| 20:51 Uhr

Unterwegs mit Stadtreinigern
Hundekottüten im Gully, Reifenberge im Wald

Edmund Gebert, Mitarbeiter der Straßenreinigung Völklingen, hat beim Parkplatz am Waldfriedhof einige Müllsäcke aus dem Gebüsch gefischt, die unverantwortliche Zeitgenossen dort hingeworfen haben.
Edmund Gebert, Mitarbeiter der Straßenreinigung Völklingen, hat beim Parkplatz am Waldfriedhof einige Müllsäcke aus dem Gebüsch gefischt, die unverantwortliche Zeitgenossen dort hingeworfen haben. FOTO: BeckerBredel
Völklingen. Für die Sauberkeit in der Innenstadt und den Stadtteilen sorgen in Völklingen so genannte Handreiniger. Wir haben zwei Mitarbeiter der Straßenreinigung eine Weile bei ihrer Tour durch Ludweiler begleitet. Von Ulrike Paulmann

Diese Tüten mit Schlachtabfällen. Schaf-Kadaverreste, in mehreren Tüten in der Straße Vorderster Berg zurückgelassen. Die Maden darin. Wenn Ferdinand Detemple an den Moment denkt, als er die entsorgen musste, ekelt es ihn immer noch. Obwohl er schon seit zehn Jahren den Job macht. Einen Job, in dem der 53-Jährige schon einiges gesehen hat. Vor allem viel, viel Müll, jeden Tag aufs Neue. Oftmals achtlos weggeworfen: von den Zigarettenkippen, die jemand aus seinem Auto-Ascher auf die Straße gekippt hat, bis zur alten Matratze und Bauschutt am Waldrand.


Der Heidstocker erzählt das, während er auf dem Beifahrersitz eines Kleintransporters sitzt. Mit seinem Kollegen Edmund Gebert, 56, fährt der Familienvater durch Ludweiler. Beide Männer sind Mitarbeiter der Völklinger Straßenreinigung und heute als so genannte Handreiniger unterwegs.

 Es gilt bei einer Tour wie dieser unter anderem, die städtischen Papierkörbe auszuleeren, Hundekottüten aufzufüllen, die Hinterlassenschaften nach Kirmessen und Co. zu beseitigen und all’ das aufzusammeln, was andere in die Gegend geworfen haben, statt es korrekt zu entsorgen. Die Handreiniger halten nach wildem Müll Ausschau, um ihn zu entfernen, oder gehen gezielt vor, wenn sie Hinweise vom Ordnungsamt bekommen. Auf der Pritsche des Wagens liegen die Utensilien bereit, die Gebert und Detemple dabei brauchen oder brauchen könnten: zwei große Mülltonnen mit je 240 Litern Fassungsvermögen, Besen, Schaufeln, Papierzangen, Felgenkratzer, Hacke, Laubrechen, Eimer.



 Zum Einsatz kommen sie schnell. Jeder der 40 Mülleimer im Stadtteil wird angefahren, immer wieder das Schlüsselpaar aus der Tasche genommen, der Eimer entsperrt und der Inhalt in die große braune Tonne auf dem Transporter geleert. „Oft ist da auch Hausmüll drin, vor allem in Luisenthal“, erzählt Detemple. Da liege die Vermutung nah, dass so mancher benachbarte Saarbrücker, weil dort der Müll gewogen werde, auf diese Weise sparen wolle. Sprichts und springt schon wieder beim nächsten Eimer raus, um ihn zu leeren. An der nächsten Station hängt auch ein Behälter für Hundekottüten, die füllt Kollege Gebert auf: „Die kommen sehr gut an“, berichtet er. Weniger erfreulich: Nicht jedes Tütchen landet im Müll, sondern manchmal auch im Gully. Warum? Darauf haben die beiden Straßenreiniger kein Antwort. Außer, dass sie sowas „ganz schlimm“ finden – sie sind diejenigen, die den Frevel dann beseitigen müssen.

 Den Kopf schütteln über das Verhalten mancher, ja, das müssen sie sehr oft. Unverständnis kommt immer wieder auf, wenn Leute sich offenbar viel Mühe machen, ihren Müll verbotenerweise irgendwo im Wald abzuladen, statt ihn bei den entsprechenden Stellen abzugeben. Einen kleinen Eindruck davon gibt’s beim Stopp auf dem Parkplatz mit Bushaltestelle am Ludweiler Waldfriedhof an der Werbelner Straße.

„Hier ist eigentlich sonst noch viel mehr“, wundern sich die Müll-Experten mit einem Blick über den bewaldeten Platz. Doch trotz „Vorführeffekt“: Dem Laien reicht der Anblick schon, um einen nachhaltigen Einblick zu bekommen. Pflaster und Papiertücher liegen auf dem Boden. Vorne hat jemand Rasenschnitt und abgeschnittene Kirschlorbeerzweige abgelegt. Weiter hinten blitzt ein blauer Sack hervor. Edmund Gebert, der von sich selbst sagt, „sehr schmerzfrei“ zu sein, streift die Arbeitshandschuhe über, watet durch die Brennesseln ins Gebüsch und kommt mit mehreren gammeligen blauen Säcken, einem gelben Sack und einem kaputten Eimer zurück. „Nein, ich kucke da nicht rein“, sagt der Wehrdener kopfschüttelnd, als er alles auf die Pritsche wirft. Aus dem blauen Sack quillt Pappe. Sie hätte bequem in einem Papiercontainer entsorgt werden können.

 Zuweilen ist die Arbeit körperlich richtig fordernd: „Vor einiger Zeit haben wir in der Klarenthaler Straße über 100 Autoreifen aus dem Wald geholt“, erinnert sich Ferdinand Detemple an eine besonders dreiste Aktion. Gebert hat noch gut die diversen Schaufensterscheiben im Kopf, die Unbekannte einfach hingelegt hatten. „Die waren schwer, das war gefährlich.“ Jemanden auf frischer Tat ertappt haben sie noch nie. „Das machen die Leute ja meistens nachts.“

 Durch ihre Tätigkeit nähmen sie jetzt eher wahr, was ihnen vorher gar nicht ins Auge gefallen sei, das sagen beide. Und trotz des Unverständnisses über das unverantwortliche Verhalten einiger Mitmenschen: Den zwei Männern, die in ihrem Leben schon einige ganz andere Jobs hatten, gefällt die Arbeit, nicht nur, weil sie „täglich an der frischen Luft“ sind. Sie ist abwechslungsreich. Neben solchen Touren sind die Straßenreiniger auch anderweitig aktiv. Detemple, der sich scherzend als „Mädchen für alles“ bezeichnet, mag es besonders, die Kehrmaschinen oder das Schneeauto zu fahren. Gebert ist in der Straßenreinigung, im Winterdienst, bei Mäharbeiten und bei den Laubaktionen im Herbst aktiv. Auch die regelmäßige Rufbereitschaft über Nacht gehört zu ihren Aufgaben (siehe Artikel unten). Während Gebert das erzählt, stoppt er wieder den Transporter. Der nächste Papiereimer. Er bleibt ungeleert hängen, weil kaum was drin ist. Dagegen findet wenig später eine alte Holzleiter schwungvoll ihren Weg auf das städtische Fahrzeug, sie wurde am Friedrich-Ebert-Platz liegen gelassen.

Ludweiler, versichern die beiden, sei „ein sehr sauberer Stadteil“, hier reiche in der Regel die Reinigungstour einmal die Woche. Anderswo müsse man öfter hin, in der City werde täglich gereinigt. Und überhaupt, montags gebe es immer besonders viel Müll, heute sei vergleichweise wenig zusammengekommen.

Dennoch. Auch diese eher geringe Müllmenge aus dem Vorzeige-Stadtteil ist schon genug, das zeigt sich bei der Rückkehr aufs Bauhof-Gelände. Allein der Inhalt der Papierkörbe füllt in der Regel zwei 240-Liter-Tonnen. Dazu kommt der wilde Müll, den Detemple, Gebert und ihre Kollegen in den großen Sieben-Kubikmeter-Container werfen. Der wurde gerade geleert, erklärt Detemple, noch ist nicht viel drin. Von einer anderen Tour stammen Müllsäcke, eine Kaffeemaschine und ein alter Stuhl. Die beiden Männer wissen aber nur zu gut, dass er sich wieder schnell füllen wird.

Papierkörbe an Haltestellen und Co. leeren, das ist die Aufgabe der so genannten Handreiniger. Hier ist Ferdinand Detemple am Werk.
Papierkörbe an Haltestellen und Co. leeren, das ist die Aufgabe der so genannten Handreiniger. Hier ist Ferdinand Detemple am Werk. FOTO: BeckerBredel
Kaum geleert, ist er schnell wieder gefüllt: Der bei den Touren aufgelesene wilde Müll landet in einem Container auf dem Bauhof.
Kaum geleert, ist er schnell wieder gefüllt: Der bei den Touren aufgelesene wilde Müll landet in einem Container auf dem Bauhof. FOTO: Ulrike Paulmann