Ausstellung zum Comic „Die Spinne“ in der HBK Saarbrücken

Ausstellung zum Comic „Die Spinne“ in der HBK Saarbrücken : „Lesen Sie den Band in einem Rutsch“

In Saarbrücken beginnt am Mittwochabend eine Ausstellung zum Comicband „Die Spinne“.Andreas Möller, Dozent an der Hochschule für Bildende Künste Saar (HBK), hat den düsteren Thriller gezeichnet, der im US-Hinterland der 1970er Jahre spielt.

Einen Rat hat Andreas Möller: „Lesen Sie den Band in einem Rutsch.“ Das ist leicht – und wieder auch nicht. Denn einerseits entwickelt „Die Spinne“ einen enormen erzählerischen Sog, möchte man doch wissen, wie diese finstere Geschichte weitergeht und endet; andererseits will man länger verweilen bei den einzelnen, sehr expressiven Bildern, die mit Kontrasten spielen, mit Licht, Schatten und Schwärze. „Die Spinne“ heißt der packende Comicband von Andreas Möller (Zeichungen) und Michael Mikolajczak (Text), der im November beim renommierten Verlag Kult Comics erscheint.

Zu haben ist „Die Spinne“ aber schon jetzt in der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK), wo Andreas Möller seit 2006 Kunstdidaktik lehrt:  Ab Mittwochabend widmet sich dem Band eine Ausstellung in der Galerie der Hochschule. Der düstere Thriller über die junge Frau Amber, deren Vermieter Jimmy sie im Verborgenen durch Sehschlitze und halbtransparente Spiegel beobachtet, ist die erste gebundene Comic-Arbeit des 53-jährigen Möller; einst zeichnete er am heimischen Küchentisch im niedersächsischen Everode Geschichten und verkaufte die für einen Groschen an seine Eltern.  Als Kind war er ein emsiger Leser von Comics wie dem „Zack“-Magazin, den „Superman“-Heftchen und, wie er sagt, „generell allem, was man auf dem Dorf im Lebensmittelladen an Comics kriegen kann“.  

Zeichner und Dozent Andreas Möller in der HBK-Galerie. Foto: Tobias Keßler

In der Jugend und Pubertät fand Möller die Welt der Comics dann nicht mehr ganz so interessant, auch bei seinem Studium von Kunst (und Deutsch) fürs Lehramt ging es eher um Malerei oder Druckgrafik. „Ich hatte den Comic als Ausdrucksmittel da aus dem Blick verloren.“ Doch irgendwann erinnerte er sich an den Spaß am Küchentisch und nahm die Arbeit wieder auf. Zwei, drei Geschichten lud er bei myComics.de hoch, die Kommentare dort waren ermutigend – und er bekam eine mail vom Comic- und Drehbuchautor Michael Mikolajczak. Der mochte sehr, was Möller zeichnete, und hatte ein nicht verfilmtes Drehbuch in der Schublade, das er Möller zuschickte. Der las es, fand es „schon ganz gut, ein Thriller mit Katz-und-Maus-Thema“, konnte dem Schauplatz aber zeichnerisch nur wenig abgewinnen: ein deutsches Hinterland von heute. Wäre da, fragte Möller Mikolajczak, die USA der 1970er nicht viel interessanter, „mit bösen Polizisten und dicken Ami-Schlitten?“. 

Der Texter war einverstanden, die Arbeit begann Ende 2012. „Ich dachte, lass uns das mal anderthalb Jahre machen, dann haben wir schon viel im Kasten.“ Aber mit zwei kleinen Kindern und einer Vollzeitstelle an der HBK „zog es sich immer mehr“, bis hin zu Sinnfragen wie „Was mache ich hier eigentlich? Andere Leute machen Ausflüge mit der Familie, ich sitze hier allein und zeichne.“ Aber nach 30, 40 fertigen Seiten gab es kein Zurück mehr. „Jetzt bin ich ziemlich erleichtert und ein bisschen stolz.“

Die junge Amber wird ersteinmal zum Opfer ihres brutalen Vermieters Jimmy. Doch dann? Foto: Möller/Kult Comics/Andreas Möller

Möllers Zeichnungen machen „Die Spinne“ zu einer atmosphäresatten Erzählung aus dem US-Hinterland, wobei die 1970er sich nicht nur in den Dekors, der Kleidung und den Frisuren niederschlagen, sondern  auch im Stil selbst, mit knalliger Wortmalerei etwa wie „Slam“ für zuschlagende Türen, „Whug“ für zuschlagende Frauen und mit dem klassischen „Roooaar“ für einen röhrenden Automotor. Da fühlt man sich an Zeiten erinnert, in denen Comics noch Comics hießen und nicht, manchmal etwas zwanghaft verwendet, „Graphic Novels“.

Möllers Liebe zum Medium erblühte in jener Ära, er ist Fan der Marvel-Comics der 1970er, von „Valerian & Veronique“, von „Corto Maltese“ und „von Künstlern, die heute beim großen Publikum nicht mehr sehr bekannt sind“. Jorge Zaffino („Winter World“) etwa, Matthias Schultheiss („Die Wahrheit über Shelby“) oder Ferdinando Tacconi – „Zack“-Leser der ersten Stunde werden sich an dessen charmante „Gentlemen GmbH“ erinnern. Mit dem Klassiker „Tim und Struppi“ hingegen ist Möller „nie warm geworden, das war mir zu klar, zu rational.“ Möller mag es expressiver, er schätzt Licht, Schatten und die Ästhetik des Film Noir, was der Geschichte von „Die Spinne“ entgegen kommt – um Gewalt geht es, Sexualiät und Rassismus, der Band ist ein harter, brutaler Brocken. Als Möller vor sieben Jahren mit seiner Arbeit begann, wollte er seinen beiden Kinder die Arbeiten deshalb nicht zeigen und sagte ihnen „Das ist noch nichts für Euch.“ Zum Erscheinen des Comics sind sie nun alt genug – es hat eben alles etwas länger gedauert als geplant.

Jimmy, der höllische Vermieter, auf der Jagd nach Amber. Foto: Möller / Kult Comics/Andreas Möller

Die Ausstellung in der Galerie zeichnet Möllers Arbeitsweise nach: Entwürfe sind zu sehen, Skizzen der Figuren und Schauplätze, dann erste Vorzeichnungen im Din-A3-Format (das größer ist als das Format der letztlich gedruckten Seiten im Band). Diese Vorzeichnung scannt Möller üblichereise ein und druckt sie in Hellblau aus, um dann mit einem Tuschestift (manche davon extra aus Japan bestellt) drüberzuzeichnen. Dieses Blatt wird erneut gescannt, diesmal in Schwarzweiß, wobei die hellblauen Vorzeichnungen dann optisch auf der Strecke bleiben und verschwinden. Nun beginnt die Colorierung am PC. „Es gibt zarte Graustufen“, sagt Möller, „die man so fein nur am Rechner hinbekommt“. Auch beim Entwerfen (und Verschieben) von komplexen Bildfolgen macht der  PC Möllers Leben manchmal leichter. Seine Zeichenarbeit kann man sich in einem kurzen Film in der Galerie anschauen, auch eine frühere Comic-Geschichte, „Wurzeln“, kann man durchblättern.

Im Zentrum steht aber die „Die Spinne“, deren Auszüge hier chronologisch gehängt sind, so dass man der Geschichte im Groben folgen kann. Autor Mikolajczak legt dabei falsche Fährten aus und bietet im letzten Drittel manche Überraschungen und Wendungen, die über den vom Leser möglicherweise vermuteten Tausch von Täter- und Opferrolle weit hinausgehen; manche Erwartung wird auf den Kopf gestellt. Damit man sich da im Vorbeigehen nicht des Überraschungsmoments bei der Gesamtlektüre des Bandes beraubt, hat Möller zu einem ungewöhnlichen Mittel gegriffen: Vier entscheidende Bilder des Finales sind mit beweglichen Klappen bedeckt.

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