Jazztage St. Wendel mit Musikern aus neun Ländern.

Jazz in St. Wendel : Begeisterndes Bekenntnis zur Weltmusik

Bei den St. Wendeler Jazztagen trafen sich Musiker aus neun Ländern und schufen faszinierende Hörerlebnisse.

Was ist das denn? Ein bunt zerfasernder, runder Schwamm; bereit, alles Mögliche aufzusaugen? Oder ein explodierender Farbklecks, der sich fröhlich ausdehnt? Die Internationalen St. Wendeler Jazztage schafften es auch bei ihrer 29. Ausgabe, dass man nicht nur aufhorchte, sondern bei Plakat und Programmheft hinguckte und ins Grübeln geriet. Denn natürlich lassen die kryptischen grafischen Motive immer auch Rückschlüsse auf das jeweilige musikalische Programm zu. Nun, die bunte Kugel, die diesmal sogar in Form von Papierbällen das Foyer des Saalbaus schmückte, stand wohl für globale Vielfalt: Auch in diesem Jahr hielt der langjährige Festival-Leiter Ernst „Ernesto“ Urmetzer multikulturelle Diversität hoch und trotzte mit seinem Bekenntnis zur Weltmusik puristischen wie nationalistischen Tendenzen. Den Prolog vom vorletzten Wochenende im Kurhaus Harschberg mitgerechnet, waren diesmal Musiker aus neun Ländern zu Gast und kombinierten diverse Einflüsse und Stilistiken von Tradition bis Moderne zu faszinierenden Hörerlebnissen.

Einen „Spanischen Abend“ mit Gänsehaut-Momenten bescherte zunächst der Freitag. Den Auftritt bestritt das Trio NES, das drei Sprachen, drei Nationalitäten und vier Instrumente zu einer einheitlichen musikalischen Identität verschmilzt: Die Franco-Algerierin Nesrine Belmokh (Gesang, E-Cello, Mandoline), der Franzose Matthieu Saglio (Cello) und der Spanier David Gadeo (Percussion) fanden in Valencia zusammen, um musikalisch ihre Hoffnung auf eine bessere Welt zu formulieren. Das tun die Drei, indem sie als ebenbürtige Solisten mit ungewöhnlicher Orchestrierung bei erstaunlicher Klangfülle Jazz, Klassik, Soul und arabische Folklore zu hypnotischen Songs bündeln. Die kommen auf schier schwebenden Rhythmen in getragenem Tempo daher und versetzen einen mit minimalistischer Repetition in Trance, um im nächsten Moment eine mitreißend emotionale, mitunter zornige Wucht zu entwickeln. Im Zentrum steht die dunkle, voluminöse Stimme Belmokhs, die als Interpretin den Ausdruck einer Fado- oder Chanson-Sängerin mit der Intensität einer Soul-Lady und der Virtuosität einer Jazz-Vokalistin vereint. Das Publikum seufzte ergriffen, ließ Bravo-Rufe regnen und erklatschte sich eine Zugabe – um die kam auch das nachfolgende Ensemble des spanischen Pianisten Daniel García Diego nicht herum. Der verknüpft Flamenco und andere volksmusikalische Einflüsse seiner Heimat mit dem Rüstzeug eines zeitgenössischen Klavier-Jazz-Trios. Dabei ließen es Diego und seine Landsmannen Reinier Elizarde „El Negrón“ (Kontrabass) und Michael Oliveira (Schlagzeug) nach einem fast schon sakral anmutenden Klavier-Intro zunächst vordergründig angehen und setzten auf artistisches Powerplay: Die Eröffnungsnummer war eine Hommage an den spanischen Flinkfinger-Gitarrero Paco de Lucia. Melodischer Wiedererkennungswert rangierte hier gern hinter polierter Kunstfertigkeit mit Rhythmus- und Tempomanövern, hochenergetischen Soli und gemeißelter Brillanz. Aber dann brachen die Drei aus ihrem Hochglanz-Korsett aus, punkteten mit Spielwitz und gemeinsamen perkussiven Passagen. Oder loteten bei einer Ballade in memoriam Miles Davis mit Kuschelbesen-Snare und gezügelter Leidenschaft dynamische Tiefen aus – Musik wie für einen tragischen Liebesfilm.

Weit weg von folkloristischen Klischees führte auch der Samstag. Kein Salsa, kein Buena Vista Social Club: Die kubanische Pianistin Marialy Pacheco und der marokkanische Ausnahme-Perkussionist Rhani Krija zündeten ein karibisches Feuerwerk jenseits ausgetretener Pfade. Pacheco, aus deren Klavierspiel man den Klang von Steeldrums herauszuhören glaubte, gönnte sich keine Pause: Unentwegt wirbelte sie über die Tasten und entfachte so den Sog eines Perpetuum Mobiles – in perfekter Symbiose mit Krija, der ihr rhythmisch zuarbeitete oder gezielt Kontraste dagegen setzte. Statt eines herkömmlichen Schlagzeugs hatte Krija diverse Percussioninstrumente wie ein Drumset um sich aufgebaut und tönte so wie mehrere afro-kubanische Schlagwerker auf einmal. Dann wieder begleitete er nur mit Bongos oder Tambourin und demonstrierte in dieser Reduktion seine Meisterschaft umso eindrucksvoller. Da hätte man gern die Hüften schwingen mögen, derweil die Wahl-Deutsche Pacheco strahlend Kusshände verteilte.

Furios geriet das Finale: Das Quintett des französischen Akkordeon-Stars Vincent Peirani mit Überraschungsgast Emile Parisien (Sopransaxofon) bescherte den erwarteten Höhepunkt. Klassik, Chanson, Jazz, Folklore, bombastischer Heavy-Rock, zirzensisch Entrücktes: Mühelos schlägt dieses Ensemble eine Brücke, auf der sich vermeintliche Widersprüche auflösen, von Henry Purcells „Cold Genius“ bis zu Led Zeppelins „Stairway to heaven“. Das hat absolut nichts Mutwilliges; frappierend ist vielmehr die organische Selbstverständlichkeit, mit der hier Musik teils aus dem Nichts ins Sinfonisch-Epische wächst – von filigran bis brachial, von lyrisch-schwelgerisch bis martialisch groovend.

Und das, egal ob intime Zwiesprache oder Tutti-Passage, bei stets enormer Transparenz dank eines ausgefeilten Soundkonzepts: Selbst über dem rumorendem Rauschen des verfremdeten Fender Rhodes-Stagepianos (Tony Paeleman) blieb alles durchhörbar.

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