Diagnose: Nachwuchsmangel

In nur wenigen Jahren werden etliche Hausärzte im Regionalverband ihre Praxis für immer zusperren. Und der Nachwuchs geht oft andere Richtungen. Die Kassenärztliche Vereinigung steuert gegen. Sie will die Kollegen von morgen entlasten. Aber auch die Politik sei gefragt, sagt Experte Dr. Joachim Meiser.

Husten, hohes Fieber, Heiserkeit. Das muss sich ein Profi anschauen. Ab zum Hausarzt. Wer nach ein paar Minuten da ist, kann froh sein. Denn das ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Viele haben den Doktor nur noch deshalb in der Nähe, weil der sogar als Mittsechziger noch ein paar Jahre dranhängt. Dr. Joachim Meiser, selbst Allgemeinmediziner und stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), blickt für die SZ auf die Lage im Regionalverband. Befund: Sechs Prozent der 216 Hausärzte im Regionalverband haben die 65er-Marke schon hinter sich. Eine Altersgrenze gibt es nicht mehr. Das heißt: Auch die Ältesten müssen mit all den Belastungen klarkommen, die den Nachwuchs von der Entscheidung für eine Hausarztpraxis abhalten. "Es sind die Bereitschaftsdienste, die Einsätze mitten in der Nacht. Deswegen wollen viele Ärzte den Beruf heute anders ausüben. Sie möchten nicht diese Arbeitsbelastung in der Intensität, wie man das auf dem Land noch kennt." Aber der Arzt, der sich noch mit 70 in den Dienst der Patienten stellt, weil sich kein Nachfolger abzeichnet, ist für Meiser und die KV auch kein Allheilmittel. "Wir wollen unseren Bedarf an Ärzten mit 36-Jährigen decken und nicht mit 70-Jährigen." Das wird eine Herausforderung, wie die aktuellen Zahlen für den Regionalverband zeigen. Demnach gehören nur acht Prozent der 261 Hausärzte zur Gruppe der 30- bis 39-Jährigen, aber 16 Prozent sind schon mindestens 60.

Bis 2020 sind 302 der 660 saarländischen Hausärzte - 46 Prozent - mindestens 65 Jahre alt. Sollten sie aufhören, werde es vermutlich nur um die 150 Nachfolger geben, sagt Meiser.

Wie konnte es so weit kommen? Meiser nennt Klagen über ausufernde Bürokratie, erwähnt die Regressforderungen der Kassen, wenn Ärzte ihr Budget überziehen. Nach der Jahrtausendwende brachte die Praxisgebühr noch mehr Schreiberei und zermürbende Diskussionen mit Patienten in den Alltag der Hausärzte. Der medizinische Nachwuchs ging daraufhin oft andere Wege - zum Beispiel in die Forschung.

Um trotz der schwindenden Zahl der Hausärzte den Kranken helfen zu können, sind nach Meisers Ansicht nicht nur die Mediziner und ihre Vertretungen wie die KV gefragt, sondern auch die Politik. Die Kommunen müssten für eine gute Erreichbarkeit der Praxen mit dem öffentlichen Nahverkehr und für Fahrpläne sorgen, die zu den Sprechzeiten passen. "Die Gemeinden müssen dafür sorgen, dass die Verkehrswege zum Arzt ordentlich organisiert sind." Doch genauso wichtig sei die richtige Einstellung der Mediziner. "Ein Hausarzt muss brennen für seinen Beruf. Er bietet trotz aller Hemmnisse viele Freiheiten. Und man bekommt viele unheimlich positive Rückmeldungen von den Patienten. Aber man muss es wollen, viel Verantwortung übernehmen, sich immer weiterentwickeln, muss Nöte aushalten, mit den Patienten Trauer und Schmerz tragen."

Immerhin halte die durchschnittliche Arzt-/Patientenbeziehung länger als die meisten Ehen. Schon heute hat sich einiges getan, damit es so bleibt. Meiser nennt den neu organisierten Bereitschaftsdienst, den Einsatz für ein besseres Berufsbild. "Aber das reicht uns noch nicht. Wir stehen vor einer Herausforderung, und die nehmen wir an."

Ein Weg sei, dass Ärzte sich auf medizinische Kernaufgaben konzentrieren und für Routinearbeiten Verstärkung bekommen: die neue Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH). Die ersten VERAH-Kräfte gebe es im Saarland schon, "damit dem Arzt mehr Zeit für Medizin und Zuwendung bleibt und ihm Routine abgenommen ist".

Meiser sieht die Zukunft so: "Die großen Strukturen müssen sich den Bedürfnissen und Möglichkeiten anpassen. Dieser Prozess hat schon begonnen, die KV gestaltet ihn mit. Ich bin absolut optimistisch, dass wir das geregelt kriegen." Meiser will, dass Angehörige eines Schwerkranken nach dessen Tod sagen können: "Unser Hausarzt war für ihn da. Auch nachts. Bis zum Schluss."