Serie "Mit dem Winzer durch das Jahr": Durch den Frühling in Perl

Serie „Mit dem Winzer durch das Jahr“ : Wenn das neue Leben im Weinberg erwacht

Von Frühjahrsmüdigkeit keine Spur: Bis Anfang April werden die austreibenden Reben auf das Traubenwachstum vorbereitet.

Auxerrois, Grauburgunder, Elbling – Weine, die unsere Region auszeichnen. Aber wie wird aus der Traube am Rebstock an der Obermosel der feine Tropfen, von dem der durchschnittliche Deutsche 20 Liter im Jahr genießt? Und was arbeitet ein Winzer eigentlich, während der Most im Tank gärt oder der Wein im Fass reift? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, begleitet die SZ den stellvertretenden Winzerpräsidenten des Saarlandes, Peter Petgen, durch die Jahreszeiten. Es geht zum Weinberg und in den Betrieb des Weinguts Karl Petgen in Nennig.

Über Langeweile kann auch ein Winzer nicht klagen. Wenn die Tage langsam wieder länger werden und die Temperaturen auf dem Thermometer ansteigen, beginnt im Weinberg am Schlossberg in Nennig die Rebe auszutreiben. Nach dem Knospenschwellen und den ersten zarten Blättern spreizen sich immer mehr Blätter vom Trieb ab und das Längenwachstum setzt ein. Nach dem Rebschnitt im Winter werden im Frühjahr, wenn die Reben anfangen zu „bluten“ (so nennt man den Saftaustritt an den Schnittwunden), die Fruchtruten vorsichtig nach unten gebogen und festgebunden. Vorzugsweise wird diese Arbeit bei höherer Luftfeuchtigkeit, zum Beispiel bei Nebel oder Nieselregen erledigt. Dadurch verringert sich das Risiko, dass die Fruchtrute ungewollt bricht. Eine gleichmäßige Verteilung der Triebe ist das Resultat des Ruten-Biegens. Unterhalb der Biegestelle entsteht in der gebogenen Rebe ein Saftstau. Das bedeutet, dass alle Knospen an der Rute gleichmäßig mit Saft versorgt werden und somit später auch eine gleichmäßig Reife erlangen.

Es ist gegen 10 Uhr an diesem sonnigen Frühlingsmorgen. Im Weinberg lockert Winzer Dario Thiel mit einem Traktor die Böden ganz grob und tief auf. „Wir brechen eine Begrünung im Wechsel alle Jahre um, lassen es trocknen und säen dann wieder eine neue Begrünung, eine Kräutermischung, ein“, erklärt Peter Petgen und ergänzt: „So haben wir immer viele blühende Pflanzen über die gesamte Vegetationsphase im Weinberg.“ Das lockt Insekten und Bienen an und dient der Schädlingsminimierung. Dadurch entstehen viele Nützlinge, was auch die Umwelt schont. Ein Thema, das Petgen besonders am Herzen liegt.

„Wir sind ja ein nachhaltig und umweltschonend wirtschaftender Betrieb und bei Fair’n’Green zertifiziert“, erklärt Petgen. Bereits seit April 2015 ist das saarländische Weingut an der luxemburgisch-französischen Grenze von der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft für nachhaltigen Weinbau aufgenommen. Neben 30 weiteren namhaften Weingütern in Deutschland müssen die Mitglieder von Fair’n’Green aus den Bereichen Betriebsführung, Umweltschutz sowie gesellschaftlichem Engagement hohe Mindestanforderungen erfüllen. „Das bedeutet, dass wir im Weinberg auf Mineraldünger, also auf Kunstdünger, verzichten und nur organischen Dünger einsetzen. Wir haben die Weinberge begrünt und verzichten völlig auf Insektizide und auch auf Herbizide. Das ganze Thema Glyphosat spielt bei uns daher überhaupt keine Rolle“, berichtet Petgen.

Nach dem Abstecher in den Weinberg geht es wieder zurück in den Betrieb. Dort werden gerade die neuen, sterilen, leeren Flaschen auf die Füllanlage gestellt. Der fein filtrierte Wein wird dort über den Füllbehälter der Abfüllanlage in die Flaschen gegossen. Anschließend laufen die nun befüllten Flaschen auf dem Förderband weiter zur Korkmaschine. Dort werden sie mit einem Korken geschlossen und können wieder entnommen werden.

Danach werden die Weinflaschen von Winzer Leszcek Pikula in Gitterboxen gelegt, gelagert und bei Bedarf boxenweise entnommen. Sie werden im Betrieb etikettiert, ausgestattet und gehen dann an die Kunden raus. „Ab und an geht auch mal eine Flasche kaputt. Das lässt sich leider nicht vermeiden“, sagt Stephan Zilliken lachend. Der Weinbautechniker betreut die Maschine. Sprich: Er sorgt für einen reibungslosen Ablauf, schaut, dass immer genug Flaschen und Korken vorhanden sind und es nicht zu einem Stillstand der Maschine kommt. „Wenn es gut läuft, füllen wir in acht Stunden bis zu 15 000 Flaschen. Das ist auch unser Tagesziel, was wir uns so vorgenommen haben“, berichtet Petgen. Abgefüllt wird das ganze Jahr über, verstärkt jedoch im Frühjahr, wenn der neue Jahrgang „auf die Flasche“ soll, wie Petgen weiter erklärt.

Die befüllten Flaschen werden verkorkt. Foto: Julia Franz
Die leeren, sterilen Flaschen werden mit Wein abgefüllt. Foto: Julia Franz

Mit dem Jahrgang 2018, der gerade vor dem Verkauf steht, sei er rundum zufrieden, betont Petgen und spricht von einem alkoholstarken Wein, der wenig Säure zeigt, was den meisten Leuten entgegen kommt. „Es gibt aber Grenzen, was den Alkoholgehalt angeht. Wenn es zu gewaltig und kräftig ist, haben wir nicht mehr die typischen Weine, die wir hier kennen“, merkt Petgen an, der das Weingut bereits in neunter Generation gemeinsam mit seiner Frau Sabine als Familienbetrieb leitet. Doch: „Jedes Jahr ist anders. Gerade das ist ja das Schöne am Wein. Es ist ein Naturprodukt, das man nicht vollkommen uniformiert wie eine Coca-Cola ausbauen kann. Die Qualität wird im Weinberg geprägt durch die Arbeit, die wir das ganze Jahr über leisten“, sagt Petgen. Dazu gehören ein geringer Anschnitt, begrünte Rebzeilen und naturnahe Boden- und Laubbearbeitung.

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