SZ-Serie: Der Sommer hält den Winzer auf Trab

Nennig : Der Sommer hält den Winzer auf Trab

Auch wenn es nichts zu ernten gibt, hat der Weinbauer zu tun. Die heißen und trockenen Monate verlangen ihm alles ab.

Auxerrois, Grauburgunder, Elbling – Weine, die unsere Region auszeichnen. Aber wie wird aus der Traube am Rebstock an der Obermosel der feine Tropfen, von dem der durchschnittliche Deutsche 20 Liter im Jahr genießt? Und was arbeitet ein Winzer eigentlich, während der Most im Tank gärt oder der Wein im Fass reift? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, begleitet die SZ den stellvertretenden Winzerpräsidenten des Saarlandes, Peter Petgen, durch alle vier Jahreszeiten. Im vierten Teil der Serie treffen wir den erfahrenen Winzer und seine Mitarbeiter in der für sie stressigsten Zeit des Jahres.

Es nieselt leicht an diesem Donnerstagmorgen. „Da haben wir uns ja den richtigen Termin zur Besichtigung ausgesucht“, sagt Peter Petgen, als er aus der Tür seines Weinguts nahe dem Schloss Berg in Nennig tritt. Was den Weinbauern eigentlich freuen würde – noch bis vor Kurzem plagten ihn Trockenheit und Hitze –, sorgt für nicht ganz ideale Bedingungen, um die Arbeit in Weinbergen kennenzulernen. Die Sommermonate halten den Winzer und seine Kollegen auf Trab – Juni und Juli sind für sie die arbeitsintensivsten Monate, verrät Petgen. „Die meisten vermuten, am anstrengendsten für uns Weinbauern wäre die Ernte im Herbst, aber das stimmt nicht“, sagt er.

An den Hängen mit Ausblick auf das Nenniger Schloss Berg ist Winzer Leszek Pikula damit beschäftigt, ungewollte Stocktriebe von Jungreben zu entfernen. Diese wurden im vergangenen Jahr gepflanzt und werden erst in zwei, drei Jahren Trauben tragen. Eine Parzelle hat Petgen im vergangenen Jahr gerodet, da die alten Reben marode geworden waren. „Hier ist ursprünglich Grauburgunder gewachsen und wir haben auch wieder Grauburgunder angepflanzt“, erzählt Petgen. Die in der Region beliebte Sorte macht seinen Worten nach rund 70 Prozent der Reben in seinem Betrieb aus.

„Jungreben bilden viele Triebe aus, von denen aber nur einer, der stärkste, weiterwachsen soll“, erklärt Pikula. Daher werden alle Triebe bis auf einen entfernt. Dieser wird an einem horizontal gespannten Draht angebunden. Dieser Arbeitsschritt sei notwendig, damit die Reben nicht unkontrolliert in alle Richtungen sprießen. Das Anbinden sei zeitaufwendig und lasse sich nur bedingt maschinell erledigen, erklärt Pikula. Darum geht er die Reben Reihe um Reihe durch und kontrolliert jeden Stock persönlich. Rund eine halbe Stunde braucht Pikula, bis er mit einer Reihe fertig ist. „Winzerarbeit ist Handarbeit“, bekräftigt Petgen. Maschinen können die Weinbauern zwar ihn ihrer Tätigkeit unterstützen, doch ein Großteil der Arbeit müsse manuell erledigt werden.

Bereits erledigt war bei unserer Ankunft das sogenannte Aufheften der Zieltriebe. Petgen erläutert den Arbeitsschritt: „Die Weintrauben, die wir dieses Jahr ernten werden, hängen hier unten“, erklärt der Winzer und zeigt auf die Trauben, die auf mittlerer Höhe des Rebstocks hängen. „Das sind die alten Triebe, die werden abgeschnitten, sobald sie abgeerntet sind. Hier oben“, sagt Petgen und greift in dem Stock ein wenig höher, „sind die Triebe, die im nächsten Jahr Früchte tragen sollen. Die werden nach oben gebunden, damit sie nicht abbrechen oder beim Laubschnitt abgeschnitten werden. Sobald die alten Triebe abgeerntet sind, werden die neuen Triebe nach unten gebunden“, sagt Petgen und fährt mit einem Finger ein Seil entlang, das die oberen Triebe fest zusammenhält.

Allzu voll scheinen die Reben aber noch nicht zu hängen. Dieses Jahr habe es dem Nenniger Weinbauern schwer gemacht, erzählt er. Die Trockenheit und Hitze der vergangenen Wochen verschafften Petgen und seinen Mitarbeitern viel zusätzlichen Aufwand. „Ein Rebstock braucht etwa acht Liter Wasser am Tag“, so Petgen. Doch wirklich zu schaffen machte dem Winzer der späte Frost Anfang Mai. Er zerstörte einen Großteil der Trauben. Petgen schätzt, dass er im Herbst keine 40 Prozent der möglichen Ernte einfahren wird. Dabei habe es in der Region keinen Betrieb so schwer erwischt wie seinen, beklagt er. „Das wird ein absolutes Katastrophenjahr.“

Was außerdem auffällt: Zwischen den Reihen der Rebstöcke sieht es auffallend grün aus. „Das soll auch so sein“, sagt Petgen, „Der Platz zwischen den Reben ist mit voller Absicht naturbelassen, damit sich die Bienen und viele anderen Arten von Insekten dort wohlfühlen können.“ Nur ein wenig flach sehen diese naturbelassenen Grünflächen aus. „Ja“, sagt Petgen, „aufgrund der Trockenheit mussten wir das Grün vor Kurzem platt walzen, damit die Pflanzen den Reben nicht das Wasser und die Nährstoffe wegnehmen. Aber wie man sieht“, meint Petgen und zeigt auf vereinzelte Blümchen, die schon wieder aus dem Boden sprießen, „wächst das alles wieder nach.“

Ein Stück weiter oben auf dem Weinberg ist Winzer Dario Thiel damit beschäftigt, die Reben von unliebsamem Laub zu befreien. „Die Weintrauben dürfen nicht von Laub bedeckt werden, ansonsten kann das zu Pilzbefall führen“, weiß Thiel zu berichten. Überschüssiges Laub werde daher entfernt, damit die Trauben genug Sonne und frische Luft bekommen und somit richtig austrocknen können, wenn sie einmal nass geworden sind. Das erledigt Thiel mit einem speziell ausgerüsteten Traktor. Ein eigens dafür entwickeltes Gerät saugt die Blätter an und zupft sie vorsichtig ab, sodass die Rebe keinen Schaden nimmt. Bei dieser Arbeit stellt die Maschine für den Winzer eine große Erleichterung dar. Rund zwei Stunden braucht Thiel, um einen Hektar zu bearbeiten. Von Hand brauche man alleine eine ganze Woche, sagt er.

Am obersten Punkt des Nenniger Weinbergs ist Weinbautechniker Stephan Zilliken gerade dabei, die erst in diesem Jahr gepflanzten Jungreben von Unkraut zu befreien. Dabei arbeiten die Winzer in Nennig ausschließlich mechanisch, sie verzichten völlig auf Insektizide und Herbizide, betont Petgen. Zilliken fährt die Reben nach und nach ab. Dabei kann er gerade einmal eine Geschwindigkeit von zwei Stundenkilometern fahren, erläutert er, denn wenn er mit der Maschine unvorsichtig umgehe, könne er die jungen Triebe leicht beschädigen. Damit das Gerät zum Unkrautjäten – ein sogenannter Stockräumer – nicht aus Versehen die Reben rupft oder ständig gegen die Metallstangen schlägt, an denen die Jungreben hoch wachsen sollen, muss Zilliken hinter dem Steuer des Traktors genau aufpassen. Er hat einen Joystick in der Hand, mit dem er den Arm, an dem der Stockräumer befestigt ist, ein- und ausfahren kann. Auch deshalb ist es notwendig, so langsam zu fahren.

Rund acht Stunden braucht Zilliken, um einen Hektar Fläche von Unkraut zu befreien. Das Gerät verfügt zwar auch über einen Sensor, der reagiert jedoch erst, wenn er gegen einen Gegenstand schlägt. Die Jungpflanzen seien jedoch zu empfindlich, daher müsse das Gerät von Hand ausgelöst werden. Und auch hier gilt: Die Maschine kann grobe Vorarbeit leisten, aber am Ende muss der Winzer doch mit der Harke durch die Reben gehen und kleineres Unkraut von Hand entfernen. Meistens sind das jene unerwünschten Pflanzen, die besonders dicht an den Trieben wachsen. Dort gelangt der Stockräumer nämlich nicht hin.

Die Heftmaschine bindet die Reben für das nächste Jahr nach oben, damit sie nicht beschädigt werden. Foto: Peter Petgen
So sahen die naturbelassenen Wege zwischen den Reben noch bis vor Kurzem aus. Foto: Peter Petgen
Winzer Leszek Pikula beim Schneiden der Triebe. Foto: Ruppenthal
Weinbautechniker Stephan Zilliken beseitigt maschinell Unkraut bei den ­Jungreben. Foto: Ruppenthal
Die Winzer Peter Petgen (rechts) und Dario Thiel an der Entlaubungsmaschine auf dem Weingut Karl Petgen in Nennig. Foto: Ruppenthal
Winzer Leszek Pikula bindet eine Jungrebe fest. Foto: Ruppenthal
Sie wurden plattgewalzt, damit die Pflanzen den Reben nicht das Wasser wegnehmen. Foto: Ruppenthal

Was macht Petgen nach all diesen Strapazen? Er geht erst einmal in den Urlaub, bevor im Herbst die nächsten Anstrengungen bevorstehen. „Jetzt ist das Gröbste der Arbeit erst einmal erledigt und ich kann mir eine Pause gönnen“, freut sich Petgen, „bevor es schon bald wieder an die Ernte geht.“

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