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Wenn die Nerven blank liegen

Merzig. Sie hat in New York auf der Bühne gestanden – im Musical Pippin. Danach ging Sabrina Harper mit ihrer Truppe auf Tournee. Jetzt spielt sie eine Hauptrolle in Merzig. SZ-Redakteurin Margit Stark hat sich mit ihr unterhalten. Jana Freiberger

Premiere für das neue Musical ist am kommmenden Freitag im Merziger Zeltpalast. Vor dem großen Tag hat sich die SZ hinter den Kulissen umgeschaut und war bei Proben dabei.


Der Anschlag des Metronoms klingt leise durch den leeren Merziger Zeltpalast. Die Scheinwerfer sind auf die Bühne gerichtet. Die Schauspieler des Musicals "9 to 5 " warten still auf ihren Einsatz. Dann schlägt der musikalische Leiter Hans Christian Petztoldt den ersten Ton auf seinem Keyboard an - und sofort sind alle Darsteller in ihrer Rolle.

"Es ist Zeit für ein paar Veränderungen im Büro", beginnt Sarah Bowden als aufreizende Sekretärin Doralee Rhodes ihren Text. Sie trägt einen grauen Kapuzenpollover, um ihre Hüfte hat sie ein kariertes Hemd geschlungen.

Bei der Probe am Freitagvormittag tragen die Protagonisten bequeme, sportliche Kleidung. Keine Kostüme, keine Schminke. Das kommt erst am Nachmittag. An einem Schreibtisch vor der Bühne sitzen Regisseur Alex Balga und Choreograph Danny Costello. Balga beißt sich immer wieder auf die Lippen. Seine Hände hat er verkrampft ineinander gefaltet. Konzentriert verfolgt er die Darbietungen auf der Bühne. Costello hält es nicht lange auf seinem Stuhl: "Upside down and up and down", ruft er dem Ensemble entgegen und tanzt die Bewegung selbst vor. Wenn nötig, klettert der Choreograf schnell auf die Bühne, um die Schritte mit den Schauspielern noch einmal durchzugehen. Im Hintergrund putzen zwei Teammitglieder die leeren Sitze, Kaffeetassen stehen im Zelt verteilt auf Tischen und Boden.



Auch eine Woche vor Aufführungsbeginn ändert der österreichische Regisseur Balga noch Kleinigkeiten im Ablauf der einzelnen Szenen. Jeder Schritt, jeder Gesichtsausdruck, jede Wortbetonung muss stimmen. "Bleib weiter hinten, das sieht doch blöd aus, wenn du dich im Gespräch einmischst", weist er April Hailer an, die die Rolle des Bürodrachen Roz Keith spielt. Was letzte Woche noch so im Spielplan stand, wird wieder gestrichen. Auch Keyboarder Petzoldt muss sich auf die stetigen Änderungen einstellen.

Ob auf der Bühne oder hinter den Kulissen, die Anspannung ist förmlich spürbar. Denn in ein paar Tagen muss alles sitzen. Am Freitag, 12. August, ist Premiere der deutschsprachigen Aufführung des Musicals von Dolly Parton und Patricia Resnick.

Die Hauptfiguren des Musicals sind Bürovorsteherin Violet, die unter Burn-out leidet, der frisch geschiedene Neuling im Büro Judy und die attraktive Sekretärin Doralee - gemeinsam wollen die drei Frauen ihren aufgeblasenen, inkompetenten, übergriffigen und despotischen Chef Franklin Hart jr., gespielt von Frank Winkels, loswerden. Sie entschließen sich, ihn zu entführen und krempeln dann nicht nur das Unternehmen und ihre Arbeitsbedingungen um, sondern wagen sich auch privat auf neue Wege.

Dem Bürodrachen Roz Keith, gespielt von April Hailer, entgeht nichts im Büro und sie verpetzt ihre Kollegen liebend gern beim Boss. Ihre heimliche Liebe zu Mr. Hart jr. bleibt unerwidert, aber sie würde alles tun, um seine Aufmerksamkeit zu wecken.

Das Musical basiert auf dem gleichnamigen Film mit Jane Fonda , Lily Tomlin und Dolly Parton aus dem Jahr 1980 und feierte 2008 zuerst in Los Angeles Premiere, 2009 am Broadway, 2012 war die Show in Großbritannien zu sehen.

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Burgund-rote Lippen und Smokey Eyes: Die Verwandlung zum Bürodrachen hat April Hailer fast vollzogen - nur Brille und Perücke fehlen. "Es ist eine tolle Rolle", gerät die Schauspielerin und Regisseurin über ihren Part als Roz Keith in dem Musical 9 to 5 ins Schwärmen. In ihrem einzigen Song, den sie im zweiten Akt singt, packt sie aus. "Die an und für sich einsame, steife, den Chef im Stillen verehrende Frau explodiert wie ein Vulkan", verrät sie. Auf eine Sache festlegen will sie sich nicht. "Alles hat seinen besonderen Reiz. Eine eigene Show zu haben ist was Tolles, ebenso wie eine eigene Fernsehproduktion. Und die eigene Bühnenshow wie beim Bayerischen Rundfunk ist fantastisch", sagt die vielseitige Künstlerin, die lange zur Stammbesetzung der RTL-Verbrauchershow "Wie bitte?!" zählte, Ende der 90er Jahre mit ihrer Personality-Show einen Publikumshit landete, an namhaften Bühnen gastierte und in den Serien "Die Aubergers", "Traumschiff" oder im Tatort mitspielte. Aber ebenso aufregend nennt sie es, sich in ein Ensemble einzugliedern, um dort einen Part zu übernehmen. Das Schöne an der Crew in Merzig sei, dass sie aus Profis bestehe, die sich als Partner verstehen. "Alle tragen dazu bei, dass das Stück ein Erfolg wird - angefangen vom Regisseur bis zu den Berufsanfängern. Die Jungen sind hoch professionell", lobt die gebürtige Heidenheimerin, die als Dozentin junge Kollegen im Fach Musikalisch-szenische Gestaltung und Interpretation Bühnenlied ausbildet. "Produzent Joachim Arnold hat mich gefragt, da habe ich Ja gesagt", verrät Hailer, die vor zwei Jahren bei der Addams Family mitgewirkt hat."Zwar sieht der Zeltpalast bei Tageslicht abgerotzt aus, doch wenn bei den Vorstellungen die Lichter angehen, ist alles picobello und wunderschön." Gut vier Wochen werden sich Roz und ihre drei Kolleginnen darüber streiten, ob sie ihren Chef umbringen sollen - danach will sich Hailer nach ihrem Bekunden um ihren alten Vater kümmern, 14 Tage lang einen freiwilligen Arbeitseinsatz auf einem Bauernhof in den Südtiroler Bergen starten und mit einer achten Klasse einer Walddorfschule ein Stück auf die Bühne über Verführung, Gruppenzwang und Intrigen nach dem Zweiten Weltkrieg bringen.

In New York stand sie auf der Bühne, als ein junger Prinz auf der Suche nach Sinn und Bedeutung des Lebens war - im Musical Pippin. Nur wenige Monate nach Abschluss der Broadway-Produktion, mit mehreren Tony Awards ausgezeichnet, probt Sabrina Harper mit dem Team im Merziger Zeltpalast. Als Judy Bernly fasst sie mit drei Kolleginnen den Entschluss, ihren cholerischen und chauvinistischen Chef umzubringen.

"Regisseur Alex Balga hat mich gefragt, ob ich die Rolle übernehmen wolle", verrät die US-Amerikanerin mit deutscher Mutter. "Ich finde die Rolle wunderschön, mich von einer Frau, die sich über Jahre nur über ihren Ehemann definiert hat, zu einer starken, eigenständigen Frau zu entwickeln", verrät die Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin.

Es ist jene Mischung aus Krimi, Emanzipation und Komödie, was sie an dem Musical so fasziniere. "Und ein bisschen Realität ist auch dabei", schmunzelt sie. 17 Jahre lang hat sie nach ihrem Bekunden in Deutschland und Österreich Theater gespielt, in ihrer Heimat Fernsehen und Werbung gemacht. "In den USA wird das nicht so streng getrennt wie hier in Deutschland", gesteht die gebürtige Kalifornierin. Und: "Als Schauspielerin darf man nicht eitel sein."

Natürlich sei im Zeltpalast alles anders als in einem Theater, in dem alles beisammen ist - Kantine und WC-Anlagen eingeschlossen. "Der Zeltpalast hat ein bisschen was von einem Camp. Wenn hier es heiß ist, schwitzen wir tierisch, bei Regen mussten mit Schirmen zur Toilette. Vieles wird improvisiert. Und wir die Requisiten auf die Bühne. Trotzdem macht es in dem Team wahnsinnig Spaß."

Über das Ambiente gerät sie ins Schwärmen, ebenso wie über Regisseur Alex Balga, mit dem sie oft und sehr harmonisch zusammengearbeitet habe. Über ihre Zukunftspläne schweigt sie sich aus. Nur so viel verrät sie: "Ich habe schon verschiedene Auditions gehabt - in Deutschland wie in den USA." Denn eines steht für sie fest: "Ich will ein Bein in meiner Heimat und ein Bein in Deutschland haben" - einen Spagat, den die zierliche Frau, deren Mutter aus dem Ruhrgebiet stammt, auf jeden Fall schaffen will.

Produktion dieser Seite:

Margit Stark

Jana Freiberger

Zum Thema:

Auf einen Blick Vorstellungen des Musicals "9 to 5 " im Zeltpalast beginnen freitags und samstags, jeweils 20 Uhr, sonntags, je 16 Uhr. Premiere ist am Freitag, 12. August, letzte Vorstellung am Sonntag, 18. September. Am 3., 10. und 17. September findet jeweils zusätzlich eine Show um 14 Uhr statt. Karten gibt's ab 29 Euro, Plätze Parkett: 65 Euro. red

Volle Konzentration auf die Probe: Die vier Bürodamen und Hans Christian Petzoldt erhalten letzte Anweisungen von Regieassistent Matthew Huet. Fotos: Rolf Ruppenthal
Volle Konzentration auf die Probe: Die vier Bürodamen und Hans Christian Petzoldt erhalten letzte Anweisungen von Regieassistent Matthew Huet. Fotos: Rolf Ruppenthal
Die vier Hauptdarstellerinnen: April Hailer, Sabrina Harper, Edda Petri und Sarah Bowden sind ab kommenden Freitag im Musical „9 to 5“ zu sehen. Foto: Musik und Theater Saar
Die vier Hauptdarstellerinnen: April Hailer, Sabrina Harper, Edda Petri und Sarah Bowden sind ab kommenden Freitag im Musical „9 to 5“ zu sehen. Foto: Musik und Theater Saar FOTO: Musik und Theater Saar
Produzent Joachim Arnold frotzelt mit Hauptdarsteller Frank Winkels.
Produzent Joachim Arnold frotzelt mit Hauptdarsteller Frank Winkels.