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Musik als Ideal der menschlichen Gesellschaft: Musik als Ideal der menschlichen Gesellschaft

Musik als Ideal der menschlichen Gesellschaft : Musik als Ideal der menschlichen Gesellschaft

Wie die Saarbrücker Musikschule versucht, möglichst alle Kinder mit Musik in Kontakt zu bringen. Ein Gespräch mit Thomas Kitzig.

„In der Musik steckt das Ideal einer menschlichen Gesellschaft“, sagt  Thomas Kitzig. „Nehmen Sie mal eine Fuge von  Bach: drei bis vier Stimmen, alle machen eigentlich, was sie wollen, es gibt auch Dissonanzen – und doch entsteht Harmonie“.

Am Ziel dieser idealen Gesellschaft, in der alle frei sind und doch etwas gemeinsam schaffen, arbeitet der Chef der Saarbrücker Musikschule  auf seine ureigene Weise: durch möglichst viel Musik für möglichst viele Menschen – insbesondere kleine Menschen. Weit über 1000 Saarbrücker Kinder sind mittlerweile Teil des Projektes „Musikalische Bildung für alle“, das Kitzig vor etwa 13 Jahren auf den Weg  brachte.

Musik, insbesondere Ensemble-Musik, kann man nur gemeinsam machen. Und man lernt dabei fürs Leben: „Man muss warten, bis man dran ist. Man muss geübt haben, sonst hält man alle anderen auf“, zählt Kitzig einige Regeln auf. Wer mit anderen musiziert, macht ganz einfach die Erfahrung, dass man sein Ziel besser im Zusammenschluss und mit Rücksicht auf die anderen erreicht. Eine Erkenntnis, die man heutzutage manchem Politiker wünschen würde.

Aber immerhin machen nun viele Saarbrücker Grundschulkinder diese Erfahrung. Und in ein paar Wochen kommen noch 125 dazu. Denn die Musikschule kann endlich auch in der größten Grundschule des Saarlandes, in der Burbacher Weyersbergschule mit ihren 500 Schülern, Musikunterricht anbieten.

Alle 125 Drittklässler der Offenen Ganztagsgrundschule werden im Projekt „Move and groove“ einmal pro Woche von Lehrerinnen und Lehrern der Musikschule unterrichtet. Mit Percussion, Tanz und Singen sollen sowohl Musikalität als auch Sprachentwicklung, Motorik und Integration gefördert werden. Dank einer Spende der Aktion Herzenssache ist das Projekt für drei Jahre sicher finanziert. Und die Burbacher Schule ist offenbar mit Feuereifer dabei.

„Ich bin so begeistert von den  Leuten dort“, schwärmt Thomas Kitzig im SZ-Gespräch über Leitung und Kollegium der Weyersbergschule. Er erklärt: „Die lassen den Kindern eine Bildung angedeihen, das ist fantastisch.“ Und sicher eine Herausforderung. Denn in der  größten Grundschule des Saarlands haben 70 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, bei 75 Prozent leben die Eltern von Hartz IV, 20 Prozent werden durch das Jugendamt betreut. In den vergangenen Jahren sind viele Kinder aus Osteuropa und den Kriegsgebieten in Syrien hinzugekommen und entsprechend traumatisiert. Da kann Musik sicher  nicht alles heilen, aber sie kann einen wichtigen Beitrag leisten.

Aber Kitzig und seine Mitstreiter sind damit noch lange nicht am Ende. Aktuell lotet die Musikschule Möglichkeiten aus, wie man möglichst viele der Allerjüngsten in den Kitas mit musikalischer Früherziehung bereichern kann. Denn seit das Landesjugendamt aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit externe Bildungsangebote an Kitas und Kindergärten verboten hat, wenn Eltern dafür zahlen müssen, kann die Musikschule dort keine musikalische Früherziehung mehr anbieten. Was nun erstmal dazu führt, dass jetzt gar kein Kind mehr musikalische Früherziehung mit professionellen Lehrkräften bekommt. Kitzig findet den Standpunkt des Landesjugendamtes absolut richtig. Aber es ist natürlich bisher nirgendwo Geld bereit gestellt, um Musiklehrer für alle Kita-Kinder zu bezahlen. Und so ist wieder mal der Netzwerker Kitzig gefordert.

Da traf es sich gut, dass Sparkassen-Chef Frank Saar einen runden Geburtstag hatte. Der wünschte sich statt Geschenken Spenden –  und so startet im September das Pilot- und Referenz-Projekt „Musikalische Früherziehung“ in der Kita Malstatt in der Stromstraße. Alle 92 Jungen und Mädchen werden dann jede Woche mit der Musikpädagogin Esther Klein zum Beispiel erfahren, was Klangfarben sind und was Lautstärke bedeutet.

Alle dürfen mitmachen, die Eltern zahlen nichts. Das inhaltliche Konzept erarbeitete Birgit Ibelshäuser, Fachbereichsleiterin an der Saarbrücker Musikschule und zugleich Professorin für Elementare Musikpädgogik in Dresden. In enger Zusammenarbeit mit den Erziehern soll möglichst flexibel auf die jeweiligen Projekte und Situationen der Kita reagiert werden, damit die Musik quasi nahtlos in den Kita-Alltag der Kinder hineinwirken kann. „Für uns als Musikschule ist dieses Projekt ein Referenzprojekt, das für andere Kitas Modell stehen könnte“, sagt Thomas Kitzig. Er hofft, dass ähnliche Projekte zur musikalischen Früherziehung bald auch in weiteren Kindertagesstätten stattfinden können – wenn das Geld von der Politik bereit gestellt wird. Man kann ja nicht immer auf runde Geburtstage hoffen.

Das soziale Engagement und der Wunsch, Kinder mit Musik zu bereichern, prägen die Saarbrücker Musikschule bis tief ins eigene Selbstverständnis. Und so sucht man auch im Mutterhaus in der Nauwieser Straße im klassischen Musikschulbetrieb nach Möglichkeiten, Kindern ohne finanzstarke Eltern die Möglichkeit zu geben, ein Instrument zu lernen. So gibt es 50 Prozent Ermäßigung für Kinder und Jugendliche aus finanzschwachen Familien. Aber Kitzig ist nicht blauäugig, er weiß, dass selbst 28 Euro im Monat für eine halbe Einzelstunde Geigenunterricht in der Woche für arme Familien unbezahlbar sind. Deshalb vergibt der Förderverein der Schule Stipendien. So profitiert davon etwa gerade ein kleines syrisches Mädchen, dem so sein  Traum, Cello zu lernen, erfüllt werden kann. Und auch manches talentierte Kind aus den Musik-Projekten in den Grundschulen bekommt so eine Chance.

Damit mehr als die aktuell zehn Kinder gefördert werden können, sucht der Förderverein Paten, die zum Beispiel ein Jahr Klavierunterricht für ein talentiertes Kind bezahlen, das sonst womöglich nie mit der gesellschaftspolitischen Kraft einer Fuge von Johann Sebastian Bach in  Berührung käme.

„Die Kleinen Streicher“ an der Ordensgutschule gehörten zu den ersten Grundschul-Projekten. Sie feiern dieses Jahr ihr Zehnjähriges. Foto: Iris Maurer
Es muss nicht immer das große Sinfonieorchester sein. Der Gitarrenclub der Musikschule feiert die Saiteninstrumente. Foto: jean m. laffitau
Thomas Kitzig, Chef der Musikschule der Landeshauptstadt, arbeitet daran, dass so viele Saarbrücker Kinder wie möglich, Zugang zur Musik haben. Foto: Jean M. Laffitau

Der Förderverein der Musikschule ist mit einem Informationsstand und einem Benefizflohmarkt beim Ludwigskirchenfest am 18. August vertreten. Außerdem spielt dort um 14 Uhr die Jazzcombo der Schule unter Leitung von Hemmi Donié.