Neue Nutzung : Auf dem Weg zur weltlichen Kirche

Die Zahl der Kirchenmitglieder schwindet bei Katholiken wie Protestanten. Viele Kirchen werden daher profaniert und neu, also weltlich, genutzt. Beispiel: Dudweiler.

Überall in Deutschland werden Kirchen zu groß, respektive ihre Gemeinden zu klein. Während bei Synagogen und Moscheen ein Bau-Boom herrscht, müssen viele christliche Kirchen profaniert werden, stehen leer oder werden sogar abgerissen. Das Saarland kennt einige Beispiele dafür.

Am Waldrand von Dudweiler steht die (ehemalige) St. Bonifatius-Kirche, deren Umbau ein gelungenes Beispiel für eine „weltliche Kirche“ ist und die bei der Umwidmung weiterer Gotteshäuser im Saarland als Beispiel dienen kann – sowohl gestalterisch als auch funktionell hat der Sakralbau neues Leben eingehaucht bekommen.

Die katholische St. Bonifatius-Kirche wurde Mitte der 50er Jahre von Hans Schick entworfen und liegt erhaben auf einem Hügel über Dudweiler, so dass ihre markante Silhouette schon aus der Ferne zu sehen ist. Die Kirche wirkt wie aus überlagerten Kuben aufgebaut, die mit Doppeltürmen am Ortsrand und mit einem großen Raster-Fenster zur Robert-Koch-Straße hin markiert werden. Die beiden schlanken, weißen Türme haben quadratische Grundrisse. An den Fassaden kontrastieren Putzflächen mit braunen Klinkern. Die Ansicht nach Norden ist gerastert und trägt wertvolle und denkmalgeschützte Bleiglasfenster.

Schicks Kirche gehört zwar zu den ansehnlicheren Kirchen, die im Saarland in den 50er Jahren gebaut wurden, wäre aber weniger der Rede wert, wenn sie nicht zu einem interessanten Beispiel für eine neue Nutzung geworden wäre. Die Architektin Bettina Berwanger hat wie ein „Haus im Haus“ einen neuen Baukörper in die Hülle des Kirchenbaus eingefügt. Die Kirche, profaniert,  dient heute als Kindergarten. Berwanger hat neben der Kindertagesstätte mit sechs Gruppen ein Pfarrheim integriert. Ein Teilbereich kann weiter für Gottesdienste genutzt werden. Die Kindertagesstätte in Holzmassivbauweise bietet mehr als 100 Kindern Platz. Dass das Gotteshaus umgebaut wurde, zeigt sich in Form eines hölzernen Kubus  schon an der Eingangsseite.

Der Kindergarten liegt erhöht im Haus auf einem Podest, so dass in der unteren Etage Platz für weitere Nutzungen blieb. Der zentrale Korpus bietet neben einem Mehrzweckraum dem Pfarrheim Platz. Da der Einbau für die „Werktagskirche“ nicht die ganze Fläche einnimmt, entstand eine zweigeschossige Halle mit umlaufender Galerie im Obergeschoss, zu der eine elegante Treppe hinaufführt.

Die breiten Korridore sind als „Spielflure“ definiert. Um den Kindern etwas zum Entdecken zu bieten, hat die Architektin liebevoll unter der Treppe eine „Höhle“ und darüber einen „Ausguck“ bauen lassen. Garderoben, Küche, Speise-, Wickel- und Sanitärräume haben alle zur Architektur passende Einbau-Möbel.

Mit Umbauten hatte die Architektin bereits zuvor Erfahrungen gesammelt: Die „Tour Rondo“ genannte Omnibuswartehalle am Bahnhof St. Wendel hatte Berwanger zu einem Servicecenter der Saar-Pfalz-Bus und der Deutschen Bahn umgebaut. Der zweigeschossige Pavillon mit halb-ovalem Grundriss wird von einem Flachdach mit weitem Überstand gedeckt und wurde sorgfältig umgestaltet. Das Bauen im Bestand ist nicht nur im Saarland eine Herkules-Aufgabe. Im Vergleich zu entwidmeten Kirchen wie der ehemaligen katholischen Kirche St. Antonius in Völklingen-Fenne zeigen sich die Qualitäten des Dudweiler Umbaus: Die nach Entwurf von Konrad Schmitz 1965 eingeweihte Fenner Kirche ist seit Ende 2009 wegen Baufälligkeit geschlossen und wurde 2013 profaniert. Architektonisch ist dies ein herber Verlust, ist doch die ungewöhnliche Kirche mit ihrem rautenförmigen Zeltdach, deren Wände aus schrägen Lagen von alternierend versetzten Betonformsteinen bestehen, ein bauliches Juwel des herben 60er-Jahre-Kirchenbaus.

Eine andere säkularisierte Kirche im Saarland ist die evangelische Kirche in Sulzbach-Neuweiler, die 1953 im Stil einer Saalkirche erbaut worden war. Georg Müller vom Büro 3bstoff hat dort, als Pfarrhaus und Gemeindesaal aufgegeben wurden, im Mittelschiff einen Andachtsraum und Gemeindesaal untergebracht. Durch den Einbau von Stegplatten konnten in den Seitenschiffen neue Nutzungen untergebracht werden. Sein Konzept „Alte Hülle – neuer Kern“ steht exemplarisch für den Umgang mit Kirchengemeinden, die die Heizkosten für ihre Kirchen reduzieren wollen.

Für die Nutzung von leerstehenden Kirchen bleibt dennoch das Dudweiler Beispiel vorbildlich, weil es keine reine Reduktion vorsah, sondern einen programmatischen Neuanfang: Von einem Haus der Gotteskinder zu einem Haus für Gottes Kinder.

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