Das Festival Jazz Pulsations fand in Nancy statt

Jazz-Festival : Ponty verzaubert Nancy noch mit 77

Temperamentvoller Geiger krönt Jazz Pulsations im Jahr eins nach der Ära Kader

Was pulsiert, das entzieht sich der Stagnation. Das gilt allgemein und ganz besonders für das herbstliche Jazzgeschehen in Lothringens schmucker Kapitale Nancy. Hier sind unlängst mit einem Konzert des Trios um Laurent de Wilde die Jazz Pulsations (NJP) 2019 zu Ende gegangen. Plakatmotiv der NJP 19 war ein Flugzeug im Steigflug. Soll heißen: Auch nach 46 Jahren Pulsations ist Stillstand tabu. Weiter aufwärts soll es gehen. Frankreichs stilistisch offenherzigstes und klangfarbigstes Jazz Festival ist mit seiner Neuauflage in eine neue Ära eingetreten: Seit 1982, also seit über dreieinhalb Jahrzehnten, hat Patrick Kader als Directeur Artistique das Programm verantwortet. In seiner Amtszeit ist das Festival vom Jazz-Event zu einer Plattform improvisierter Musik mutiert, auf der alle erdenklichen Electric- und Acoustic-Sounds ihren Platz finden. Folklore, Ethno-Klänge, Chanson, Blues, Rock, Hip Hop, Funk, Blues und der Jazz finden ihre Zielgruppen in Nancys toleranter Musik-Klientel.

Jetzt hat sich Kader in den Ruhestand zurückgezogen. Er hinterlässt seinem Nachfolger Thibaud Rolland ein bestelltes Feld. Und der Neue, ein erst 31-jähriger gelernter Musiker aus Reims, hat mit seiner ersten Programmregie in Nancy dafür gesorgt, dass die Pulsations-Tradition auch im Jahr eins nach Kader lebt. Ein Musikfestival, das den Jazz im Namen trägt, macht die Pflege der Jazz-Ästhetik zu seinem zentralen Anliegen. An hochkarätigen Jazzern hat es demgemäß bei den Pulsations 2019 nicht gefehlt. Kyle Eastwood war mit seinem Neobop-Quintett da, die Belmondo Brüder, die Moutin Brüder, Laurent de Wilde, Eric Legnini und nicht zuletzt Bugge Wesseltoft mit dem Trio Rymden, das aus dem legendären Esbjörn Svensson-Trio hervorgegangen ist.

Besonders hell leuchteten die Sterne über Nancys Jazzhimmel, als im Chapiteau US-Kontemporär-Jazz von Meisterhand und französischer Starkstrom-Electric-Jazz Funken schlagend aufeinandertrafen. Das Zelt in der Pépinière ist sonst den publikumswirksamen Pop- und Rock-Events vorbehalten. Diesmal ließ man die Jazzer in die geräumige Location. Große Namen brauchen eben große Bühnen.

Teil eins der Soirée Jazz schrieb ein US-All-Star-Quintett. Der Trompeter und Blood Sweat & Tears-Mitbegründer Randy Brecker, der Sopran- und Tenorsaxophonist Dave Liebman, der Pianist Marc Copland, der Bassist Drew Gress und der Drummer Joey Baron haben als Jazz-Champions tausende konzertante Schlachten geschlagen. In Nancy fanden die fünf Koryphäen zu einer erstaunlich konsistenten Ensemble-Arbeit. Mit Bop-Sprenkeln, Free-Abstraktionen, sanften balladesken Aquarellen schufen die fünf Musiker eine abwechslungsreiche Klangtapete für die mit virtuoser Linienführung artikulierten Solopartien. Gegenwartsjazz der feinen Art.

Für einen radikalen musikalischen Szenenwechsel sorgte Jean Luc Ponty. Der virtuose Geiger aus dem normannischen Avranches galt seit den 1970er Jahren weltweit als der Primas der Rock-Jazz-Violine. Jetzt ist er ein älterer Herr, der sich ein geruhsames Rentnerdasein verdient hätte. Kein Interesse! Der 77-Jährige steht lieber auf der Bühne und heizt mit seinem temperamentvollen Quintett den Fans ein. Die erhalten vom Zaubergeiger mit dem superben, glasklaren Ton eine mitreißende, klangfarbige, tänzerisch beschwingte Performance. Die leichthändige Eleganz des Leaders trug eine starke Band, in der Drummer Damien Schmitt mit einem spektakulären Solo aufhorchen ließ.

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