Um zwölf Uhr gibt es zwölf Trauben

Um zwölf Uhr gibt es zwölf Trauben

Neunkirchen/Elversberg. Elena Copa sieht mit einem lachenden und einem weinenden Auge ihrem Abschied entgegen. Mitte Januar ist es für die 27-Jährige soweit. Dann geht es mit dem Flugzeug wieder nach Bolivien, in ihre Heimat. Ein ganzes Jahr hat sie in Spiesen-Elversberg als Freiwillige verbracht

Neunkirchen/Elversberg. Elena Copa sieht mit einem lachenden und einem weinenden Auge ihrem Abschied entgegen. Mitte Januar ist es für die 27-Jährige soweit. Dann geht es mit dem Flugzeug wieder nach Bolivien, in ihre Heimat. Ein ganzes Jahr hat sie in Spiesen-Elversberg als Freiwillige verbracht. Übers Bistum Trier kam sie ins Saarland, hat unter der Woche im Jugendcafé in Neunkirchen gearbeitet. Durchweg positive Erfahrungen habe sie hier gemacht, sei, nach anfänglicher Zurückhaltung, ein viel offenerer Mensch geworden.Mit Spiesen-Elversberg verband sie bereits eine Freundschaft. Die 19-jährige Selina Duckstein aus Elversberg lernte die Bolivianerin 2010 kennen. Damals kam Selina in Elenas Heimatort, nach El Alto, um dort ihren sozialen Friedensdienst im Kinder- und Jugendprojekt "Palliri" zu absolvieren.

So wie sich Selina erst an das Leben in Bolivien anpassen musste, so war es auch für Elena nicht einfach, sich an den saarländischen Alltag zu gewöhnen, wie sie beim Besuch in unserer Redaktion berichtet. Schwierigkeiten hatte sie vor allem mit der deutschen Pünktlichkeit. "Ich habe am Anfang meistens den Bus verpasst. Doch in diesem Punkt habe ich mich sehr gebessert. Ich habe hier gelernt, dass man in manchen Situationen doch besser pünktlich sein sollte", lacht die gelernte Erzieherin.

"In Bolivien lebt man doch sehr bequem. Da ticken die Uhren anders. Will man sich um 14 Uhr treffen, macht man sich um diese Uhrzeit - wenn überhaupt - erst auf den Weg zum Treffpunkt", berichtet Selina Duckstein von ihren Erfahrungen in Elenas Heimatland

Und auch Weihnachten, wie es bei uns begangen wird, war für die Bolivianerin eine neue Erfahrung "Das war etwas ganz Besonderes für mich. Auch schon die Adventszeit mit dem Adventskalender. So etwas kennen wir Zuhause nicht. Ich habe normalerweise auch keinen echten Weihnachtsbaum. In Bolivien haben die Familien Plastikbäume", so die 27-Jährige. Gemeinsam mit Selinas Eltern habe sie einen Baum frisch geschlagen und ihn geschmückt. Doch ihr größter Wunsch hat sich an Heiligabend nicht erfüllt: "Ich habe mir ganz dolle weiße Weihnachten gewünscht". Diese Begierde sei, wie Selina erklärt, darauf zurückzuführen, dass in Bolivien im Dezember Sommer ist: "Auch ansonsten schneit es dort kaum. Und wenn es mal schneit, dann bleibt der Schnee nicht liegen", sagt Selina Duckstein.

An Silvester brachte Elena dann bolivianisches Brauchtum nach Elversberg. Gemeinsam mit der Familie Duckstein begrüßte sie dort das neue Jahr. "Um zwölf Uhr isst jeder zwölf Trauben. Jede Traube steht für einen Monat. Schmeckt die Traube süß, so wird dieser Monat gut. Ist sie sauer, so wird er weniger gut", erklärt Elena. Danach geht es mit Koffern beladen in den ersten fünf Minuten im neuen Jahr auf die Straße: "Mit dem Gepäck muss man in diesen fünf Minuten ganz viele Treppen steigen oder eine steile Straße hinaufgehen. Je mehr man geht, umso mehr wird man im neuen Jahr reisen." Bei ihr habe dieser Brauch an Silvester 2010 Wirkung gezeigt. "Siehe da, ich bin hier", sagt sie und lacht. Das Wahren der Bräuche wird in Bolivien groß geschrieben, weiß auch Selina Duckstein: "Der Glaube an diese Überlieferungen ist dort viel stärker als bei uns."

Doch an eines glauben Elena und Selina gemeinsam: "Wir werden uns wiedersehen. Ganz sicher."

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