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Sucht im Alter
Den Umgang mit der Krise lernen

Sulzbach. Zwei spannende Lebensbeichten bei der Veranstaltung „Unabhängig im Alter – Lebensfreude ohne Suchtprobleme“ in der Tante Anna. Von Stefan Bohlander

Seit 22 Jahren ist Johannes trocken – „ein paar Tage länger nun, als ich vorher getrunken habe“, sagt er. Es ist der beeindruckende zweite Teil eines Vortragsabends im Tante Anna – Treffpunkt der Generationen in Sulzbach. Das Thema: kein schönes. Es geht um Lebensfreude ohne Suchtprobleme in der Altersgruppe Ü60. Johannes hatte viele Probleme, doch er schließt mit den Worten: „Ich habe ein wunderbares trockenes Leben kennengelernt.“  Mit 15 Jahren habe er den ersten Alkohol getrunken, später habe er sich vor allem am Wochenende „gerne berauscht“. Fatal sei, dass man seine Krankheit erst bemerke, wenn es zu spät ist. Man beschönige halt alles.


Johannes beispielsweise kann während seiner Alkoholsucht auch mal mehrere Wochen auskommen, ohne einen Tropfen anzurühren. Also sei er auch kein Alkoholiker, so seine Schlussfolgerung seinerzeit. 1987 dann erste Blackouts. Zusätzlich entwickelt er eine Angststörung. Durch die deswegen verabreichten Medikamente kommt zur Alkoholsucht noch eine Medikamentenabhängigkeit dazu. Letztendlich geht er zur Entgiftung nach Merzig, elf Tage lang. Später lernt er die Anonymen Alkoholiker (AA) kennen. Die Gesprächstreffen geben ihm viel: „Ich bin dort mit meiner Krankheit nicht allein.“

Die AA, das Blaue Kreuz und weitere Hilfsorganisationen – die Wichtigkeit von allen wird an dem Abend besonders hervorgehoben. Eine andere Stelle, an die man sich wenden kann, ist die Suchtberatungsstelle vom Caritasverband für Saarbrücken und Umgebung. Deren Leiterin, Birgit Altmeier, referiert an diesem Abend auf Einladung der Caritas-Gemeinwesenarbeit Sulzbach darüber, wie man in die Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten geraten kann und stellt das Projekt „Unabhängig im Alter“ (UiA) vor. Jeder Lebensabschnitt kann Krisen auslösen, erklärt sie. Das könne beim Verlust eines Partners geschehen, durch eine schwere Krankheit ausgelöst werden oder – was sehr häufig vorkomme – zum Beginn des Ruhestandes.



Dass man bereits im jüngsten Alter Abhängigkeiten entwickeln kann, erzählt Hannelore. „Ich bin dank den AA zum ersten Mal unabhängig und selbstbestimmt“, führt sie in ihre Lebensbeichte ein. Schon früh drückten ihre Eltern aus, sie sei ein unerwünschtes Kind; sie habe das falsche Geschlecht, sei  nicht gewollt, sei zu hässlich. „Ich habe das wirklich geglaubt“, sagt sie und manchmal gerät ihre Stimme ins Stocken, „ich war zu nichts nutze.“ Die Konsequenz: Sie entwickelte sich zu einem schüchternen Kind, das sich nie traut, aus sich herauszukommen – bis sie den Alkohol kennenlernt. 14 Jahre alt war sie da und auf einer Weinlese zu Besuch.

Von ihren Eltern kommt sie los, heiratet ihren ersten Mann – einen Alkoholiker. Er sei öfter mal freitags einkaufen gefahren und dienstags erst wiedergekommen. Auch in ihrem Umfeld wird immer getrunken. Ihre Ängste habe der Alkohol anfangs tatsächlich abgebaut, später seien sie umso stärker wiedergekommen. Ihre eigene Ungläubigkeit über das Vergangene ist ihr anzumerken. Wie Johannes vorher bereits erzählte, gab es auch bei ihr Phasen, in denen sie wochenlang ohne einen Tropfen aushalten konnte. Doch die Krankheit lauert immer. Irgendwann landet die Frau auf dem  Sonnenberg und in der Langzeit-Reha. Sie lernt die AA kennen, stellt sich ihren Ängsten.  Heute sagt sie: „Es läuft nicht alles rund, es läuft nicht alles gerade. Aber es ist schon gigantisch, es macht Spaß.“

Auch das sei ein Paradebeispiel für den Beginn einer Alkoholsucht, so Birgit Altmeier. Das UiA-Projekt sei auch deswegen ins Leben gerufen worden, weil der demografische Wandel dafür sorge, dass die Zahl älterer Menschen zunehme. Unverhältnismäßig wenige davon würden Hilfe in Anspruch nehmen. Im Regionalverband seien beispielsweise lediglich 3,6 Prozent aller Ratsuchenden älter als 65 Jahre gewesen – obwohl der Anteil der Ü65-Jährigen bei 23,1 Prozent gelegen habe. In Deutschland hätten etwa 400 000 Menschen, die älter als 60 Jahre alt sind, ein Alkoholproblem. „Problematischer Medikamentengebrauch“ sei sogar auf rund drei Millionen Menschen geschätzt – allein bei den genannten Senioren.

 Eine Empfehlung, der Alkoholsucht entgegenzuwirken sei es, mindestens zwei Tage in der Woche ohne auszukommen und zudem punktuelle Abstinenz auszuüben, etwa während Schwangerschaften. „Suchterkrankung ist für Angehörige oft eine riesige Belastung“, sagte sie weiter. Gerade im fortgeschrittenen Alter sei es schwer zu erkennen, ob jemand eine Sucht habe oder einfach alt werde. Trotzdem gebe es Anzeichen wie häufige Stürze, kognitive Störungen, sozialer Rückzug bis hin zur körperlichen Verwahrlosung. Übrigens werde offensichtlich Medikamentenabhängigkeit oft unterschätzt. So erzählte sie von einer Frau, der jahrelang Medikamente verschrieben wurden und der es auch jahrelang schlecht ging. Bis zur Absetzung. „Es ging ihr von einem auf den anderen Tag besser“, so Birgit Altmeier.