1. FC Kaiserslautern mit Traumstart „Superdramatisch und typisch Betze“

Kaiserslautern · Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern gewinnt das Auftaktspiel der 2. Fußball-Bundesliga gegen Hannover 96 vor über 40 000 Zuschauern im Fritz-Walter-Stadion mit 2:1. Kevin Kraus schießt die Pfälzer in der Nachspielzeit ins Glück. Und das, obwohl Trainer Dirk Schuster in der Schlussphase nur noch das Remis retten wollte.

 Mike Wunderlich bejubelt das Tor zum 1:0 des 1.FC Kaiserslautern gegen Hannover 96. Es war der erste Treffer der neuen Zweitliga-Saison überhaupt. Und der Grundstein für den glücklichen 2:1-Erfolg der Pfälzer.

Mike Wunderlich bejubelt das Tor zum 1:0 des 1.FC Kaiserslautern gegen Hannover 96. Es war der erste Treffer der neuen Zweitliga-Saison überhaupt. Und der Grundstein für den glücklichen 2:1-Erfolg der Pfälzer.

Foto: IMAGO/Eibner/IMAGO/Eibner-Pressefoto/Alexander Neis

Was für ein Glück für Dirk Schuster, dass er so eine widerspenstige Mannschaft hat. Wäre es nach dem Trainer des 1. FC Kaiserslautern gegangen, wären seine Roten Teufel nämlich in der 92. Minute nicht mehr ins Risiko gegangen. 1:1 stand es zu diesem Zeitpunkt am Freitagabend im Auftaktspiel der 2. Fußball-Bundesliga zwischen dem Aufsteiger FCK und Hannover 96 auf dem Betzenberg. „Ich habe eigentlich gehofft, dass wir die Ecke kurz ausführen und die Zeit runterticken lassen“, gab Schuster auf der Pressekonferenz nach der Partie freimütig zu. Und ergänzte mit einem breiten Grinsen. „Doch den Gefallen haben mir die Jungs nicht getan.“

Stattdessen brachte Hendrick Zuck den Standard an den zweiten Pfosten. Neuzugang Tyger Lobinger fabrizierte mit dem Kopf eine Kerze. Kenny Redondo brachte das Leder per Fallrückzieher vors Tor. Und Abwehrchef Kevin Kraus traf vor 40 579 Zuschauern im Fritz-Walter-Stadion zum 2:1-Endstand. Der Rest war rot-weiße Ekstase auf dem Betze. Nach vier Jahren Drittklassigkeit startet der FCK mit einem Sieg über den Aufstiegsaspiranten aus Niedersachsen in die neue Saison der 2. Liga.

„Das war wieder superdramatisch und typisch Betze. Wir sind einfach ein geiles Team“, jubelte Stürmer Terrence Boyd. „Wir haben unser Herz auf dem Platz gelassen und viel Mentalität gezeigt“, sagte Siegtorschütze Kraus und lobte die Unterstützung der Fans: „Was man hier bewegen kann, hat man schon in den letzten Wochen der vorigen Saison gemerkt. Man spürt, was der FCK der Region bedeutet. Wenn man hier vor vollem Haus alles reinhaut, kriegt man das direkt zurück.“ Und Trainer Schuster lobte: „Wir haben uns mit jeder Faser diesem Spiel verschrieben und wollten unbedingt den Beweis erbringen, dass wir in der 2. Liga mithalten können. Wie die Mannschaft das umgesetzt hat, war genial“.

Die Pfälzer setzten von Beginn an auf Kampf und Leidenschaft, was Hannover lange nicht behagte. Die Gäste hatten zwar mehr Ballbesitz, strahlten aber in der ersten Halbzeit keine Torgefahr aus. Auch weil der FCK, bei dem Neuzugang Erik Durm – der bei der SG Rieschweiler das Fußballspielen lernte – als Linksverteidiger auflief, kompromisslos verteidigte. In der sechsten Minute hatte Durm seine erste starke Aktion, als er einen Angriff der Hannoveraner mit einem rustikalen aber fairen Tackling stoppte.

Vorne bissen sich die Niedersachsen an der Defensive der Roten Teufel die Zähne aus – und hinten leisteten sie sich einen folgenschweren Fehler. Hannovers Verteidiger Julian Börner spielte in der elften Minute einen katastrophalen Rückpass auf Torwart Ron-Robert Zieler. Boyd spritzte dazwischen und bediente Routinier Mike Wunderlich, der den Ball unter Bedrängnis mit der Pieke ins Tor spitzelte. Mit 36 Jahren und 112 Tagen löste Wunderlich damit Wolfgang Funkel als ältesten Liga-Torschützen der Pfälzer ab.

Und der Leitwolf der Lauterer hätte sechs Minuten später beinahe nachgelegt. Ein Schlenzer Wunderlichs touchierte noch den rechten Außenpfosten. Der Treffer hätte aber nicht gezählt. Der 36-Jährige stand im Abseits. Trotzdem war der FCK dem 2:0 näher als 96 dem Ausgleich. Ein Linksschuss von Neuzugang Ben Zolinski strich rechts am Tor vorbei (17. Minute). Und kurz darauf hatten die Gäste Glück, dass sie nicht in Unterzahl agieren mussten. Der bereits verwarnte Hannoveraner Gael Ondoua traf Wunderlich mit dem Arm am Hals. Schiedsrichter Sven Waschitzki-Günther beließ es bei einer letzten Ermahnung (23.).

Nach nicht einmal einer halben Stunde wurde auf beiden Seiten bereits gewechselt. Beim FCK musste der bis dahin auffällig agierende Zolinski verletzt vom Platz, für ihn kam Kenny Redondo. Hannover nahm den Rot gefährdeten Ondoua vom Feld. Am Spielverlauf änderte sich vorerst nichts. Die Hausherren ließen die Gäste kommen, hatte aber die Chancen. Einen Distanzschuss von Redondo konnte Zieler nur mit Mühe abwehren (40.). Lauterns Torwart Andreas Luthe musste vor der Pause nicht einen Ball halten.

Das änderte sich nach dem Seitenwechsel. Nach rund einer Stunde wurde Hannover immer stärker. Der im Sommer von Union Berlin geholte Luthe erwies sich in der folgenden Druckphase aber als sicherer Rückhalt und verhinderte eine Viertelstunde vor Schluss mit einer Glanzparade bei einem Freistoß von Sebastian Kerk zunächst den möglichen Ausgleich. Der fiel dann fünf Minuten später aber doch. Nach einem Angriff der Gäste über die linke Seite konnte FCK-Verteidiger Boris Tomiak die Hereingabe nicht entscheidend klären. Hannovers Cedric Teuchert machte den Ball wieder scharf. Lauterns Julian Niehues versuchte noch zu retten. Doch das Leder landete genau vor den Füßen des eingewechselten Norwegers Havard Nielsen, der nach 80. Minuten das 1:1 markierte. In der Schlussphase spielten dann nur noch die Niedersachsen. FCK-Trainer Schuster hätte sich damit anfreunden können, wenn seine Mannschaft den Punkt nur noch über die Zeit bringt. Doch zum Glück sah seine Mannschaft es anders – und verwandelte den Betzenberg nach Kraus‘ Treffer in der Nachspielzeit in ein wahres Tollhaus.

„Wir haben eine brutale Leidenschaft an den Tag gelegt. Umso schöner ist es, dass wir kurz vor Schluss das Siegtor machen konnten. Das war ein perfekter Start“, jubelte Wunderlich. Kevin Kraus trat indes ein wenig auf die Euphoriebremse: „Man braucht jetzt nicht in Jubelstürme auszubrechen. Das waren drei Punkte von 40, die wir holen wollen“. Ähnlich sah es Kaiserslauterns Geschäftsführer Thomas Hengen. „Ein perfekteres Ende kannst du dir zum Auftakt natürlich nicht wünschen, aber wir müssen schon anerkennen, dass ein Punkt für Hannover verdient gewesen wäre. Sie haben uns in der zweiten Halbzeit gezeigt, wie man in der 2. Liga Fußball spielt“.

Schuster sah ebenfalls, dass seine Mannschaft „nach 60, 65 Minuten in die Bredouille gekommen“ sei. Er lobte aber: „Trotzdem haben wir uns heute für eine überragende taktische Leistung belohnt. Wir haben lange gar nichts zugelassen.“ Der 54-Jährige ergänzte: „Die Mannschaft hat nachgewiesen, dass sie bereit ist, sich zu quälen. Es macht uns stolz, dass wir dieses Eröffnungsspiel gewonnen haben und die Fans im Stadion und an den Fernsehgeräten glücklich in die Nacht schicken konnten.“

Sein zweites Saisonspiel bestreitet der 1. FC Kaiserslautern am kommenden Samstag um 13 Uhr auswärts bei Holstein Kiel.