Ein streitbarer Geist zieht sich zurück

Perl : „Auch Ratschläge sind Schläge“

Nach zehn Jahren hat Ernst Rudolf Ollinger den Vorsitz der CDU-Fraktion im Perler Gemeinderat abgegeben – im Gespräch mit der SZ zieht er Bilanz.

Was hat Sie bewogen, nicht mehr zu kandidieren und Ihr Amt zur Verfügung zu stellen?

ERNST-RUDOLF OLLINGER Ausschlaggebend hierfür sind in erster Linie gesundheitliche Gründe. Daneben gibt es auch strukturelle Überlegungen. Eine Fraktion und der Gemeinderat sollten sich aus einem ausgewogenen Altersspektrum zusammensetzen. Dies kann nur gelingen, wenn einzelne ältere Gemeinderatsmitglieder jüngeren Platz einräumen. Ich betrachte meinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur auch als Aufforderung einer Verjüngung der Fraktion.

Wie lange haben Sie sich politisch engagiert?

OLLINGER Mein ganzes Berufsleben war stark politisch geprägt. Insbesondere war die Sozialpolitik in all ihren Facetten Gegenstand meines Interesses, vor allem in meiner landespolitischen Tätigkeit und in den damit verbundenen Fachgremien.

Dabei waren die Mitwirkung bei der Entwicklung und Einführung der Sozialen Pflegeversicherung, des Heimkinderfonds und des Familienhebammenprogramms mit „Keiner fällt durchs Netz“ besondere Höhepunkte. In den letzten zehn Jahren kamen kommunalpolitische Gremienarbeit als Fraktionsvorsitzender und in der noch laufenden Wahlperiode die Funktion des Beigeordneten hinzu. Ein besonderer Schwerpunkt hierbei war die Neuwahl des Bürgermeisters, nachdem der damalige Amtsinhaber aus Altersgründen nicht mehr angetreten war.

Was bezeichnen Sie als größten Erfolg in Ihrer politischen Karriere?

OLLINGER Ich hielte es für vermessen, politische Erfolge, aber auch Niederlagen an einer Person festzumachen. Es sind dies in der Regel gemeinsame Erfolge und gemeinsame Niederlagen. Ich betrachte den Zusammenhalt in der Fraktion als einen besonderen Erfolg, für den ich allen Fraktionsmitgliedern ausdrücklich danke. Abweichende Meinungen wurden in den Fraktionssitzungen diskutiert, akzeptiert und fließen in die politische Entscheidungsfindung ein.

Was würden Sie als größte Niederlage in Ihrer politischen Arbeit bezeichnen?

OLLINGER Auch hierbei gilt das unter Punkt drei gesagte. Nicht als Niederlage, sondern als Enttäuschung habe ich bürokratische Hürden bei der Umsetzung von Beschlüssen erlebt. Selbst einstimmige gemeinsame Beschlüsse bedürfen insbesondere durch bürokratische Hemmnisse eines Zeitablaufes, der auch für Gemeinderatsmitglieder nicht immer verständlich ist und nicht gerade motivierend wirkt.

Wie hat sich die politische Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

OLLINGER Besonders auffallend ist die Tatsache, dass es immer schwieriger wird, Menschen für die Mitarbeit in politischen Gremien zu gewinnen. Dies zeigt sich nicht nur in der mangelnden Bereitschaft zur Mitarbeit in politischen Gremien, sondern entspricht auch der hohen Zahlen der Nichtwähler auf allen Ebenen. Dies wird sicherlich ein künftiges Schwerpunktthema in der politischen Landschaft werden müssen.

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

OLLINGER Keinen. Eine gewünschte stärkere Altersmischung in den Gremien hat zwangsläufig einen beabsichtigten anderen Politikstil und geänderte Sichtweisen zur Folge. Eingefahrene Wege werden infrage gestellt und eventuell notwendige Korrekturen eingeleitet. Ungebetene Ratschläge sind dabei nicht hilfreich. Nur auf Nachfrage stehe ich gerne mit Ratschlägen zur Verfügung, jedoch mit dem Wissen: Auch Ratschläge sind Schläge.

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