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Ein künstlerischer Tatsachenbericht

Mit Elementen des Comics hat sich Leslie Huppert mit Menschen auf der Flucht auseinandergesetzt. Foto: Peter Lupp
Mit Elementen des Comics hat sich Leslie Huppert mit Menschen auf der Flucht auseinandergesetzt. Foto: Peter Lupp FOTO: Peter Lupp
Kleinblittersdorf. Menschen auf der Flucht: Leslie Huppert hat eine zehn Meter lange Papierrolle bemalt und beschrieben. Entstanden ist ein künstlerischer Fluchtweg mit vielen Interpretationsmöglichkeiten. Ilka Desgranges

Die Wortbänder, die von oben nach unten über die zehn Meter lange Papierbahn laufen, erinnern an Newsticker. Die sehen wir derzeit viel zu oft eingeblendet in Fernsehsendungen. Das Signal, das sie in den letzten Tagen senden: Terror! Anschläge! An anderen Tagen: mehr Flüchtlinge als jemals nach dem Zweiten Weltkrieg!

Die Künstlerin Leslie Huppert verwendet ein Element der Nachrichtensprache, um Menschen symbolisch auf die Flucht zu schicken. Entstanden ist die Idee dazu lange bevor Flüchtlingsströme Europa erreichten. 1999 entwarf sie "moving identity 1" für Neunkirchen, schickte Menschen in kleine Kellerräume, die aussahen wie Gefängniszellen. Das Fliehen bewegt sie künstlerisch ebenso wie das Eingesperrtsein. Für ihre Arbeit mit Häftlingen der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken hat Leslie Huppert 2014 den Kunstpreis des Regionalverbandes bekommen. "moving identity 3", ein "künstlerischer Tatsachenbericht" ist als Auftragsarbeit des Regionalverbandes für die Wintringer Kapelle in Kleinblittersdorf entstanden. Hier arbeiten seit Jahren Künstler mit dem Kulturort und für den Kulturort.

Leslie Huppert lässt in der Kapelle Menschen unter dem Titel "Il fait froid" fliehen. Sie tut es mit den typischen Elementen ihrer Kunst, zu der oft auch Videoaufnahmen zählen. Begleitend sollen Menschen zu hören sein, die "Friedensgespräche" führen. Auf der Papierrolle zeigt sie keine Fliehenden. Sie hat Hasen gewählt statt Menschen. "Fluchttiere" nennt sie sie.

Doch auch Gegenstände können viel erzählen. Wie etwa der Ball, der dafür steht, dass viele Kinder auf der Flucht sind. Und vielleicht noch für viel mehr, denn die Papierrolle enthält so viele Zeichen, dass jeder Betrachter hier seinen eigenen Weg gehen kann. Das ist auch das Ziel: nichts vorschreiben und so den künstlerischen Weg bahnen für eines der großen Themen unserer Zeit. Dass Menschen fliehen müssen "ist immer passiert und wird immer wieder passieren", wie Leslie Huppert sagt. Sie stellt dazu künstlerisch Fragen, hilft uns, den Weg der Fliehenden zu verfolgen, ihren Wunsch nach Ankommen zu erkennen - nach Essen und Schlaf - ebenso wie ihre Ängste und ihren Kampf. Antworten bietet Leslie Huppert mit "Il fait froid" nicht, denn sie hat sie nicht. Und sitzt dann selbst als Bild mit einer Tüte über dem Kopf auf der Papierrolle. Bevor sie sich auf diese Weise zurückzieht, hat sie die Betrachter auf einen guten Weg gebracht.

"Il fait froid", Sonntag, 22. November, 15 Uhr, Wintringer Kapelle. Einführung und Gespräch mit der Künstlerin: Peter Michael Lupp.