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Trauer um Ex-“Tatort“-Ermittler
Au revoir, Herr Kommissar! – Abschied von Jochen Senf

Ermittler-Duo: Kommissar Palu (Jochen Senf, r.) und Assistent Stefan (Gregor Weber) 2001 vor der Völklinger Hütte im „Tatort“ „Du hast keine Chance“.
Ermittler-Duo: Kommissar Palu (Jochen Senf, r.) und Assistent Stefan (Gregor Weber) 2001 vor der Völklinger Hütte im „Tatort“ „Du hast keine Chance“. FOTO: dpa / Becker & Bredel
Berlin/Saarbrücken. Als frankophiler SR-„Tatort“-Ermittler Max Palu ging der Schauspieler jahrelang in Saarbrücken auf Verbrecherjagd. Jetzt ist er in Berlin gestorben. Von Frauke Scholl und Caroline Bock
Frauke Scholl

Radelnd, ein Baguette unter dem Arm, auf dem Weg zum nächsten Tatort: So war es oft sonntags ab 20.15 Uhr, wenn der frankophile Kommissar Max Palu aus Saarbrücken über den Bildschirm fuhr – und in bundesdeutschen Wohnzimmern ein Saarland-Bild erspielte, das dramaturgisch zuweilen noch näher an Frankreich lag als geografisch. Authentisch war die Rolle, die Jochen Senf für 17 Jahre und 18 „Tatorte“ spielte, trotzdem – zumal viel von dem Schauspieler in dem Ermittler steckte, die beide gerne kochten, Rotwein liebten und gern Rad fuhren. Mit 18 „Tatort“-Folgen hat Senf einen Platz in der Fernsehgeschichte bekommen. In der Nacht zu gestern ist der Schauspieler mit 76 Jahren in Berlin gestorben.


Auf Verbrecherjagd für den Saarländischen Rundfunk ging Max Palu zum ersten Mal am 24. Januar 1988 – als Nachfolger der vorigen Saarbrücker Ermittler, Horst Schäfermann (Manfred Heidmann) und Peter Liersdahl (Dieter Eppler). „Salü Palu“ hieß die erste Folge um den Neuen mit wenig Haar und eigenen Methoden, der es gleich mit Mädchenhandel im Grenzgebiet zu tun bekam – und so oft mit „Salü“ begrüßt wurde, als handele es sich um eine im Saarland übliche Formel. Um die Heimatbezüge entzündete sich fortan so mancher Disput, vor allem an der Saar. Gleichwohl avancierte Max Palu unter den ARD-Kommissaren zur echten Type. In einer Mischung aus knurrig und charmant.

Dass er viel von sich selbst in die Rolle gelegt hatte, sagte Senf selbst, als er mit 45 beim „Tatort“ anheuerte. „Ich spiele den Kommissar so, wie ich selbst bin“. Palu war seine erste große Fernsehrolle: „Ich weiß nicht mal, wie man eine Pistole hält.“ Die Schauspielerei hat Senf im Saarland gelernt, seiner langjährigen Heimat. Als Kind kam der gebürtige Frankfurter nach Saarbrücken. Sein Vater Paul war in den 50er Jahren parteiloser Minister im Landeskabinett von Johannes Hoffmann. In Saarbrücken studierte Sohn Jochen Germanistik und Romanistik und besuchte die Schauspielschule.

Für den Saarländischen Rundfunk war er schon vor seiner „Tatort“-Karriere Hörspieldramaturg, auch war Senf Krimiautor, gründete das Kinder- und Jugendtheater „Überzwerg“ in Saarbrücken mit, spielte Theater, führte Regie und war im Kino zu sehen, etwa 2015 in „Unser letzter Sommer“. Senf engagierte sich auch sozial, arbeitete früher in Jugendzentren, unterstützte eine Initiative gegen häusliche Gewalt.

Das Aus als „Tatort“-Kommissar kam 2005. Der Titel der letzten Folge, „Rache-Engel“, passte zu seinem realen Abschied vom Sender, der nicht harmonisch verlief. Daran erinnerte gestern auch SR-Intendant Thomas Kleist: Der Sender und Senf seien nicht immer einer Meinung gewesen. „Und dennoch waren er und sein Max Palu prägende Figuren für den Saarländischen Rundfunk. Dafür sind wir beim SR sehr dankbar.“



Dabei ging es hoch her zum Finale. Gegenseitige Angriffe in der Presse, gekürzte Szenen im letzten Film, schlechte Stimmung. Im ZDF schimpfte Senf, der sich weggemobbt fühlte, über „Provinzdarsteller“ auf dem Halberg und auf die Zukunft des Saar-„Tatort“– um die sich fortan sein bisheriger Assistent Stefan Deininger (Gregor Weber) und der neue Kommissar Franz Kappl (Maximilian Brückner) kümmerten, die Vorgänger des aktuellen (und scheidenden) Kommissars Jens Stellbrink (Devid Striesow), der mit Lisa Marx (Elisabeth Brück) ermittelt.

Nach dem „Tatort“ wurde es ruhiger um Senf, der zwei Kinder hinterlässt. Die „Süddeutsche Zeitung“ fand, im Umgang mit Menschen sei Senf wie sein Palu: „Auf eine manchmal nicht unbedingt diplomatische Weise ehrlich, dafür zuverlässig, engagiert und kumpelig“. Einige Jahre war der Schauspieler mit Margret Lafontaine, der Ex-Frau des einstigen saarländischen Ministerpräsidenten, zusammen. Zuletzt lebte Senf in Berlin. Vor zwei Jahren besuchte ihn die „Bild“-Zeitung in einem Pflegeheim und zitierte ihn mit den Worten: „Es geht mir scheiße“. Über seine Krankheit wollte er damals nichts Genaueres verraten, doch das Laufen falle ihm schwer. Der SR berichtete gestern von einem komplizierten Oberschenkelhalsbruch.

Neben dem SR verabschiedete sich gestern auch Neu-Außenminister und Saarländer Heiko Maas (SPD) von dem Charakter-Kommissar. Maas twitterte: „Adieu Palu.“

So kannte man ihn: Jochen Senf radelte als Kommissar Palu in Saarbrücken von Tatort zu Tatort.
So kannte man ihn: Jochen Senf radelte als Kommissar Palu in Saarbrücken von Tatort zu Tatort. FOTO: Scherer, Andrea