Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano rappt in Bildstock gegen Nazis

Esther Bejarano : Eine Auschwitz-Überlebende rappt gegen Nazis

Esther Bejarano überlebte das KZ, weil sie ein Instrument spielen konnte. Heute macht die 94-Jährige wieder Musik – gegen das Vergessen.

Am Anfang, als sie aus ihrem Buch „Erinnerungen“ vorliest, tut sie das im Sitzen und hat noch die Jacke an. Aber als es zum konzertanten Teil geht, steht sie in Pulli und Weste da – eine kleine, für ihre 94 Jahre faszinierend vitale Frau mit fester und klarer Stimme. Die trotz ihres ernsten Anliegens oft schelmisch dreinguckt und ihren jüngeren Mitstreitern gelegentlich einen mütterlich nachsichtigen Blick von der Seite zuwirft. „Kinners, seid nicht so albern“, scheint er zu sagen. Dass eine Holocaust-Überlebende als Zeitzeugin in Schulen geht, kennt man. Dass sie sich als rappende Urgroßmutter mit Hip-Hoppern auf die Bühne stellt, um auf Deutsch, Hebräisch, Italienisch und Türkisch gegen Rechts anzusingen, erlebt man eher selten. Die Saarlouiser Ehrenbürgerin Esther Bejarano tut genau das. Für sie ist es ein Weg, um (nicht nur) Jugendlichen die Erinnerungsarbeit zugänglicher zu machen.

Ihr langjähriges Engagement gegen Antisemitismus, Faschismus und Fremdenfeindlichkeit betrachtet Bejarano als späte Rache an den Nazis. „Es ist uns eine Ehre, Teil deiner Rache sein zu dürfen“, sagt Kutlu Yurtseven von der Kölner Rap-Gruppe „Microphone Mafia“. Mit diesem Ensemble tourt Bejarano seit knapp zehn Jahren. Sie machte jetzt zweimal Station im Regionalverband Saarbrücken: Am Donnerstag gastierte sie mit Rap-Mafioso Yurtseven und ihrem Sohn Joram Bejarano (E-Bass) auf Einladung des Aktionsbündnisses „Bunt statt Braun Sulzbach Saar“ in der Sulzbacher Aula.

Am Samstag traten die drei am Vorabend des Holocaust-Gedenktages im Bildstocker Rechtsschutzsaal auf. Zu der Veranstaltung unter dem Motto „Per la vita“ hatten die Arbeitskammer des Saarlandes im Rahmen ihrer Initiative „Arbeitnehmer gegen Rechtsextremismus“ und die DGB-Jugend Rheinland-Pfalz/Saarland geladen. Das historische Haus der Solidarität in Bildstock, ältestes Gewerkschaftsgebäude Deutschlands, konnte die Massen kaum fassen. Etliche Gäste mussten mit einem Stehplatz vorliebnehmen.

Bejaranos Auftritte mit der „Microphone Mafia“ kombinieren eine Lesung aus ihrer Biographie mit Anekdoten zur Kooperation mit der Band und einem Programm aus alten und neuen Songs, die als Rap (live mit Halbplayback) neu interpretiert werden: jiddische Weisen, Arbeiterlieder und Schlager. Denn ein Schlager hat Bejarano einst das Leben gerettet. Als Tochter eines jüdischen Kantors wurde sie, 1924 in Saarlouis geboren, 1943 deportiert und erlitt die Hölle der Konzentrationslager (KZ) Auschwitz und Ravensbrück. Mit „Du hast Glück bei den Frau‘n, Bel Ami“ bestand Bejarano die Aufnahmeprüfung ins Mädchenorchester Auschwitz. Und diese Mitgliedschaft war ihre Überlebensversicherung: Als Akkordeonistin, später auch als Blockflötistin und Gitarristin musste sie spielen, während Menschen vergast wurden.

„Eine schreckliche psychische Belastung“, sagte Bejarano am Samstag. Sie las von den Greueln des brutalen Lager-Alltags, vom Todesmarsch in die Freiheit kurz vor Kriegsende und der Rettung durch amerikanische Soldaten, die ihr ein Akkordeon schenkten. Nun spielte sie, während Hitlers Konterfei verbrannt wurde. Bejarano: „Dieses Bild werde ich nie vergessen. Das war meine Befreiung vom Hitler-Faschismus – und meine zweite Geburt.“ Seither leistet Bejarano, die von der „Microphone Mafia“ zärtlich „Mutti“ genannt wird, unermüdlich Aufklärungsarbeit. Sie ist Mitbegründerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees und engagiert sich trotz ihres hohen Alters mit ungebrochenem Optimismus für Toleranz.

Ein vehementerer Mahner ist Yurtseven, der in seinem Appell für mehr Zivilcourage auch an die Brandanschläge auf Asylantenheime erinnerte und unter anderem westliche Waffenexporte für die aktuelle Flüchtlingssituation verantwortlich machte: „Letzte Woche sind wieder 170 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Eigentlich müssten wir uns in Grund und Boden schämen!“

Avanti Popolo – nicht wegblicken! Das Publikum sang beseelt mit. Und nachdem ein Banner mit der Aufschrift „Nie wieder Krieg!“ entrollt worden war, wurde Bejarano mit „Bella Ciao“ und stehendem Applaus gefeiert. Ihr zu Ehren ruft die Arbeitskammer nun zum ersten Mal den „Esther-Bejarano-Preis“ aus, der im Rahmen des Projekts „Erinnert Euch!“, eines Filmwettbewerbs für Jugendliche, verliehen wird.

Mehr von Saarbrücker Zeitung