Eintauchen in die Welt der Blinden

Wer hautnah erfahren will, wie Blinde die Welt erleben, der hat jetzt im Jugendclub der evangelischen Kirchengemeinde Brebach die Gelegeheit dazu. Dort vermittelt ein Dunkelcafé ungewöhnliche Eindrücke.

"Vor Ihnen auf dem Tisch steht ein Teller mit einer Gabel und einem Stück Kuchen , versuchen Sie doch mal herauszufinden, was für ein Kuchen das ist", sagt Monika Ringler. Vorsichtig tasten wir den Tisch ab. Auch beim Kuchen hilft nur: mit dem Finger kurz betatschen und abschlecken. Denn sehen kann man ihn nicht. Der Raum, in dem wir uns befinden, ist stockdunkel. Ein Dunkelcafé hat die evangelische Kirchengemeinde in den Räumen ihres Jugendclubs eingerichtet. Damit wir einen Eindruck davon bekommen, wie sich die Welt anfühlt, wenn man sich blind zurechtfinden muss. "Die Idee ist, dass die Leute nicht nur etwas hören über Handicaps, sondern es selbst erfahren", erklärt Gemeindepfarrer Josef Jirasek am Freitag beim Testversuch mit Journalisten.

Die Anregung zu dieser Aktion stammt von Thomas Pracht, dem Organisten der evangelischen Kirchengemeinde Brebach-Fechingen-Bliesransbach. Er ist von Geburt an blind. Pracht und die ebenfalls stark sehbehinderte Ringler bewegen sich im Gegensatz zum Rest der rund zehnköpfigen Gruppe im nachtschwarzen Raum völlig souverän.

"Sie bekommen jetzt von mir eine Tasse Kaffee", kündigt sie an. Kurz darauf ist ein Plätschern zu hören. Man riecht den Kaffee auch. Doch wo steht Ringler gerade? Das ist für uns, die sich sonst auf ihre Augen verlassen, schwer zu orten. Da hilft wieder nur vortasten bis zur Tasse. Sogar die Gabel mit dem Kuchenstückchen an den Mund zu führen, erweist für einige als gar nicht so einfach. "Ich war immer so schräg", gesteht Pfarrer Jirasek. Schon einmal hat er mit der Gemeinde zum Dunkelcafé eingeladen, 2015 bei der "Nacht der Kirchen". Ab dem 23. Oktober sollen nun regelmäßig einmal pro Monat Dunkelcafés stattfinden. Für Gemeinde steht diese Sensibilisierung in Verbindung mit dem Anspruch einer inklusiven Kirche, zu der man sich in Brebach durch zahlreiche Maßnahmen zur Schaffung von Barrierefreiheit bereits auf den Weg gemacht hat. Die Leitung des Dunkelcafés werden zwei Gemeindemitglieder, Daniela Ringler und Günther Sollfrank, übernehmen. Beide seien stark sehbehindert und bringen Erfahrungen aus einem ähnlichen Projekt in Nürnberg mit, erklärt Pfarrer Jirasek. Neben Kaffee und Kuchen wolle man auch Lesungen oder Live-Musik in völliger Dunkelheit ermöglichen, sagt Organist Pracht und setzt sich ans Keyboard, um eine Kostprobe zu geben. Auch Fragen können und sollen die Besucher stellen. Am Freitag macht die Gruppe von dieser Möglichkeit regen Gebrauch. Wie ist es für Blinde , sich in einem Café mit vielen Nebengeräuschen zu orientieren? Wie ist es an Ampeln? Kann man sich als Blinder auf die Signale verlassen? Wie funktioniert das Lesen von E-Mails, überhaupt von Dokumenten am Computer? Sonntags wird das Dunkelcafé ab 17 Uhr für alle geöffnet sein, montags für Gruppen nach Vereinbarung. Zielgruppen sind Schulklassen, Azubis, Studierende und besonders Lernende und Lehrende aus pflegerischen Berufen.

Das Kultusministerium unterstützt das Projekt als Bildungsangebot, Minister Ulrich Commerçon hat die Schirmherrschaft. Aber auch weitere Beteiligte sind mit im Boot: die Evangelische Kirche im Rheinland, der Lions Club St. Johann, Saarland-Sportoto und die Tangogruppe Brebach als Sponsoren und das Diakonische Werk an der Saar mit dem BürgerInnenzentrum Brebach als Kooperationspartner.

Termine: 27., 28. November, 29., 30. Januar, 19., 20. Februar. Kontakt: Tel. (0681) 872 596, und (0681) 87 764