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Völklinger Boxer holt Silber
Auf Sparflamme Geschichte geschrieben

Der Syrer Wessam Slamana (links), hier bei einer Box-Gala des BC Lucky Punch Saarbrücken im Kampf gegen  Youssef Joui aus St. Avold, ist überraschend deutschen Vizemeister geworden.
Der Syrer Wessam Slamana (links), hier bei einer Box-Gala des BC Lucky Punch Saarbrücken im Kampf gegen Youssef Joui aus St. Avold, ist überraschend deutschen Vizemeister geworden. FOTO: Wieck / Thomas Wieck
Völklingen. Wessam Slamana hat bei der deutschen Meisterschaft Silber geholt. Der Kämpfer vom BC 82 Völklingen sorgte für die erste Medaille für die Saarländische Box-Union seit 29 Jahren. Von Mirko Reuther

Vor mehr als 29 Jahren schaffte Harald Wildanger eine Sensation. Der damalige Boxer der KG Saarlouis/Fraulautern war 1988 im Finale der deutschen Meisterschaft im baden-württembergischen Schriesheim gegen den amtierenden Junioren-Weltmeister Michael Löwe klarer Außenseiter. Weltergewichtler Wildanger hatte seine Gewichtsklasse in Deutschland zwar über Jahre dominiert. Er  war zum Zeitpunkt des Kampfes aber bereits 34 Jahre alt. Der Saarländer wurde von Löwe zweimal auf die Bretter geschickt und schien wie der sichere Verlierer. Doch Wildanger lauerte auf seine Chance. Er hatte vor dem Kampf beobachtet, dass Löwe nach einer Schlagserie seine Deckungshand sinken ließ und schlug seinen Gegner in der dritten Runde K.o. – seither wartete die Saarländische Box-Union (SBU) im Herrenbereich auf eine Medaille.


Bis zum vergangenen Dezember – da gewann der gebürtige Syrer Wessam Slamana vom BC 82 Völklingen bei den offenen deutschen Meisterschaften in Lübeck für die SBU die Silbermedaille im Leichtgewicht. Dass Slamana nicht wie Wildanger Gold holte, war eine dramatische Angelegenheit. Im Finale versetzte ihm sein Gegner Saeed Omer vom Landesverband Berlin zu Beginn der zweiten Runde einen Kopfstoß. Slamana zog sich eine klaffende Wunde am Nasenrücken zu. Nach einer kurzen Behandlung brach der Ring-Arzt den Kampf ab. Weil der Kopfstoß als unabsichtlich gewertet wurde, bewerteten die Punktrichter, wer zum Zeitpunkt des Abbruchs vorne lag – und Omer gewann knapp.

„Wessams Gegner ist in der ersten Runde zweimal ermahnt worden, weil er mit dem Kopf voran in den Mann gestürmt ist. Beim dritten Mal hätte es eine Verwarnung geben müssen“, sagt Bernd Roth. Der Sportwart und Trainer des BC Völklingen ist Schiedsrichter-Obmann der SBU. Er hadert: „Wenn das passiert wäre, hätte Wessam das Urteil wohl bekommen. Das war einfach nur Pech.“



Dass sein Schützling ins Finale einzog, war für Roth bereits eine Überraschung. „Er ist auch schon 32 Jahre alt und trainiert eher auf Sparflamme. Seine Gegner wurden alle stärker eingeschätzt. Ich hatte meine Zweifel, ob Wessam noch den Biss hat, sich gegen die jüngeren Konkurrenten durchzusetzen. Aber er hat mich eines Besseren belehrt“, lobt ihn Roth.

In der ersten Runde des Turniers sorgte Slamana schon für eine Überraschung. Dort traf er auf Nenad Simic. Der Bundesliga-Boxer von Traktor Schwerin galt als Turnierfavorit. Slamana entzog sich seinem Gegner geschickt, setzte im Rückwärtsgang immer wieder Treffer und wurde nach einer taktischen Glanzleistung zum knappen Punktsieger erklärt. „Wessam ist ein Bewegungstalent. Er ist ganz schwer zu boxen, egal wer ihm gegenübersteht“, sagt Roth.

Mit Slamana nach Lübeck gereist war dessen Heimtrainer Heiko Staack. Er nahm die Kämpfe der Konkurrenten auf Video auf und bereitete Slamana damit auf die nächsten Aufgaben vor. Mit Erfolg. Im Viertelfinale schlug Slamana mit Surik Jangojan einen weiteren Schweriner Boxer klar nach Punkten. Und im Halbfinale setzte er sich deutlich gegen Yigitan Özev vom Boxverband Nordrhein-Westfalen durch. Im Finale gegen Omer lag Slamana nach einer ausgeglichen ersten Runde knapp nach Punkten zurück. Eine Chance, den Kampf zu drehen, bekam er nach dem Kopfstoß seines Gegners aber nicht mehr. Doch der Völklinger Boxer brachte 29 Jahre nach Wildangers Sensationssieg die erste Medaille für die Saarländische Box-Union mit in die Heimat. „Eine tolle Sache. Gerade weil unser Verein 2017 35 Jahre alt geworden ist“, sagt Roth. Einen Mitgliederzuwachs erwartet er durch den Erfolg nicht: „So etwas hat man in der Vergangenheit eher nach großen Kämpfen der Klitschkos im TV registriert. Aber unsere jungen Boxer schauen nach so einer Leistung noch mehr zu Wessam auf und wollen ihm nacheifern.“