Glosse : Feste Zeiten

Das Abendland geht zwar noch nicht unter, zeigt aber kulinarisch bereits deutliche Auflösungserscheinungen. Denn immer mehr Deutsche essen nicht mehr zu festen Zeiten.

Laut einer Allensbach-Studie lösen sich feste Ernährungsgewohnheiten auf wie Zucker im Kaffee. Na gut, das steht da zwar nicht so, schmeckt aber danach. Denn rund ein Drittel der Befragten isst nur noch dann, wenn sie gerade Hunger oder Zeit haben. Dass beides zusammenfällt, ist gar nicht mehr vorgesehen.

Vermutlich muss also das Hungergefühl der Menschen wieder an gemeinsame Zeiten trainiert werden. Analog zur Pawlowschen Glocke, die bei Hunden den Speichelfluss auslöst, funktioniert etwa bei Kollegen die Frage: „Gehen wir in die Kantine?“ Schon knurrt der Magen – oder der Mitarbeiter, der vor lauter Arbeit nicht essen gehen kann. Manche versuchen allerdings auch, das moderne und traditionelle Konzept in einen Topf zu werfen: Sie essen immer zu festen Zeiten und dazwischen, wenn sie Hunger haben. Das trägt sowohl dem Individualismus als auch der Geselligkeit Rechnung. Nicht gezählt wird auch  Nahrungsaufnahme durch das ein oder andere Gläschen. Dafür gelten flüssige Zeiten.