Die Krise ist noch nicht überstanden"Wir dürfen jetzt den Kopf nicht hängen lassen""Heuschrecken" in die Schranken weisen

Die Krise ist noch nicht überstanden"Wir dürfen jetzt den Kopf nicht hängen lassen""Heuschrecken" in die Schranken weisen

Beckingen. "Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat unseren Organisationsbereich hart getroffen", bedauerte Hiry. In der Metall- und Elektroindustrie ging die Produktion um 26 Prozent, bei den Auftragseingängen sogar um 31 Prozent in den Keller

Beckingen. "Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat unseren Organisationsbereich hart getroffen", bedauerte Hiry. In der Metall- und Elektroindustrie ging die Produktion um 26 Prozent, bei den Auftragseingängen sogar um 31 Prozent in den Keller. Die Kapazitätsauslastung hatte in manchen Unternehmen die kritische Marke von 40 Prozent erreicht, was Massenentlassungen und Werkschließungen zur Folge hatte. Die meisten der von der IG Metall betreuten Betriebe konnten allerdings die Anzahl ihrer Beschäftigten durch Kurzarbeit sichern. Dennoch weiß Hiry, dass man die Auswirkungen der Krise auch im Jahr 2010 zu spüren bekommen werde. "Dieses Jahr, das ist unsere Losung, darf kein Jahr der Entlassungen werden", fordert der Gewerkschaftler. Die Liquiditätspolster vieler Betriebe seien aufgezehrt und es bedürfe starker Betriebsräte, die auch in Zukunft verhinderten, dass der ein oder andere Arbeitgeber nach Gutsherrenart die Belegschaft rauswerfe, Stammbelegschaften erpresse und Standorte platt mache. Hiry bezweifelt, dass sich die Wirtschaft mit mageren Wachstumsraten von knapp 1,5 Prozent überhaupt erholen könne. Sorge bereitet ihm, in welchem Maße die Sturmwellen der Finanzkrise jetzt auch die Staatshaushalte erreichen. "Ich kann nur staunen, wie untätig die Regierungen in Deutschland und der EU diesem gefährlichen Treiben zuschauen", so Hiry. Die Mitglieder-Bilanz fällt annähernd ausgewogen aus. Obwohl die Wirtschaftskrise den Mitgliederschwund in den Gewerkschaften wieder beschleunigt hat, und in den Branchen der IG Metall knapp 200 000 Arbeitsplätze verloren gingen, blieb die Mitgliederzahl relativ stabil. Sehr zufrieden gab sich der IGM-Funktionär mit den Ergebnissen der letzten Betriebsratswahlen. Bislang wurden in 26 Betrieben 245 Betriebsräte gewählt. Mit weit über 90 Prozent bei sehr hoher Wahlbeteiligung erhielt die IG Metall gute Zustimmung und ist damit mit starken Mandaten in den Betrieben vertreten. In 28 Betrieben, in denen 139 Mandate zu vergeben sind, stehen die Wahlen noch aus. "Die guten Ergebnisse sind ein Zeichen dafür, dass die Belegschaften erkannt haben, wie wichtig starke Betriebsräte sind", sagte Hiry.Beckingen. Der Solidarität ihrer Gewerkschaftskollegen können sich die 340 Mitarbeiter der in Insolvenz befindlichen Acument sicher sein, betonte Guido Lesch bei der Delegiertenversammlung. "Die Kollegen der Firma Acument haben solidarisch mit der IG Metall für den Standort und die Arbeitsplätze in Beckingen gekämpft und werden weiterkämpfen", sagte Lesch. Man könne jedenfalls festhalten, dass das Insolvenzverfahren der Beckinger Schraubenfabrik in den nächsten Monaten beendet sein wird. Private Finanzierungsgesellschaften hätten alleine den Profit im Fokus ihres Geschäftsgebarens. Der alte Eigner Acument, Teil des Equity-Fonds Platinium mit Sitz in den USA, bleibt auch nach erfolgtem Insolvenzverfahren alleiniger Gesellschafter. Auch Beckingens Bürgermeister Erhard Seger (CDU) weiß, dass es ohne die Gewerkschaften in vielen Betrieben nicht gut bestellt ist, versprach seine uneingeschränkte Solidarität. Gerfried Lauer, Betriebsratsvorsitzender des insolventen Unternehmens, ging mit seinem Arbeitgeber hart ins Gericht. Nichts sehnlicher wünscht sich Lauer, als dass seine Arbeitskollegen halbwegs unbeschadet aus dieser Geschichte rauskommen. "Wir müssen diese Heuschrecken in die Schranken weisen", ergänzt Guido Lesch. owaBeckingen. Der Insolvenzplan, der unter anderem einen beachtlichen Personalabbau vorsieht, wird mit dem Gläubigerausschuss beraten und danach der Gläubigerversammlung und dem Insolvenzgericht vorgelegt. "Danach soll das Insolvenzplanverfahren bis Mai/Juni dieses Jahres beendet sein und das Unternehmen im normalen Betrieb weiterlaufen", sagte Guido Lesch, Zweiter Bevollmächtigter der zuständigen IG Metall-Verwaltungsstelle. An allen deutschen Acument-Standorten werden demnach 445 Arbeitsstellen gestrichen. Der Standort Beckingen ist mit insgesamt 46 Stellen vom Verfahren betroffen. "Da in Beckingen allerdings schon 16 Arbeitsplätze abgebaut wurden, verbleiben noch für das laufende Kalenderjahr 30 zu reduzierende Stellen", erläutert Lesch. Erhalten werden also rund 305 zunächst gesicherte Arbeitsplätze. Somit sei dieser Standort weit weniger von den Streichungen betroffen, als andere deutsche Standorte. "Wir haben es gemeinsam mit den Mitarbeitern geschafft, eine weichere Position zu erkämpfen, und das bedeutet für das Beckinger Werk eine besondere Stabilität", so Lesch. Zunächst gründet diese Vereinbarung auf einem Jahresumsatz von 196 Millionen Euro. Erste Kündigungen würden bereits am 1. April ausgesprochen, und fünf Mitarbeiter würden davon betroffen sein. Die weiteren Kündigungen seien bis zum Sommer zu erwarten. "Geht allerdings der Umsatz hoch, werden unverzüglich Kündigungen zurückgenommen", sagt Betriebsratsvorsitzender Gerfried Lauer, da mit der verbleibenden Restbelegschaft Umsatzsteigerungen nicht zu realisieren seien. Zurzeit sei die Auftragslage noch bis Mitte des Jahres gesichert. Direkt in die Arbeitslosigkeit entlassen wird keiner der Betroffenen. Eine Transfergesellschaft wird die 30 Kündigungen auffangen und diesen Mitarbeiten auf die Dauer von zwölf Monaten 82 Prozent des letzten Nettogehaltes vergüten. "Wir werden alles versuchen, die Kolleginnen und Kollegen schnellstmöglich wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen", sagte Lauer. Mit befreundeten Firmen sei bereits Hilfe organisiert, darin setze man große Hoffnung. "Die Belegschaft der Acument hat in den Monaten der Insolvenz seit Anfang August des vergangenen Jahres treu und sauber ihre Arbeit verrichtet", lobte der Gewerkschafter Lesch. "Die Auswahl der Kündigungen erfolgt nach einenem Punktesystem", sagt der Betriebsratsvorsitzende und schaut optimistisch in die Zukunft: "Wir dürfen den Kopf jetzt nicht hängen lassen." owa

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