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Experte will „Neustart des sozialen Wohnungsbaus“

Experte will „Neustart des sozialen Wohnungsbaus“

Staat und Kommunen müssen für bezahlbaren Wohnraum sorgen, denn der Bedarf ist da: Zwischenbilanz der Partnerschaftsgespräche des Saarlouiser Netzwerks von Partnerstädten. Einigkeit auch darin: Eher den Bestand sanieren, als gleich neu zu bauen.

In Städten des Partnerschaftsnetzes von Saarlouis ist sozialer Wohnungsbau ein großes Thema. Das unterstrichen am ersten Tag der 28. Partnerschaftsgespräche in Saarlouis Alain Bette aus Saint-Nazaire und Marco Antonie Luengo Castro aus Avilès in Nordspanien. Diese Kommunen verfügen über Bündel von Maßnahmen, die zu bezahlbarem Wohnraum führen sollen. 20 Prozent des Wohnraums in Saint-Nazaire seien öffentlich gefördert, sagte Bette. Stadt und Gemeindeverband rissen inzwischen die Bauten der 50er ab oder sanierten sie. 2016 bis 2021 sollen zusätzlich 2000 dieser Wohnungen gebaut werden. In Avilès will man Fehler der Vergangenheit ausbügeln und Gettos vermeiden.

Christian Lieberknecht, einer der Geschäftsführer des GdW Bundesverbandes deutscher Wohnungsbau- und Immobilienunternehmen, forderte einen "Neustart im sozialen Wohnungsbau ". Bedarf bestehe allein schon deswegen, weil jedes Jahr bundesweit 80 000 Mietwohnungen aus der Mietpreis-Bindung herausfallen, also meistens (nicht immer) erheblich teurer würden. Zu diesen 80 000 Ersatz-Wohnungen kämen weitere 60 000, deren Miete bezahlbar sei, ohne dass sie öffentlich gefördert würden. Für diese 140 000 Wohnungen, zu denen noch ein möglicher Mehrbedarf gerechnet werden müsse, werde aber viel zu wenig gebaut, sagte Lieberknecht. Er schlug der Politik ein ganzes Paket mit Maßnahmen vor, wie Bauen schneller, billiger und effektiver bezuschusst werden könnte.

Im Jahr 2000 hätten die Mitgliedsverbände seiner Organisation in städtischen Regionen geförderte Wohnungen im Schnitt für 1700 Euro pro Quadratmeter gebaut, heute seien es 2800. Nachholpotenzial sieht Lieberknecht bei Handwerksbetrieben und kleineren Betrieben in teuren Wohnregionen, diese könnten angesichts von Nachwuchsmangel Mitarbeiterwohnungen errichten..

In Saarlouis hatte GBS-Chef Knut Kempeni vom Land ein neues Verfahren zur Förderung von Sozialwohnungen gefordert (SZ vom Freitag). Rückendeckung bekam er jetzt von Grünen und Linken. Die grüne OB-Kandidatin Claudia Beck forderte: Das Land müsse "endlich mehr Geld in den Bau von bezahlbarem Wohnraum stecken", sonst komme es "zu einer echten Krise". Investoren bauten höherpreisige Immobilien - und "damit die falschen". Auch Linken-Kreischef Sascha Sprötge fürchtet "soziale Verwerfungen", wenn es an bezahlbaren Wohnraum fehle. Die Wartezeiten seien zu lang, "viele Betroffene sind auf sich allein gestellt", klagt Sprötge.

Meinung:

Entscheidende Zukunftsfrage

Von SZ-Redakteur Mathias Winters

Wie ein Déjà-vu der Debatten um Forschung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder demografischen Wandel: Seit Jahrzehnten ist klar, dass etwas (und eigentlich auch: was) passieren muss, aber es tut sich nichts. Die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum ist entscheidend für die Zukunft städtischer Räume.

Es ist unentschuldbar, dass sich auf Bundesebene Minister um ein paar Cent Wahlkampf-Steuererleichterungen Gedanken machen, bevor sie auf diesem Feld ihre Hausaufgaben erledigen. Aufwachen, Berlin!