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Worte aus der „schönen Zeit“ ohne jede Wehleidigkeit

Worte aus der „schönen Zeit“ ohne jede Wehleidigkeit

Das Lebensgefühl der Sechziger und Siebziger Jahre, vor allem im Saarland – das war das Thema der Lesung, zu der der St. Ingberter Autor Günther Klahm gebeten hatte. Dabei durften auch St. Ingberter Eigenheiten nicht fehlen.

Man ahnte es schon, als man die Buchhandlung Friedrich betrat: Das wird eine Lesung, die man nicht alle Tage erlebt. An der Kasse gab es nämlich kleine Käsewürfel, die mit einer Traube auf einem Spies mit Länderflagge drapiert waren. "Oldschool" würde ein Jugendlicher heute wohl sagen, weil man das nur noch selten erlebt. Die nette Geste bei der Autorenlesung von Günter Klahm (63) sollte symbolisch für das Thema sein, wie Ute Strullmeier von der Buchhandlung indirekt erklärte. Der St. Ingberter mit Wurzeln in Niederwürzbach las aus seinen drei Werken mit Saarlandbezug. In ihnen geht es um das Lebensgefühl der 60er und 70er Jahre, um das Essen und vor allem die Geschichten dahinter. Nur fünf Interessierte wollten gemeinsam mit dem Lehrer in die Vergangenheit blicken.

"Es war eine schöne Zeit", betonte der passionierte Jäger vorab. Das sagte er jedoch ohne Pathos und Wehleidigkeit und vor allem ohne, das Ganze zu verklären. Vielmehr mit Freude vieles, was heute nicht mehr vorhanden ist, erlebt haben zu dürfen. Das Publikum stimmte ihm zu. "Liwa der Himmel voller Qualm, awwa die Kohle stimmt" umschrieb Günther Klahm das Lebensgefühl in der Kohle Zeit.

An die Zeit der Lohntüten, oder daran, dass die Ehemänner entschieden, ob ein Mädchen arbeiten durfte, erinnern sich heute nur noch die reiferen Jahrgänge. Oder daran, dass in der Küche im Topf gekochten Wasser gebadet wurde. Dort fand auch das zentrale Leben des Haushalts statt. "Aufgewachsen im Saarland in den 60er und 70er Jahren" ist das Werk, welches diese Zeit beschreibt.

Heute erheiternd, damals gar nicht lustig, war die Zeit des Schmuggelns. Meist waren es die Einkäufe aus Zweibrücken, was man - wie alles außerhalb der hiesigen Landesgrenze - als "es Reich" titulierte. Da verkleidete sich schon mal der Opa als Pfarrer, um Dinge unter dem Umhang zu verbergen. "Mer hann was erläbt" scheint ein Buch zu sein, das mit seinen Storys nie endet. Und dann die die Lebensmittel, die man damals aß. "Die Gerichte meiner Kindheit" setzt sich intensiv mit ihnen auseinander. Man kann die Rezepte besser verstehen, wenn man die Geschichte der Gerichte und vor allem die Lebensumstände dahinter kennt. Landsieg-Margarine kam aus St. Ingbert , Fenner Harz aus dem Völklinger Stadtteil und die Lasso-Zigaretten aus Saarlouis.

Zeit der Sexuellen Revolution

Es war auch die Zeit der sexuellen Revolution. Der Sexualkundeerlass von 1968 war "starker Tobak" (Klahm) für die Pädagogen. Klahm war, wie viele andere, alleine wegen seiner langen Haare eine Provokation. Dennoch schaffte er es als erster männlicher Schüler einer anderen Schule auf den Schulhof der Mädchenschule. Und das, indem er mit der Rektorin, einer Ordensschwester, diskutierte. Das Ergebnis: Die erste gemeinsame Schulfeier 1970.

Auch der Lokalkolorit wie die Imbiss-Bude Schleppi, das Kaufhaus Sinn - übrigens das erste mit Rolltreppe in St. Ingbert 1966 - und die Wienerwald-Leidenschaft der Saarländer kamen nicht zu kurz. Am Ende freute man sich auf die Käsehäppchen. Fehlte nur noch der Käseigel.