Saarland wird demenzfreundlich

Die saarländische Demenzstrategie wurde mit den Akteuren im Land entwickelt. Das Ergebnis ist Praxisnähe. Die Maßnahmen reichen von der Schulung von Frisören bis zu einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit beginnender Demenz.

Demenz ist kein innerfamiliäres Problem, sondern ein die Gesellschaft prägendes Phänomen, das politischer Gestaltung bedarf. Diese Botschaft wurde gestern im Rahmen eines "Start up"-Kongresses vorgetragen. Dazu hatte das Sozialministerium eingeladen, um die Umsetzungsphase für eine regionale Demenzstrategie zu starten, die bis 2018 angelegt ist. Den Prozess steuert die Landesfachstelle Demenz , er wird begleitet durch das Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft e.V. (Iso). Ziel ist die bessere Betreuung von Demenzkranken und ihren pflegenden Angehörigen; die Grundlage liefert der erste saarländische Demenzplan, der nicht politisch verordnet wird, sondern in den alle Demenz-Akteure im Land durch fünf Workshops und eine Online-Befragung eingebunden waren - von den Pflegestützpunkten über die Kirchen bis zur Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Über 150 von ihnen, eine imponierende Zahl, versammelten sich gestern hinter dem Ziel, das Ministerin Monika Bachmann (CDU ) formulierte: "Wir wollen dazu beitragen, die Betroffenen so lange wie möglich am normalen Leben teilhaben zu lassen, die pflegenden Angehörigen zu entlasten, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und neue Fortbildungsangebote zu machen." Wie soll das gehen? Der Demenzplan listet 29 Maßnahmen auf, die teilweise schon in Gang gesetzt sind. Nicht nur soll die Qualifizierung von Profis in der Alten- und Krankenpflege intensiviert und Standards für die Beratungsstellen entwickelt werden. Auch das soziale Miteinander will der Demenzplan optimieren. Denn wer weiß, wie man angemessen auf Demenzkranke reagiert? Frisöre, Einzelhandelsmitarbeiter, Angestellte in Arztpraxen, Rettungskräfte, Bankangestellte - insbesondere diese Berufsgruppen sollen durch eine Art "Erste-Hilfe-Kurs Demenz " geschult werden. An "demenzsensible Gottesdienste" ist ebenso gedacht wie an Demenz-Cafés in Krankenhäusern, an eine Datenbank für aktuelle Demenz-Forschungsergebnisse, eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit ersten Symptomen oder - frisch erschienen - an einen Demenzführer auf Arabisch. Das Saarland stehe mit seiner Strategie ganz vorne in der Reihe demenzfreundlicher Bundesländer, legte Heike von Lützau-Hohlbein dar, die für die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf Bundesebene in der "Allianz für Menschen mit Demenz " mitarbeitet. Nur Bayern und Schleswig-Holstein hätten sich noch früher auf den Weg gemacht, auf Bundesebene stecke eine nationale Demenzstrategie noch in den Kinderschuhen beziehungsweise sei integriert in das Demografie-Konzept. Lützau-Hohlbein entwarf kein Sehnsuchtsbild vom Demenz-Paradies, sondern verdeutlichte lebensnah, was bei diesem Thema Fortschritt heißt: ein zunehmend tabufreier, gelassener, kompetenter Umgang mit den Kranken. Der Demenzplan steht im Internet unter: www.saarland.de/publikationen-soziales.htm

Meinung:
Kleine Schritte, große Wirkung

Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Wenn von Vernetzung die Rede ist, weiß man: Die Politik hat kein Geld für neue Projekte und bündelt das bereits Vorhandene, um "Aktion" vorzutäuschen. Doch beim Demenzplan war es die goldrichtige Strategie, Praktiker einzubinden. Sie bringt eine Fülle alltagstauglicher Initiativen ins Rollen. Letztere belegen jedoch auch, wie viel noch im Argen liegt. Etwa wenn "anstrengende" Demenzkranke ausgerechnet in Krankenhäusern als kostentreibende "Störfaktoren" wahr genommen werden. Für die Betroffenen geht es um Teilhabe, für die Gesellschaft um ein Umdenken. Denn Demenz ist ein Massenphänomen, aber längst noch kein Thema für die Massen. Im Saarland könnte sich dies schneller ändern als in anderen Bundesländern. Der Ehrgeiz muss sein, die Nase vorn zu behalten.