die eher weniger zur Selbstreflexion neigen, und eine solche meint Rebekka Kricheldorf (Jahrgang 1974) zu sein.

Dennoch hat sie die Herausforderung der achten Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik angenommen und gab sich gleich beim hervorragend besuchten Eröffnungsreferat im Mittelfoyer des Staatstheaters  weitaus analytischer und stringenter, als sie sich selbst einschätzte – es war ein veritables Vergnügen, ihren heiter selbstkritischen, auf diversen Meta-Ebenen erhellenden Ausführungen zu lauschen. Die Poetikdozentur für Dramatik ist im deutschsprachigen Raum die erste und einzige Vortragsreihe ihrer Art und wird seit dem Wintersemester 2011/12 ausgerichtet: von der Universität des Saarlandes in Kooperation mit dem Saarländischen Staatstheater, der Landeshauptstadt Saarbrücken und der VHS Regionalverband Saarbrücken. Als Kompendium der Gegenwartsdramatik liegen die Vorträge von Kricheldorfs Vorrednern Rimini Protokoll, Roland Schimmelpfennig, Kathrin Röggla, Albert Ostermaier, Falk Richter, Milo Rau und She She Pop mittlerweile gedruckt vor.

Märchen, Mythen, Monster – das sind die bevorzugten Sujets Kricheldorfs, die als Fachkraft für Farcen, aberwitzige Komödien und Grotesken gefragt und mehrfach ausgezeichnet ist, sich aber nach eigenem Bekunden nie groß um Komödien- und Lachtheorien geschert hat. Verstörung und Ambivalenz nennt sie als Anlass zum Schreiben, dabei hegt sie Empathie für „Monster“ und verfolgt damit durchaus Absichten – frei nach Camus’ Credo „Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.“

Bei ihrer ersten von drei Vorlesungen widmete sie sich folgerichtig der Komik und deren lebensrettender Funktion – Humor als Waffe zur Selbstverteidigung. „Ich habe meine Waffe zum Beruf gemacht“, sagte Kricheldorf. Sie schlug einen Bogen von ersten eigenen Akten der Notwehr in Gestalt von Schmähgedichten bis zu den Absichten und Mechanismen verschiedener Formen des Witzes. Dabei rekurrierte sie immer wieder auf das eigene Schaffen, das sie als „Gebrauchsdramatik“ von kontext-gebundener Mindesthaltbarkeit definiert: Kricheldorf glaubt nicht an einen unerschöpflichen Fundus von Geschichten, sie sieht sich vielmehr als „Verwursterin“ von Fremdmaterial, das sie auffrischt, indem sie es aus anderen Blickwinkeln betrachtet. Einsicht in die eigene Lächerlichkeit als Basis der Verständigung: In den Niederungen zwischen Trieb und Zivilisation gedeiht der Humor am besten, jegliches krampfhafte Bemühen um Ernsthaftigkeit und Würde ist eine potenzielle Quelle der Komik, das wusste schon Jean Paul („Der Humor ist das umgekehrte Erhabene.“).

Aber wer lacht mit wem, wer über wen? Was unterscheidet pure, also relevanz-befreite, von angewandter Komik; wann wird schwarzer zum diskriminierenden Humor? Wie viel Selbstzweifel braucht der Humor, wenn in jedem Satiriker ein Moralist steckt, dessen „Bescheidwissen“ aber bedenklich überheblich ist? Wilhelm Busch, den Urvater des Comic-Strips, verehrt Kricheldorf als „Menschenkritiker“, der just vor dieser Selbstgefälligkeit warnte. „Vieles davon würde ich gerne über mich sagen können“, bekannte Kricheldorf, „wäre da nicht der Onkel-Nolte-Zeigefinger“.

Am 24. Juni (20 Uhr) spricht Kricheldorf im Schlosskeller „Über verstörende Unterhaltung“ und am 1. Juli (auch 20 Uhr) in der Stadtgalerie „Über Werwölfe“. Eintritt frei.

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