Finale der St. Wendeler Jazztage

Finale der Jazztage St. Wendel : Trockene Tücher und ein komplexer Kraftakt

Das Finale der 29. St. Wendeler Jazztage bot einen der sperrigsten Konzertabende – und einen der lohnendsten.

Drei Abende mit insgesamt sechs Konzerten, jedes mit tosendem Beifall gefeiert: So ist die Bilanz des Haupt-Wochenendes der 29. Internationalen St. Wendeler Jazztage, die am Sonntag – nach dem morgendlichen „Jazz for Kids“ – zu Ende gingen. Die Qualität bestätigte erneut das Potenzial interkultureller Projekte, zudem punktet das Festival mit Ausstrahlung: Für den Persönlichkeitsfaktor bürgen der langjährige Leiter Ernst „Ernesto“ Urmetzer und der ehrenamtlich tätige Jazzförderkreis, dessen Mitglieder alljährlich eine familiäre Wohlfühl-Atmosphäre im Saalbau garantieren. Wobei sich auch die Musiker nicht als hermetisch abgeschirmte Stars gerieren, sondern einem als Künstler zum Anfassen begegnen.

Das 30. Festival sei finanziell bereits in trockenen Tüchern, verkündete Urmetzer am Freitag und versprach, sich flugs an die Planung zu machen. Um tags darauf seinem Bürgermeister und Schirmherrn Peter Klär (CDU) anzudrohen, dass der für die Jubiläumsausgabe ein bisschen mehr springen lassen müsse.

Das sonntägliche Finale bescherte nun nicht den gewohnt leicht konsumierbaren Kehraus, sondern ge­riet zum womöglich sperrigsten Abend. Denn der Auftritt der als „Hohepriesterin der Seele“ angekündigten afroamerikanischen Sängerin und Aktivistin Laura Audrey Kabasomi Akiiki Kakoma – besser bekannt als Somi  – war längst nicht so gefällig, wie vielleicht erwartet. Und der österreichische Pianist David Helbock, der hier im Trio antrat, passt sowieso in keine Schublade: Der 35-Jährige ist mit allen stilistischen Wassern gewaschen und jongliert mit Klassik und Filmmusik so souverän wie mit Pop und Jazz, um alles zu pflegen oder zu zerstückeln.

Helbock mischte eigene Kompositionen mit Bearbeitungen, darunter Nummern des Filmkomponisten John Williams. Typisch für Helbock sind Stakkatospiel, diverse Klang-Manipulationen im Saitenkasten des Flügels und live zugespielte Elektronik. Oder konsequent abgestoppte Tasten, so bei einer Variation über den zweiten Satz von Beethovens 7. Sinfonie. In Kombination mit dem weichen, leicht diffus tönenden Ukulelen-Bass Raphael Preuschls, der solistisch in Richtung Fusion tendierte, und Reinhold Schmölzers kantigem Schlagzeug ergab sich so ein verschachteltes, mal fließendes, mal in Breaks zerhacktes und rhythmisch wucherndes Universum. In dem freilich auch verblüffend Lyrisches Platz hatte, ebenso wie traditioneller Modern Jazz zu Ehren Thelonious Monks.

Nach diesem komplexen Kraftakt holte auch Somis international besetztes Quintett die Zuhörer aus der Komfortzone. Die zunächst arg ungemütlichen Härten im Ensembleklang bekam die souveräne Soundtechnik zwar rasch in den Griff, doch Somis gesellschaftskritische Texte über Nationalismus, Gentrifizierung, Ausgrenzung und Ausbeutung blieben unbequem. Die Hommage der als „neue Miriam Makeba“ gefeierten musikalischen Geschichtenerzählerin mit afrikanischen Wurzeln an ihre Wahlheimat Harlem und dessen Migranten-Community „Petite Afrique“ war auf eine abwechslungreiche Mixtur aus Jazz, Afrobeats, Reggae und Soul gebettet, die manchmal leider etwas beliebig überorchestriert tönte. Eine balsamische Wucht dagegen Somis voluminöse und ergreifende Stimme: Von unerhört bauchig-kehligen Tiefen bis zu ätherischen Höhen weiß die Vokalistin ihre faszinierenden Mittel sehr bewusst einzusetzen und veredelte so auch ein unendlich langsames und trauriges Sting-Cover: „I‘m an African in New York“.