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Christoph Fries will die erste private Corona-Test-Station für den Landkreis Neunkirchen

Christoph Fries gibt nicht auf : Ein Gastwirt, der letzte Wünsche erfüllt

In den sieben Städten und Gemeinden des Landkreises Neunkirchen leben 131 000 Menschen, 64 500 Männer und 66 500 Frauen (Info: Kreis). Und jeder von ihnen ist etwas ganz Besonderes. In dieser Serie stellen wir in lockerer Folge Menschen vor und das, was sie so besonders macht. Heute: Christoph Fries aus Wemmetsweiler.

Das hätte sich Christoph Fries im Leben nicht träumen lassen: Dass er mal eingestellt wird, um Leute mit Wattestäbchen zu traktieren. Aber so sind nun mal die Zeiten. Statt im Eingangsbereich des ASB-Seniorenheims in Illingen Abstriche in Nasen und Rachenhöhlen vorzunehmen, würde der 50-Jährige natürlich lieber hinter seiner Theke im Wachdersch in Wemmetsweiler stehen und Bier zapfen. Wäre da nicht dieser depperte Virus.

Man darf eigentlich gar nicht darüber nachdenken. All die Veranstaltungen, die landauf, landab in der Gastronomie und natürlich auch in dem auf stolze 120 Jahre zurückblickenden Wemmetsweiler Traditionsgasthaus ersatzlos weggefallen sind: die ganzen Weihnachtsfeiern, alle Silvester- und Fastnachtsspartys, von Jubiläen und Hochzeiten ganz zu schweigen. „Politisch sind wir desillusioniert“, sagt Fries. Der Frust nach dem neuerlichen verschärften Lockdown war so groß, dass er sich temporär von der Anrufliste der Notfallseelsorge streichen ließ. Wer selber angefressen ist, kann schlecht trösten.

Für einen Schaffer wie Fries, dessen Passion es ist zu helfen, nimmt sich die aktuelle Situation besonders bitter aus. „Bei uns im Lokal liegt alles brach.“ Solange kein Datum für die Lockerung der Beschränkungen fest steht, habe er „keinen Antrieb“, da irgendwas zu tun. „Wenn ich jetzt sauber mache, fang ich dann noch mal von vorn an.“ So viel Freizeit wie jetzt hatte er in den letzten 20 Jahren nicht. Damals, exakt am 31. Oktober 2000, seine Frau Sandra war gerade schwanger, übernahm er als 30-Jähriger das Wachdersch – misstrauisch vom älteren Stammpublikum beäugt. „Der macht uns heimatlos, der Jungsche“, hieß es damals. Doch der gelernte Betriebsschlosser, Rettungssanitäter und Sozialreferent schaffte es mit seinem „Urig, ehrlich, echt“-Konzept, vier Generationen ans Haus zu binden. Wozu seine Familie einen nicht unerheblichen Beitrag lieferte. Seine Mutter stand von Anfang an in der Küche, wo sie selbst heute noch mit knapp 80 Jahren Salat zubereitet. Seine Ehefrau Sandra Born-Fries, Erzieherin in einer Kita, hilft jeden Donnerstag mit und an allen Wochenenden.

Mit den sieben Tagen Urlaub, die ihm im Rahmen seiner auf ein Vierteljahr befristeten halben Stelle bei den Samaritern zustehen, tut sich Fries noch etwas schwer. Bezahltes Nichtstun ist einem Selbstständigen von Haus aus etwas suspekt. Was nicht immer so war. Gelernt hat der gebürtige Wemmetsweiler bei Saarstahl. „Ich war in dem ersten Lehrjahr, wo es laut neuer Ausbildungsverordnung plötzlich Industriemechaniker, Fachrichtung Betriebstechnik, hieß.“ Knapp vier Jahre blieb er im Betrieb, dann leistete Fries, der wie schon sein Vater der Freiwilligen Feuerwehr im Ort angehörte, Zivildienst beim Roten Kreuz. Er lernte Rettungssanitäter und arbeitete im Anschluss an den Zivildienst noch ein Jahr hauptamtlich fürs DRK.

Seiner zukünftigen Frau war er da schon lange begegnet – übers Ehrenamt. Beide engagierten sich als Jugendleiter bei den Sommerlagern der katholischen Kirche: 120 Kinder, und immer „ausverkauft“. „Eine super Zeit“, erinnert sich Sandra Born-Fries, und eine echte Familienangelegenheit: „Meine Mama war Köchin, mein Bruder hat dort ebenfalls seine Frau kennengelernt und wir unsere besten Freunde“, zählt Christoph Fries auf. Die damals geknüpften Kontakte halten bis heute.

Im Katholisch-Sozialen Institut Bad Honnef belegte er später eine Weiterbildungsmaßnahme zum Organisationssekretär/Sozialreferenten. Anders als ursprünglich geplant, hätte er diesen Beruf jedoch aufgrund von Umstrukturierungsmaßnahmen nur außerhalb des Saarlandes ausüben können. Für Fries undenkbar. Er kam zurück und überbrückte die Zeit der Neuorientierung mit ehrenamtlichen Einsätzen beim Rettungsdienst. Durch Zufall fand er Arbeit als Kältemechaniker und Gefallen daran, was ihm wiederum den Weg in die Gastronomie ebnete. „Wir haben damals in neuen Wirtschaften für Brauereien Schankanlagen gebaut.“ Der Schritt ins Wachdersch war dann schon kein besonders großer mehr.

Dem DRK-Rettungsdienst blieb Christoph Fries stets treu. Bis heute fährt er pro Monat zwei Einsätze. Und weil er zu oft erlebt hat, dass man Angehörige nach erfolglosen Reanimationsversuchen ihrer Lieben sich selbst überlassen muss, hat er noch die Notfallseelsorge-Ausbildung absolviert. Als der ASB Saar vor drei Jahren das Wünschewagen-Projekt realisierte, war Fries von Stunde Null an dabei.

Schon vorher waren Sandra und er für jede Spendenaktion zu haben gewesen, ob für die Rumänienhilfe, „Ein Herz für Kinder“ oder Britta Schug aus Scheuern. Bei der ersten Fahrt des Wünschewagens, die gleich mal 1000 Kilometer bis nach Usedom führte, war der Gastwirt an Bord. Fries ist der Joker im Pool der 140 ehrenamtlichen Helfer. Wenn niemand kann, springt er ein. So auch am letzten Freitag, als es einen Mini-Wunsch zu erfüllen galt: Eine schwerkranke Frau wollte von ihrem Wasserbett in ein Pflegebett ins Stockwerk darunter umziehen. Dafür musste die Patientin die enge Wendeltreppe nach unten geschafft werden.

Auch hinterm Steuer des Wünschewagens des ASB sitzt Fries seit dessen Gründung. Foto: Fatima Abbas

Langweilig wird es Christoph Fries also auch in Pandemiezeiten nicht. Und die nächste Idee ist schon geboren: Zusammen mit seinem Sohn will er im Wachdersch das erste private Corona-Test-Zentrum des Landkreises eröffnen. Den Wattestäbchen bleibt er also noch eine Zeit lang treu.