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Sein Ring ist jetzt der Alltag

Sein jüngster Sieg in der neuen Heimat: Wessam Slamana erhält sein Sprachkurs-Zeugnis aus der Hand seines Lehrers Gerhard Wind. Foto: G. Wind
Sein jüngster Sieg in der neuen Heimat: Wessam Slamana erhält sein Sprachkurs-Zeugnis aus der Hand seines Lehrers Gerhard Wind. Foto: G. Wind FOTO: G. Wind
Schwalbach. Wenn Wessam Slamana in Schwalbach jetzt vor dem Fernseher sitzt und die Bilder aus Rio sieht, werden Erinnerungen wach: Vor vier Jahren in London war der syrische Flüchtling selbst Olympionike. Gerald Wind

"Ring frei zur nächsten Runde!" Oft hat Wessam Slamana dieses Kommando gehört. Der 31 Jahre alte Syrer lebt seit Oktober 2015 mit seiner Familie in Schwalbach . An seinem Schicksal zeigt sich, dass der seit 2011 tobende Bürgerkrieg in Syrien auch vor Prominenten keinen Halt macht, und was der Sport im Land geworden ist. Mit Wehmut und Erinnerungen an seine aktive Sportzeit verfolgt er derzeit die Olympischen Spiele in Brasilien und den Auftritt seiner wenigen Landsleute.


Nach dem mittleren Bildungsabschluss hatte der in Damaskus geborene Wessam Slamana zunächst die Hochschule für Tourismus besucht. Nebenbei trainierte er fleißig und wurde schließlich Amateurboxer im Bantamgewicht (bis 56 Kilo). Dabei kam er in Syrien zu höchsten sportlichen Ehren: Der mehrfache syrische Meister gewann im Jahr 2009 die Goldmedaille bei den arabischen Meisterschaften in Kairo und eine Bronzemedaille bei den Mittelmeerspielen in Pescara, als er im Halbfinale knapp unterlegen war.

Bei der WM 2009 in Mailand erreichte er das Achtelfinale. 2010 jeweils das Halbfinale der panarabischen Militärspiele in Kairo und der Asienspiele in Guangzhou. Bei der asiatischen Olympiaqualifikation 2012 in Astana verlor er erst im Finale und sicherte sich so die Teilnahme an dem olympischen Boxturnier in London.

Noch heute schmerzt ihn die Niederlage in der ersten Runde. "Ich wollte unbedingt eine Medaille, ich habe alles gegeben", sagt Slamana.

Unter den nahezu 11 000 Sportlern aus 204 Mannschaften repräsentierte Slamana bei den Olympischen Spielen 2012 auch die Entwicklungen in seiner Heimat. Er war unter zehn syrischen Sportlern einst der größte Hoffnungsträger. Trainiert hatte er im Vorfeld der Spiele in der Mongolei, in Kasachstan und Wales statt daheim. Erhobenen Hauptes, so die damaligen Presseberichte, hatte er den Journalisten verkündet, dass er "für Syrien und sein leidendes Volk" kämpfe.



Politik bleibt außen vor

Aber: Wie auch seine Teamkollegen musste er sich den offiziellen Statements der Delegationsleitung beugen. Auf die Frage, was seine Botschaft für die Menschen in Syrien war, antwortete damals für das Team der assadgetreue Delegationsleiter: "Wir sind nicht hier, um über Politik zu reden. Wir reden nur über Sport."

Obwohl er den Boxsport schon fast professionell betrieb, verdiente Slamana seinen Lebensunterhalt von 2012 bis 2015 als Mitarbeiter im syrischen Ölministerium. Er wählte im Herbst 2015 mit seiner Familie den Weg in ein Leben ohne Kriegswirren, ähnlich wie auch viele andere Prominente seines Heimatlandes. Dem beschwerlichen Weg nach Europa folgten Wochen der Ungewissheit in verschiedenen Flüchtlingslagern.

Es war ein Abstieg: Vom Olympioniken und Nationalheld zum Sozialhilfeempfänger ohne deutsche, aber mit sehr guten englischen Sprachkenntnissen. Der Krieg in Syrien beendete seine sportlichen und damit weiteren olympischen Träume von Rio 2016. Wie viele Athleten seines Heimatlandes verließ Wessam die Nation, so auch die syrische Schwimmerin Yusra Mardini, die derzeit im Flüchtlingsteam in Brasilien an den Start geht.

Boxtrainer für den Nachwuchs

Im Saarland fand der ehemalige Olympionike eine neue Heimat. War die olympische Niederlage von einst der schwerste sportliche Kampf, so hat Slamana jetzt noch mehrere schwere Runden zu kämpfen: Jedoch nicht im Ring, sondern im deutschen Alltag. Neues Umfeld, neue Kultur, neue Sprache. Einen Sprachkurs beim Bildungsträger ESH Püttlingen hat er jetzt gerade erfolgreich abgeschlossen.

Die verbleibende freie Zeit nutzt Slamana auch, um wieder seinem Lieblingssport nachzugehen. Er trainiert regelmäßig beim Box Club 82 Völklingen und vermittelt dort auch Jugendlichen seine Erfahrungen und Kenntnisse.

Die Olympia-Teilnahme in London 2012 war eine Station im Sportleben von Wessam Slamana. Auch wenn Rio 2016 ein Traum geblieben ist, im Herzen fiebert er mit seinen Landsleuten und besonders mit dem Flüchtlingsteam am Bildschirm mit - nicht nur beim Kommando "Ring frei!".