1. Saarland

"Ein Kampf gegen Windmühlen"

"Ein Kampf gegen Windmühlen"

Dillingen. "Jeder Tag Schule trägt dazu bei, dass aus meinem stotternden Kind ein lebenslang behinderter Mensch wird", fasst Dr. Mathias Kremer zusammen

Dillingen. "Jeder Tag Schule trägt dazu bei, dass aus meinem stotternden Kind ein lebenslang behinderter Mensch wird", fasst Dr. Mathias Kremer zusammen. Kremer ist der Vorsitzende der Elternselbsthilfegruppe "pro voce" und ehemaliger Vorsitzender der Bundes-Vereinigung Stotterer-Selbsthilfe (BVSS) - und weiß als selbst Betroffener und betroffener Vater genau, wovon er spricht.2005 schlossen er und andere Eltern von stotternden Kindern sich zum Verein "pro voce" zusammen, "um Erfahrungen auszutauschen und aus den Erfahrungen anderer zu lernen." Für fast alle Eltern ist es ein schwerer Schritt, aus ihrer Isolation herauszutreten, weiß Kremer: "Was da geweint wurde, als man zum ersten Mal hörte, dass andere dasselbe durchlitten." Der Teufelskreis aus Scham, Schuldgefühlen und Verdrängung muss zunächst durchbrochen werden, sagt der Dillinger: "Wir wollen Eltern dazu ermuntern, in die Offensive zu gehen."

Der Verein versteht sich auch als Ansprechpartner für Erzieher und Lehrer. Zu oft wollen Eltern eine echte Störung nicht wahrhaben und ignorieren das Problem zu lange, denn Stottern ist situativ und hat viele Erscheinungsformen. Fällt es Erziehern auf und haben sie zudem den Mut, Eltern offen darauf anzusprechen, blocken diese nicht selten ab.

Kommen die Kinder in die Schule, wird es richtig schlimm: Hänseleien der Mitschüler und der Druck, zum Beispiel in Fremdsprachen, mündliche Leistungen bringen zu müssen, machen jeden Tag zur Qual. Fast alle Eltern stießen über massive Schulprobleme zum Verein.

Als Behinderung anerkannt

"Stottern ist eine anerkannte Sprechbehinderung", betont Kremer. So gibt es auch im Schulgesetz den "Nachteilsausgleich", der besagt, dass Kindern mit einer Beeinträchtigung kein Nachteil entstehen darf, Stotternden zum Beispiel keine mündlichen Prüfungen zugemutet werden. Trotzdem sieht die Realität oft anders aus, weiß der Physiker aus eigener Erfahrung.

Etwa 70 Elternpaare aus dem ganzen Saarland treffen sich regelmäßig. Der Verein bringt aber auch die betroffenen Kinder und Jugendlichen in Gruppen zusammen. Eine solche Initiative ist deutschlandweit bisher einmalig, trotz der hohen Zahl an Betroffenen. Kremer ahnt, warum: "Viele Eltern von stotternden Kindern stottern selbst sehr stark, das macht es schwierig, eine Gruppe zu organisieren, weil man zum Beispiel viel telefonieren muss."

Der engagierte Verein hat über viele Wege versucht, die Situation für stotternde Kinder zu verbessern - über Erzieher, über die Träger der Kitas, über Logopäden, über die Krankenkassen, über Kinderärzte.

Ein Pilotprojekt im Landkreis Saarlouis versuchte 2007 auf Initiative der Eltern, den Schülern Integrationslehrer zur Seite zu stellen, die zwischen Klasse, Lehrer, Logopäden und stotterndem Kind vermitteln sollten. 15 Eltern hatten diese Förderung beantragt, aber das Projekt wurde nach einem Jahr abgebrochen. Warum? "Es gehört sehr viel pädagogisches Engagement dazu, wirklich etwas zu erreichen", drückt sich Kremer vorsichtig aus.

2009 kündigte der damalige Gesundheitsminister Gerhard Vigener (CDU) an, Stottertests bei der Einschulungsuntersuchung einzuführen, ein großes Anliegen des Vereins. Eine frühe Erkennung ist wichtig, das ist seit Jahren bekannt. Ein zehnminütiger Test genügt, zur Verfügung gestellt von einer Frankfurter Professorin, um mögliche Stotterer auszufiltern und Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Trotzdem wurde die Maßnahme bis heute nicht eingeführt.

"Es ist ein Kampf gegen Windmühlen", bedauert Kremer. "Wir haben nichts erreicht, nichts am System verbessert - wir können nur die Folgen des Missstands zu lindern versuchen."

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