Die einzige Theaterspielstätte für die freie Szene des Saarlandes trickst den Denkmalschutz aus

Wie das Theater im Viertel auf sich aufmerksam macht : Das Theater im Viertel will sichtbar sein

Neue Besen kehren im Saarbrücker Theater im Viertel, das zeigt sich im Programm und an Kleinigkeiten wie neuer Schrift an der Fassade.

Manchmal sind kleine Ideen ganz groß. Seit ziemlich genau acht Jahren residiert das Theater im Viertel, einzige feste Bühne für die freie Szene im Land, in einem denkmalgeschützten Gebäude am Saarbrücker Landwehrplatz gleich neben der Alten Feuerwache des Staatstheaters.

Aber für neues Publikum war es nicht immer ganz einfach, das Theater auch zu finden. An der Fassade stand kein Name. Für einen schicken Leucht-Schriftzug fehlte der kleinen Bühne schlicht das Geld - mal abgesehen vom Denkmalschutz, der auch nicht alles zulässt. So blieb das Theater nahezu unsichtbar.

Aber seit ein paar Monaten hat das TiV eine neue Leitung. Der Trägerverein des Theaters hat seinen Vorstand runderneuert und dabei Jutta Roth als Vorsitzende gewählt. Die kommt aus der freien Wirtschaft und ist wie es scheint auch sonst eine praktisch veranlagte Frau. Und siehe da: Seit ein paar Tagen ist das TiV ein gutes Stück kenntlicher. Roth hat per günstig fabrizierter Folie einfach die Theater-Logos auf alle Fenster kleben lassen. Zumindest wenn die Läden oben sind, finden die Menschen nun leichter den Weg. An einer günstigen Lösung bei geschlossenen Läden wird noch gearbeitet.

Auch innen hat sich manches verändert. Die Büroräume sind nicht wiederzuerkennen. Frisch gestrichene Wände und irritierend viel Platz. Wo sind die rekordverdächtigen Papier- und Bücherstapel, hinter denen der frühere künstlerische Leiter Dieter Desgranges oft kaum noch auszumachen war? Der ganze Verwaltungsbereich des Theaters wirkt freundlich, groß und hell. Viel Arbeit haben Roth und die TiV-ler hier investiert, haben ein Archiv im Keller angelegt und auch manches weggeworfen. Unverkennbar: Hier kehren neue Besen.

Deutlich sichtbar und klar strukturiert: Ein bisschen scheint es so, als sei das vielleicht generell die Marschrichtung der neuen Vorsitzenden und ihres Teams. „Das TiV muss ein schärferes Profil bekommen“, sagt sie im SZ-Gespräch und meint das durchaus politisch. „Wir sind der Meinung, dass wir mit Hilfe unserer Inszenierungen, Lesungen, Musik und Tanz-Darbietungen klare Positionen gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit einnehmen müssen“.

Ein Herzensprojekt Roths und des neuen künstlerischen Leiters Dietmar Blume sowie auch von Robert Karge (der frühere Hörspiel-Chef des SR ist ebenfalls neu im Vorstand) ist dabei das Projekt „Mauer-Fall“. In einem Aufruf an die freie Szene im Land hatte Blume vor ein paar Wochen Künstlerinnen und Künstler aufgefordert, sich mit Ideen und Programmpunkten zu beteiligen an einem Schwerpunkt zum Jubiläum des Mauerfalls. „Und 14 Personen haben sich schon mit Vorschlägen gemeldet“, sagt Jutta Roth.

Sie ist begeistert von der Resonanz. Im Oktober und November soll nun in verschiedenen Formen das Thema dargestellt werden. Wenn ein Förderantrag hoffentlich genehmigt wird, soll es auch ein ganzes Wochenende geben, vollgepackt mit Themen rund um alles, was bei der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands gut oder auch schief gelaufen ist.

Eigene Schwerpunkte setzen, mehr auch aufs eigene Land bezogene Produktionen stemmen – das ist auch die Marschrichtung des neuen künstlerischen Leiters Dietmar Blume. Das Projekt „So groß wie das Saarland“ soll dafür exemplarisch stehen. Wie berichtet sammeln Blume und das TiV-Team Geschichten von Saarländern über „ihr“ Saarland. Geschichte und Geschichten, Politik, Privates sind gefragt. Die hoffentlich zahlreichen Beiträge sollen in ein eigens geschriebenes Stück einfließen. Erste vielversprechende Rückmeldungen gibt es bereits.

In diesem Stil und Tempo soll es weitergehen. Manches ist noch geplant, soll aber erst in ein paar Wochen spruchreif sein. Bis dahin gastiert der neue künstlerische Chef erstmal mit einer eigenen Kreation im TiV. Dietmar Blume, Schau- und Puppenspieler, spielt „Faust III“, seine sehr eigene Version von Goethe. Blumes Konterfei ziert dann auch das einzige Plakat, das bisher an der frisch gestrichenen Wand hängt: „Ich bin der Geist, der stets bescheißt“ steht darunter. Das soll aber natürlich nicht das Motto fürs TiV sein.

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