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Indonesischer Vulkan ließ die Merziger leiden

Indonesischer Vulkan ließ die Merziger leiden

Alle Merziger Schiffer befuhren 1850 mit ihren 43 Schiffen die Saar und die Mosel, nur drei besaßen jedoch Schifffahrtspatente für den Rhein. 1838 dagegen hatten noch 15 Merziger Schiffer dieses Patent besessen. 1854 gab es in Merzig nur mehr 12 Schiffer, die 22 Schiffe besaßen. Die Eröffnung der Eisenbahnstrecke Saarbrücken-Trier im Jahr 1860 brachte den Schiffsverkehr auf der Saar und das Schiffbaugewerbe mit der Zeit dann mehr und mehr zum Erliegen.

Merzig war beim Übergang an Preußen unbestritten der bedeutsamste Markt- und Warenumschlagplatz für Hochwald und Saargau sowie das übrige Kreisgebiet. Der eigentliche wirtschaftliche Aufschwung der kleinen rheinpreußischen Landstadt setzte dann allerdings erst in den darauffolgenden Jahrzehnten mit der beginnenden Industrialisierung und den in diesem Zusammenhang entstehenden größeren Gewerbebetrieben ein. Darüber wird noch an späterer Stelle zu berichten sein. Dieser Aufschwung war dann letztlich verbunden mit einschneidenden wirtschaftlichen Strukturveränderungen, die in erster Linie im Gefolge des Baus der Eisenbahnstrecke Saarbrücken-Trier vor sich gingen. Diese führten, wie bereits erwähnt, zu einem immer stärkeren Rückgang der Schifffahrt und zwangsläufig auch der damit zusammenhängenden Gewerbe.

Betrachtet man die übrigen Ortschaften des Kreisgebietes zur Zeit des Übergangs an Preußen, so fällt auf, dass außer Losheim mit 1194 Einwohnern im Jahr 1818 kein weiterer Ort über tausend Einwohner aufweisen konnte. Losheim zog zu diesem Zeitpunkt wirtschaftlich Vorteile durch seine Lage an der Fernstraße, die von Saarbrücken in die Bezirkshauptstadt Trier führte. Gleichzeitig gab es hier auch einen Abzweig nach Birkenfeld. Losheim wies damals auch eine Brauerei, sechs Lohgerbereien und noch kleinere Gewerbe- und Handwerksbetriebe auf.

Der nächstgrößere Ort war Wadern mit damals 826 Einwohnern. Als ehemaliges Residenzstädtchen der Reichsherrschaft Dagstuhl glaubten die Waderner zeitweise sogar, Merzig den Rang als Kreisstadt streitig machen zu können. Letztlich gelang dies jedoch nicht auf Dauer, von der besonderen Situation nach dem Ende des Ersten Weltkrieges einmal abgesehen.

Alle übrigen Orte des Kreises lagen um 1818 deutlich unter 1000 Einwohnern. Die meisten zählten sogar nur zwischen 100 und 200 Einwohner, die fast ausschließlich von der Landwirtschaft bzw. vom Handwerk und kleinerem Gewerbe lebten.

Eine weitreichende, Wirtschaft und Gesellschaft stark verändernde Neuerung hatte die Aufhebung der Zünfte und die Einführung der Gewerbefreiheit im Gefolge der Französischen Revolution auch für unsere Region gebracht. In Merzig und den größeren Orten, wie Losheim und Wadern, aber auch in den anderen Orten genügte jetzt ein Gewerbeschein, um ein Handwerk auszuüben.. Nun regulierten nicht mehr wie zuvor die Zünfte die Preise und kontrollierten auch nicht mehr die Qualität der Waren und Dienstleistungen. Einzig und allein Begabung, Neigung, Können und Geschick der konkurrierenden Handwerker und Dienstleister waren von da an für den wirtschaftlichen Erfolg am Markt ausschlaggebend. Es zeigte sich aber, dass infolge des Bevölkerungsanstiegs viele Handwerke überbesetzt waren, ein zufriedenstellendes Einkommen nicht mehr gewährleisteten und Einzelne in die Armut abgleiten konnten.

Auch die Merziger Region war von dem in ganz Westeuropa etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzenden enormen Bevölkerungswachstum betroffen. Bis weit in dieses Jahrhundert hinein ging eine hohe Geburtenrate mit einer hohen Kindersterblichkeit , einem späten Heiratsalter und einer geringen Lebenserwartung einher. Deshalb wuchs die Bevölkerung seit dem Mittelalter nur in geringem Ausmaß, wurde zudem vor allem in Kriegen, durch Seuchen und Hungersnöte gewissermaßen "dezimiert". Erst in der zweiten Hälfte des 18. und sich verstärkend im frühen 19. Jahrhundert änderte sich manches in der Lebensweise der Menschen.

Es lässt sich nun ein geringeres Heiratsalter der Frauen, verbunden mit einer hohen Geburtenrate bei einer gleichzeitig geringeren Kindersterblichkeit , feststellen. Dies war wohl auf eine bessere Ernährung, nicht zuletzt bedingt durch den Kartoffelanbau, die Bekämpfung von Seuchen und allgemeine hygienische Maßnahmen zurückzuführen. Mit der Aufhebung der Grundherrschaft fiel an der Saar daneben jegliche Heiratsbeschränkung weg. Frühe Heiraten wurden auch dadurch begünstigt, dass verheiratete junge Männer in napoleonischer Zeit vom Wehrdienst befreit waren. Vom Jahr 1803 bis zum Jahr 1815, also in nicht einmal 15 Jahren, war die Bevölkerung in den Grenzen des heutigen Saarlandes von 117 000 auf 146 000 Einwohner, also um fast ein Viertel, gestiegen. Das lässt sich auch für den Kreis Merzig festhalten, wo die Bevölkerung in dem beschriebenen Zeitraum ebenfalls um rund ein Viertel gewachsen war.

Massenarmut, die schon von Zeitgenossen mit dem Begriff des "Pauperismus", abgeleitet vom lateinischen Begriff "pauper" (dt.: "arm"), beschrieben wurde, breitete sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr aus. Dies galt nicht allein für unsere Region, vielmehr waren Armut und Hunger in vielen Teilen Deutschlands weit verbreitet. Das enorme Bevölkerungswachstum, das sich auch nach 1815 fortsetzte, konnte durch einen nur sehr geringen Produktivitätsanstieg in der Landwirtschaft und der aufkommenden Industrie noch nicht aufgefangen werden. Die Produktion landwirtschaftlicher Güter, deren Erträge zwischen 1800 und 1860 um etwa 30 Prozent stiegen, hielt mit der sich beschleunigenden Bevölkerungsentwicklung nicht Schritt.

Gleich zu Beginn der preußischen Herrschaft tat die Natur ein weiteres, um dieses Armutsproblem deutlich zu Tage treten zu lassen. Die Witterungsverhältnisse des Winters 1815/16 und des Sommers 1816 waren in der gesamten preußischen Rheinprovinz wie auch in anderen Teilen Mitteleuropas so katastrophal schlecht, dass ein Großteil der Ernte vernichtet wurde. Heute weiß man übrigens, dass die schlechten Witterungsverhältnisse zur damaligen Zeit auf den Ausbruch eines Vulkans zurückzuführen waren. Die Explosion des auf einer kleinen indonesischen Insel gelegenen Tambora im Jahre 1815 war der heftigste Vulkanausbruch der Neuzeit und der größte Vulkanausbruch der letzten tausend Jahre. 1500 Meter Bergspitze wurden bei der Explosion weggesprengt, insgesamt 150 Kubikkilometer Gestein - zum Vergleich: Der Bodensee fasst 50 Kubikkilometer. Rund 100.000 Menschen sollen als direkte Folge des Ausbruchs ihr Leben verloren haben. Dieser Vulkanausbruch löschte nicht nur die dortige Inselkultur aus, sondern führte weltweit zu Wetterextremen.

Mehr als 150 Kubikkilometer Staub und Asche sollen damals in die Atmosphäre gelangt sein. Zusammen mit 130 Megatonnen Schwefelverbindungen verminderten sie die Sonneneinstrahlung dramatisch. Über mehrere Jahre hinweg kühlte sich die Erde deutlich ab, und das in einer Zeit, in der das Weltklima noch stark von der sogenannten Kleinen Eiszeit geprägt wurde. Durch die globale Klimaabkühlung folgte 1816 in Mitteleuropa das berühmte "Jahr ohne Sommer" mit Überschwemmungen, Frösten im Sommer und Stürmen sowie Missernten.

Das Erstaunliche am Sommer 1816 und denen, die ihm folgten war: Im Gegensatz zu normalen Jahren hielten sich die Klimakapriolen im Bereich des Kontinentalklimas, also in Polen, Russland oder dem östlichen Skandinavien, in Grenzen, während sie in Zonen wie der unseren, die von atlantischen Winden geprägt werden, dramatische Folgen zeitigten. Damit zeigt sich in gewisser Hinsicht auch eine Parallele zum Frühjahr und Sommer 2016, worauf ganz zum Schluss bei der Betrachtung der Gegenwart noch einmal eingegangen werden wird.

Trotz monatelanger Bemühungen von Privatleuten, Behörden und Gemeinden war es nicht gelungen, die durch den Ernteausfall entstandene Not zu lindern. Der Getreidepreis war 1816 auf das Zweieinhalb- bis Dreifache des Jahres 1815 gestiegen. So sah sich Ende des Jahres 1816 die preußische Regierung in Berlin schließlich veranlasst einzugreifen. König Friedrich Wilhelm III. ließ als Soforthilfe größere Mengen Roggen aus staatlichen Depots in die Rheinprovinzen schicken. Gleichzeitig regte er den Kauf einer großen Menge Roggen im Ausland an.

Damals ließen weder die Gemeinden noch die Bürgerschaft die in ihrer Mitte lebenden Personen und Familien, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten konnten, im Stich. Ein Problem stellte allerdings die Verteilung des staatlicherseits bereit gestellten Getreides an die bedürftige Bevölkerung dar. Dabei kam der Bildung von Hilfsvereinen für die Versorgung der hungernden Bevölkerung eine große Bedeutung zu. Für die Verteilung der Hilfslieferungen an die einzelnen Gemeinden bzw. Bürgermeistereien wurden sog. Armenlisten erstellt. Es gab in vielen Gemeinden eine große Zahl mittelloser Tagelöhner. Die Merziger Armenliste gibt darüber hinaus Auskunft über die damalige soziale Schichtung der Stadt. In dieser Liste sind bei den Personengruppen, die besonders häufig von Armut betroffen waren, neben Berufen wie Sattler, Maurer, Schuhmacher, Metzger, Zimmermann, Leiendecker, Wollspinner, Schneider und Schmied, vor allem Tagelöhner und Bettler zu finden. In Merzig war beinahe die Hälfte der damaligen Bevölkerung, d.h. 1.036 Personen von 2.441 Einwohnern, auf Unterstützung mit dem Lebensnotwendigsten, das es gibt, nämlich mit Brot, angewiesen.

In der Rheinprovinz galt, nebenbei bemerkt, bis in die 1840er Jahre die französische Gesetzgebung zur Armenfürsorge, die an die Stelle der kirchlichen Zuständigkeit die kommunale eingeführt hatte. Eine neue Grundlage schuf das Gesetz vom 31. Dezember 1842, das am 21. Mai 1855 ergänzt wurde. Auch nach preußischem Recht mussten die Gemeinden die Kosten für die Versorgung der ortsansässigen Armen tragen. Im Jahr 1842 gründete Octavie von Lasalle de Louisenthal, die "Malergräfin" aus Schloss Dagstuhl, schließlich in Wadern einen Elisabethen-Verein. Die Mitglieder des Vereins kochten, nähten und strickten für Arme. Mildtätige Vereine dieser Art entstanden daraufhin in vielen Orten des Kreises Merzig und darüber hinaus.

Vor allem die Hungersnot von 1816/17 hatte den neuen Herren deutlich vor Augen geführt, dass gerade in der Landwirtschaft große Herausforderungen angesagt waren. Ihr Interesse richtete sich daher zumindest am Anfang nicht in erster Linie auf die Förderung der frühindustriellen Gewerbebetriebe. Vielmehr lag ein Hauptaugenmerk der preußischen Behörden in Gestalt der Bezirksregierung in Trier und der landrätlichen Verwaltung in Merzig auf der Modernisierung der Landwirtschaft und einer damit zusammenhängenden Steigerung der Erträge. Die Landwirtschaft stellte in der ersten Jahrhunderthälfte weiterhin den in der Merziger Region unbestritten wichtigsten Erwerbszweig dar. < Wird fortgesetzt.