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Ein beachtlicher neuer Wälzer über Friedrichsthal
Von Glasspatzen und Hennesjer

Auf unserem Bild von links: Buchautor Karl-Ludwig Jüngst, Markus Detemple, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für saarländische Familienkunde, und Bürgermeister Rolf Schultheis.
Auf unserem Bild von links: Buchautor Karl-Ludwig Jüngst, Markus Detemple, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für saarländische Familienkunde, und Bürgermeister Rolf Schultheis. FOTO: Thomas Seeber
Friedrichsthal. Karl Ludwig Jüngst hat ein umfangreiches Buch über die Familien- und Ortsgeschichte in Friedrichsthal verfasst. Von Patric Cordier

Der Stolz war dem Autor anzusehen und die Freude, dass sich mit der Veröffentlichung des nunmehr zehnten Buch über die Familien- und Ortsgeschichte in den Städten und Gemeinden des Sulzbachtals für Karl-Ludwig Jüngst ein Kreis schließt. „Ich bin sehr froh und erleichtert, dass ich das Buch über die Familienchronik für Friedrichsthal und Maybach noch fertigstellen durfte“, sagte der mittlerweile 80 Jahre alte Ehrenbürger der Stadt Sulzbach, „so ein Buch fesselt einen über Jahre und es kostet sehr viel Kraft.“


Auf 808 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Karten, Listen und Tabellen hat der frühere Dozent der Erziehungswissenschaften an der Universität des Saarlandes am bewährten Konzept der Vorgängerwerke über Dudweiler, Sulzbach, Hühnerfeld, Neuweiler, Altenwald und Bildstock festgehalten, dabei aber erneut die Besonderheiten Friedrichsthals herausgearbeitet. Dabei stieß er auf die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen der „Glasspatzen“ – also der Glasbläser – und der „Hennesjer“ – der Bergleute eben. „Glasmacher und Bergleute machten zusammen Dreiviertel der Berufstätigen aus - das ist einzigartig im Sulzbachtal“, erklärte Jüngst in seinem unterhaltsamen Vortrag, „aber nur die eigentlichen Glasbläser verdienten mehr als ein Hauer.“ Darum sei es wenig überraschend, dass die Glasmacher in Mietwohnungen, die Bergleute in eigenen Prämienhäusern lebten. Dennoch habe es ein Unterlegenheitgefühl  der Bergleute gegeben. „Ich möchte behaupten, dass in der Mobilität eine Hauptursache für das Überlegenheitsgefühl der Glasmacher zu finden ist“, sagte Jüngst, nachdem er auf die Wanderungsbewegungen der Bevölkerung eingegangen war und dabei feststellte, dass die Glasmacher bis nach Böhmen oder Norditalien reisten, um ihr Handwerk zu erlernen oder um es auszuüben.

Besonders amüsiert lauschten die gut 50 Gäste bei der Präsentation im Friedrichsthaler Rathaus den Ausführungen zum Thema Keuchheit vor der Ehe. Da hätten sich die Bevölkerungsgruppen nicht unterschieden, die Bergleute hätten nur für eine voreheliche Schwangerschaft den Terminus „vor dem Verlesen angefahren“ geprägt.



Friedrichsthals Bürgermeister Rolf Schultheis erhielt als Erster eines der druckfrischen Bücher. „Im Laufe der wechselvollen Geschichte haben die Bürgerinnen und Bürger in Friedrichsthal, Bildstock und Maybach einige Höhen und Tiefen erlebt“, sagte Schultheis in seinem Grußwort, „wer verstehen will, wie sich seine Heimat entwickelt hat, wer den Wurzeln der eigenen Familie nachgehen möchte, wird mit dem vorliegenden Werk ein unschätzbares Hilfsmittel finden.“

Vor über 30 Jahren begann Karl-Lüdwig Jüngst die Publikationsreihe, die nun in Friedrichsthal ihren Abschluss fand. Zunächst wurde er unterstützt von seiner Frau Heidelinde Jüngst-Kipper, die aber 2005 verstarb. „Es gab schon Anfragen, ob ich nicht mit den Orten des Fischbachtals weitermachen möchte“, erzählte der rüstige 80-jährige Autor, „aber man muss in meinem Alter mit seinen Kräften haushalten. An den ein oder anderen Aufsatz werde ich mir aber noch gönnen.“ Die Buchvorstellung in Friedrichsthal begann mit dem Werk „Air“ von Johann Sebastian Bach für die Glasharfe und endete mit dem Steigerlied der Bergkapelle – und hier schloss sich der Friedrichsthaler Kreis.