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Interview mit den Kandidaten für die Landratswahl in Merzig-Wadern

Interview: Daniela Schlegel-Friedrich und Stefan Krutten : Sie wollen den Kreis weiterbringen

Die beiden Kandidaten für die Landrats-Wahl im Kreis Merzig-Wadern haben sich den Fragen der SZ gestellt.

In Gesprächen bemerkt man immer wieder: Viele Menschen wissen gar nicht so genau, was ein Landrat eigentlich tut. Frau Schlegel-Friedrich, Sie haben 15 Jahre Erfahrung in dem Job. Was sind die Aufgaben eines Landrats?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Nahezu alle sozialen Sicherungssysteme, die die öffentliche Hand anbietet, sind auf der Kreisebene angesiedelt. Wir sind Schulträger – alle weiterführenden Schulen gehören zum Landkreis, fast 10 000 Schülerinnen und Schüler besuchen unsere Schulen. Wir managen mit unserer Bauaufsicht das große Thema Bauen. Die Kreisordnungsbehörde, zu der auch die Straßenverkehrsbehörde gehört, kümmert sich um Themen wie Brandschutz, Katastrophenschutz, Rettungswesen oder das Jagd- und Waffenwesen. Das Gesundheitsamt mit seinen vielfältigen Aufgaben im Hygiene- und Gesundheitsschutz gehört zu uns – und natürlich der Tourismus als wichtiges Entwicklungsthema. Dann sind wir im ÖPNV Aufgabenträger und noch vieles mehr.

Ein richtig breites Aufgabenfeld. Herr Krutten, was reizt Sie daran?

KRUTTEN Gerade die Vielfalt ist sehr interessant. Natürlich sind Themen dabei, die einen besonders reizen: da ich aus der beruflichen Bildung komme, natürlich Bildung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Bildung und die Förderung von Kindern und Jugendlichen sind Themen, die Sie sich beide auf die Fahnen geschrieben haben. Wo sehen Sie derzeit konkret Verbesserungspotenzial?

KRUTTEN Zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Chancengleichheit gehört für mich, dass wir gebundene Ganztagsschulen anbieten. Das ist auch für die schwächeren Schüler eine gute Sache, weil mehr Lehrpersonal vorhanden ist und die sozialpädagogische Betreuung am Nachmittag besser gewährleistet wird.

Warum gibt es noch nicht mehr Angebote?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Weil es bisher von den Schulen nicht beantragt wurde. Am Hochwald-Gymnasium und der Gemeinschaftsschule in Beckingen haben die Schulen ein Ganztagsangebot beantragt und der Kreistag hat dem Antrag auch stattgegeben. Es waren gute Konzepte vorhanden und die Raumfrage konnte ebenfalls positiv geklärt werden.

Gibt es in Beckingen schon Erfahrungswerte?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Die Schulleitung ist sehr zufrieden und berichtet, dass ihr Konzept trägt. An der einen oder anderen Stelle wird sicher noch etwas nachgesteuert, aber es haben sich jetzt 52 Kinder für das nächste Schuljahr angemeldet. Das ist ein Erfolg.
KRUTTEN Auch dort waren vorher die Schülerzahlen rückläufig. Der Bedarf ist vorhanden.

SCHLEGEL-FRIEDRICH Wir hatten in Beckingen die Situation, dass viele Schüler, deren Eltern den gebunden Ganztag präferiert haben, nach Dillingen abgewandert sind. Von denen konnte ein Teil zurückgewonnen werden.

Sind Sie grundsätzlich eher für gebundenen oder freiwilligen Ganztag?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Wir haben vor allem in der Grundschule die Situation, dass mittlerweile mehr Kinder in der Betreuung sind als nach Hause gehen. Deshalb glaube ich, dass an Grundschulen langfristig von Eltern dem gebundenen System der Vorzug eingeräumt wird, zumal dieses System vom Bildungsministerium besser ausgestattet wird. An den weiterführenden Schulen sehe ich es ein bisschen anders. Ab der siebten Klassen gehen die meisten Kinder nach der Schule nach Hause und organisieren sich gerne selbst.
KRUTTEN Grundsätzlich sehe ich, dass bei den gebundenen Schulen die pädagogische Betreuung besser ist. Und: Wenn die Kids nach Hause kommen, ist, was Schule betrifft, alles erledigt und sie können ihrer Freizeit nachgehen.

Der Kreis ist ja auch Koordinator der Kindertagesbetreuung. Sind denn die Betreuungsmodelle und Öffnungszeiten, die wir im Kreis haben, noch zeitgemäß?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Im Krippenbereich haben wir mittlerweile für 35 Prozent der Kinder ein Angebot. Das wird weiter ausgebaut werden müssen. Im Kindergartenbereich halten wir für fast alle Kinder Ganztagsplätze vor und haben an vielen Standorten erweiterte Öffnungszeiten. Ob darüber hinaus noch Bedarf da ist, muss man sehen. Und auch inwiefern das noch kompatibel mit den Bedürfnissen eines Kindes ist.
KRUTTEN Was in diesem Bereich auch noch ein Thema ist, sind die Erzieherinnen und Erzieher. Da wird es langsam schwierig, vor allen Dingen bei uns in der Grenzregion.

Was kann ein Landkreis oder ein Landrat unternehmen, um die Situation zu verbessern?

KRUTTEN Generell ist das Thema Berufsorientierung ein ganz wichtiges, nicht nur bei Erziehern und Pflegeberufen. Selbst Firmen wie Saargummi haben mittlerweile Probleme, Auszubildende zu finden – ganz zu schweigen von unseren Handwerksbetrieben und kleinen Betrieben.

Wie steht es derzeit um die Berufsorientierung?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Die Berufsorientierung in Schulen ist sehr lange ganz überwiegend projektorientiert betrieben worden. Aus meiner Sicht war das große Problem, dass es keine kontinuierliche Begleitung gab. Im letzten Jahr hat der Kreistag auf meinen Vorschlag entschieden, dass wir an allen Schulen Sozialarbeiter einsetzen, die sich um das Thema Berufsorientierung kümmern – von Klasse sieben bis zum Ausscheiden aus der Schule ist dann ein Ansprechpartner da, der die Schüler und die Lehrer unterstützt.
KRUTTEN Die Eichenlaubschule in Weiskirchen hat ein wirklich tolles Konzept schon ab der fünften Klasse. Die haben Eltern, die aus verschiedenen Berufen kommen, Betriebe sowie die Arbeitsagentur mit im Boot.

Passt die Struktur, die wir an den beruflichen Schulen haben, noch? Oder müsste man darüber nachdenken, das Angebot auszuweiten und zum Beispiel eine dritte Schule im Kreis zu etablieren?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Gerade die beruflichen Schulen brauchen heute eine enorme Infrastruktur. Auch die Differenzierung ist heute so groß, dass man schauen muss, dass man Klassen zusammenbekommt. Das wird eher zu noch weniger Standorten im Saarland führen. Wir sind natürlich bestrebt, unsere Standorte zu erhalten und zu stärken. Es war für uns ein Erfolg, dass die Erzieherinnenausbildung ab dem nächsten Schuljahr zusätzlich in Merzig angeboten werden kann.
KRUTTEN Bei uns im Landkreis ist ein großer Teil der Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor beschäftigt. Das heißt: Viele, die andere Arbeitsplätze haben, gehen Richtung Dillinger Hütte, Saarstahl, Fordwerke. Von daher gehen sie auch dort in die Berufsschulen. Ich denke auch nicht, dass wir im Kreis noch Bedarf haben.

Kommen wir mal zu einem anderen Thema: Während bei den Schulen der Kreis der Träger ist, ist er beim Tourismus einer von mehreren Akteuren, die Tourismuszentrale des Saarlandes und die Gemeinden und Städte machen auch viel. Braucht man da den Landkreis überhaupt?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Man braucht ihn unbedingt. Auf Landesebene ist die Marketing-Organisation verortet und sie entwickelt gemeinsam mit der Landesregierung die Tourismus-Strategie. Die Städte und Gemeinden kümmern sich um die konkrete Infrastruktur, sie legen also zum Beispiel Wanderwege an. Die Aufgabe der Landkreis-Ebene ist es, sich um die Produktentwicklung und die Qualitätssicherung zu kümmern. Wir koordinieren die Dinge nach oben Richtung Land und nach unten zu den Städten und Gemeinden und sorgen für ein abgestimmtes Vorgehen. Premiumwandern ist zum Beispiel ein Produkt, das auf der Landkreis-Ebene entwickelt wurde. Ich glaube, dass das eine gute Aufgabenverteilung ist – wobei es zwischen den Städten und Gemeinden und dem Landkreis ein bisschen verschwimmt. Wir arbeiten aber daran, die Zusammenarbeit noch klarer zu definieren.

Was kann verbessert werden?

KRUTTEN Es sollte so sein, dass der Kreis mit den Städten deutlich enger zusammenarbeitet. Wir haben einige touristische Highlights zu bieten: tolle Rad-Wander-Wege, den Baumwipfelpfad, das Kupferbergwerk in Düppenweiler, die Fußballgolf-Anlage. Man könnte überlegen, ob man Kombitickets anbietet. Im Zeitalter der Digitalisierung wäre für mich auch eine App etwas, was auf Kreisebene oder auf Landesebene sinnvoll sein könnte. Wenn man sieht, wie viele Radfahrer unterwegs sind, müssen wir auch die entsprechenden Infrastukturen schaffen, wie Ladestationen für E-Bikes. Was mir in bestimmten Bereichen fehlt – gerade für den Rad- und Wandertourismus – ist Gastronomie. Gerade in meiner Heimat-Gemeinde Beckingen sieht das ganz schlecht aus.

Man muss im Tourismus ja in größeren Räumen denken: Der Saar-Hunsrück-Steig verläuft auch durch Rheinland-Pfalz und wir haben in unmittelbarer Nähe viele Dinge, die touristisch von hohem Wert sind – Trier, Luxemburg, Frankreich oder auch den Bostalsee. Wie kann man über die Landkreis-Grenze hinaus denken?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Es ergibt Sinn, dass der Landkreis in den Saarland-Tourismus eingebettet ist. Die Idee, Leuten Kombitickets anzubieten, ist auch aufgegriffen worden mit der Saarland-Card. Im Landkreis selbst haben wir eine gemeinsame GmbH. Nahezu alle Produktentwicklungen ziehen sich über alle Städte und Gemeinden und alle Gemeinden sehen den Tourismus als wichtiges Aufgabenfeld.

Es ist dann aber schade, dass zum Beispiel Nonnweiler oder Nohfelden nicht dabei sind…

SCHLEGEL-FRIEDRICH Irgendeine Grenze muss man immer ziehen, auch wenn der Tourist die nicht sieht.

Zurück zur Wahl allgemein: Wie stellen Sie sich im Vergleich zum Gegenkandidaten dar?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Wir sind zwei Kandidaten, die sich kennen und schätzen. Ich glaube, dass ich im Amt mehr Erfahrung habe und klare Vorstellungen habe, wo noch welche Weiche zu stellen ist. Ich habe auch das Netzwerk, um Dinge schnell voranzubringen und sehe die Stellen, an denen die Bedarfe sind. Ich denke, dass ich thematisch breiter aufgestellt bin als Herr Krutten.
KRUTTEN Ich komme aus anderen Bereichen, war sehr lange in der Aus- und Weiterbildung und kenne die Betriebe im Kreis. Durch meine Tätigkeit in der Landespolitik habe ich sehr gute Beziehungen auf Landes- und Bundesebene. Ich kenne den Kreis sehr gut und bin vereinsmäßig sehr aktiv. Ich glaube, in vielen Bereichen viel Erfahrung zu haben – sicherlich nicht als Landrat, aber in Themen, die das Landratsamt betreffen.

Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen für den Landkreis Merzig-Wadern? Was werden die großen Themen?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Ein großes Thema wird die Bildungspolitik bleiben, weil das ein Bereich ist, der sich permanent entwickelt und wo der Schulträger immer gefordert ist. Die Jugendhilfe wird ganz sicher ein Schwerpunkt bleiben, und ein wichtiger Bereich wird Fachkräftemangel und Berufsorientierung sein. Regionalentwicklung, Daseinsvorsorge, Digitalisierung auch in der Verwaltung – es gibt einige spannende Themen, die ohne den Landkreis nicht funktionieren.

Sie sehen also keine Chance, dass das Konstrukt Landkreis einmal wegfallen könnte?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Nein. Die Gemeinde ist oft zu klein und das Land ist zu weit weg – da braucht man eine Ebene dazwischen, die Dinge in die Hand nimmt.
KRUTTEN Definitiv werden Bildung und Jugendhilfe Themen sein. Auch bei dem Thema Fachkräfte müssen wir uns Gedanken machen, auch gemeinsam mit unseren Städten und Gemeinden. Wir müssen auch überlegen, was wir tun können, um wirtschaftlich wieder etwas mehr Vielfalt in den Kreis zu bringen. Was sicherlich auch ein wichtiges Thema sein wird: Vereine und Ehrenamt. Wenn man sieht, was aufgrund von Dingen wie Hygieneverordnung und Datenschutzgrundverordnung in den letzten Jahren passiert ist – da müssen wir etwas tun.

Was werden Sie am Wahltag machen?

KRUTTEN Abends treffen wir uns in Merzig und werden das Ergebnis gemeinsam analysieren. Tagsüber werden wir mal schauen, was das Wetter macht – vielleicht ein kleines bisschen um die Familie kümmern.
SCHLEGEL-FRIEDRICH …und erstmal ausschlafen.

Können Sie am Tag vor der Wahl denn schlafen?

SCHLEGEL-FRIEDRICH Das weiß ich noch nicht (lacht) – ich hoffe es.

Wenn Herr Krutten gewinnt: Welchen Tipp würden Sie ihm mit auf den Weg geben?

Die Kandidaten für den Landrat, Daniela Schlegel-Friedrich und Steffan Krutten Foto: Werner Krewer Foto: Werner Krewer
Landrätin Daniela Schlegel-Friedrich Foto: Werner Krewer Foto: Werner Krewer

SCHLEGEL-FRIEDRICH Ich glaube, dass das erfolgreiche Arbeiten nur nachhaltig gelingt, wenn man die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ja Fachleute sind, intensiv einbindet. Ich würde ihm empfehlen, das im Sinne des Landeskreises weiter zu tun.