Gewohnheiten : Abschied von einem alten Freund

Mein  Sessel aus gelbem Kunststoffleder ist weg. Eines Tages war er einfach nicht mehr da. Er stand in einer Saarbrücker Buchhandlung direkt vor dem Regal mit den Klassikern. Jack London, Mark Twain, Kurt Tucholsky und so, Sie wissen schon.

Ich habe ihn wirklich gemocht, diesen Sessel. Kaum war man reingeplumpst, ging es wie mit einem Fahrstuhl Zentimeter für Zentimeter nach unten. Man spürte, wie die Luft nach und nach entwich und man durchsackte. Ein bisschen so wie in den Pariser Hotelbetten, die oft ja völlig durchgelegen sind. Man kann machen, was man will – irgendwie kullert man zwangsläufig in die Kuhle in der Bettmitte. So ähnlich war das mit meinem Sessel. Man war sicher wie in Abrahams Schoß. Wir hatten gute Zeiten. Und ja, wir waren glücklich und glaubten an eine gemeinsame Zukunft.

Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen weiß ich, dass mein Sessel nun im Keller dieser besagten Buchhandlung steht. Man hat ihn aussortiert. „Durchgesessen“, lautet das Urteil. „Deine Schuld“, sagt einer meiner Kollegen. Hättest du nicht so oft drauf gesessen, wäre er noch da. Vermutlich ist mein Sessel nun ganz allein im dunklen Keller. Schnief. Womöglich nur bei Wasser und Brot. Ich will einfach nicht wahrhaben, dass es für ihn keine Zukunft geben soll. Jeder hat doch eine zweite Chance verdient. Viel schlimmer ist, dass ich Comics jetzt im Stehen lesen muss. Seufz. Es sei denn, da steht bald ein neuer Sessel. Farbe wäre mir egal.