„Das Fest“ beim Festival Perspectives

„Das Fest“ beim Festival Perspectives : Angerichtet, um gerichtet zu werden

Zum Finale des Saarbrücker Festivals Perspectives war Cyril Testes Bühnenversion von Thomas Vinterbergs Film „Das Fest“ zu sehen. Wie gut funktioniert die auch technisch ambitionierte Verbindung von Kino und Theater?

Thomas Vinterbergs  „Das Fest“  (1998) ist nicht alleine deshalb berühmt geworden,  weil der Film damals die von Vinterberg und Lars von Trier initiierte dänische Dogma-Bewegung begründete, die alles Artifizielle aus dem Kino verbannen wollte, Reduktion predigte und  etwa auf Handkamera und  natürliches Licht setzte. Nein, Vinterbergs Film brannte sich insbesondere wegen seines  familiären Missbrauchsthemas  tief ins Gedächtnis, das er mit einer an antike Dramen erinnernden Wucht ausspielte,  die er allerdings mit Haut und Haaren im Hier und Heute  verankerte.

Zum Finale der Saarbrücker Perspectives war im E-Werk am Freitag und Samstag eine Mischform von Vinterbergs  „Fest“  zu sehen – Regisseur Cyril Teste und  das in Annecy beheimatete „Collectif  MxM“ machten daraus gewissermaßen ein  Filmstück, das Theater und Kino miteinander paarte und uns eine  (am Ende von stehenden Ovationen begleitete) Sternstunde künstlerischer Vergegenwärtigung bescherte. Was sie selbst eine  „filmische Performance“  nennen,  führen Teste und MxM in  ihrer „Das Fest“-Adaption  zu  makelloser Perfektion.  Ganz klassisch inszenieren sie Vinterbergs  Filmdrama-Inzest  einerseits als (auf deutsch übertiteltes)  Theaterstück, machen daraus aber zugleich einen Live-Film mit eingeblendeten Großaufnahmen, wodurch sich nicht nur die Darstellungsebenen auf  hinreißende Weise erweitern, sondern auch die (so den rückwärtigen Teil der Bühne raffiniert mit ausnutzenden) Räume, Perspektiven und  selbst die Realitätsebenen. Letzteres immer dann, wenn plötzlich  die tote Linda einer Fata Morgana gleich auf der Leinwand über der Bühne eingeblendet wird.

„Das  Fest“  schildert die sich binnen eines Tages ereignende Zerstörung einer großbürgerlichen dänischen Familie, die anlässlich des 60. Geburtstags ihres Familienoberhaupts Helge zu einem Festmahl  zusammenkommt. Der älteste Sohn Christian offenbart in seiner Tischrede unvermittelt, dass der Vater ihn und seine Zwillingsschwester Linda, die sich mittlerweile das Leben genommen hat, jahrelang sexuell missbraucht hat – geduldet von ihrer Mutter.  Weil nicht sein kann, was nicht sein darf und alle anderen (darunter auch Christians impulsive, berufliche erfolglose Geschwister Michael und Helène) sich der kollektiven Fassadenpflege  verschrieben haben, wird das Opfer kurzerhand zum Spinner und Störenfried erklärt.   Am Ende wird erst ein Brief, in dem Linda die Motive für ihren Selbstmord offenbart, dem nach außen hin fürsorglichen Vater – wie auch dem unter seiner Ägide jahrzehntelang praktizierten verlogenen Rollenspiel – das Genick brechen.

Den auf mustergültige Weise  beklemmenden Abend trägt zum einen das exzellente Schauspielensemble, aus dem neben dem furiosen Mathias Labelle als Christian insbesondere Sandy Boizard (Helène) und Hervé Blanc (Helge) herausragen. Zum anderen zehrt  er von den dramaturgischen Früchten seines filmischen Performance-Formats: Die live  eingefangenen  Kamerabilder (gefilmt von zwei ständig auf und hinter der Bühne agierenden Kameramännern) kommentieren  oder konterkarieren  beständig  das Bühnengeschehen, belauschen  Zwiegespräche, entfalten Parallelhandlungen  und offenbaren dadurch jede Intrige, aber auch jede (ansonsten leicht zu übersehende)  innere Regung. Die von Valérie Grall eingerichtete Bühne selbst zeigt – in Pastelltöne getaucht und gesäumt von raumhohen, von blütenweißen Vorhängen verhüllten Fenstern –  das  Interieur eines mondänen Herrenhauses mit Salon und Gästezimmern.

„Ist es meine Schuld, wenn meine Kinder komplette Versager sind?“, versucht Helge zum Erhalt seiner Lebenslüge bis zuletzt jeden Widerstand kleinzureden. Cyril Teste nuancierte Regiearbeit zeigt, dass dieses – machen wir uns nichts vor: in unserer Gesellschaft in vielerlei Varianten tagtäglich Anwendung findende – Hackordnung-Konzept, andere  aus Gründen der Selbsterhöhung zu diskreditieren,  fast aufgegangen wäre. Droht Christian, mürbe gemacht von den Vorhaltungen seiner Eltern und Geschwister, doch immer wieder einzuknicken. Die Bediensteten sind es, die ihm bei der Abrechnung mit dem eigenen Vater den nötigen Beistand geben. Zivilcourage, auch das nimmt man mit aus diesem überwältigenden Abend, braucht manchmal eben auch Gesinnungsgenossen.

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