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Jiddisch wird nur noch an wenigen Orten auf der Welt gesprochen

Erinnerungen an eine fast vergangene Welt : Jiddisch – eine Sprache ohne Land

Eine Sprache lebt, wenn sie im Alltag gesprochen wird. Mit Jiddisch ist das nur noch an wenigen Orten möglich.

Einzelne Worte kennt jeder: Wenn wir etwas „ausbaldowern“, „malochen“, „Moos“ brauchen oder in einem „Schlamassel“ stecken, nutzen wir Begriffe aus dem Jiddischen. Doch nur für wenige ist Jiddisch heute die Sprache der Wahl, um den Alltag zu meistern. Anfang des 20. Jahrhunderts sah das anders aus: Rund elf Millionen Menschen sprachen Schätzungen zufolge Jiddisch, meist in jüdischen Gemeinden in Osteuropa.

„Jiddisch ist eine Sprache ohne Land“, sagt der Trierer Jiddistik-Professor Simon Neuberg. Aufgeladen mit Erinnerungen, reich an Literatur – aber eine sehr kleine Sprechergemeinschaft. Vermutet wird, dass 100 000 bis zu einer Million Menschen weltweit noch Jiddisch sprechen, die „typischerweise sehr verstreut und isoliert sind  – außer, wenn sie in ultraorthodoxen Gemeinden leben“, sagt Neuberg. Solche religiösen Gemeinschaften gibt es etwa in New York, Jerusalem, London und Antwerpen.

Seit 1700 Jahren leben Juden nachweislich auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Hier entstand im Mittelalter auf Basis des Mittelhochdeutschen die alte Umgangssprache der aschkenasischen Juden. Noch heute klingen zahlreiche Worte des modernen Jiddisch dem Deutschen ähnlich. Und das, obwohl ab dem 14. Jahrhundert viele Juden im Zuge von Verfolgungen Richtung Polen und Osteuropa umsiedelten und dort slawische Wörter und Satzstrukturen in die Sprache aufnahmen.

Wenn Majer Szanckower Jiddisch hört, geht ihm „das Herz auf“, wie er sagt. Seine Eltern flüchteten 1946 nach Pogromen aus Polen. Wenige Monate später kam er in Berlin zur Welt. Von 1951 bis 1957 lebte die Familie im Geflüchtetenlager Föhrenwald/Bayern. In solchen Lagern waren nach dem Krieg zeitweise tausende Menschen untergebracht, so genannte Displaced Persons (DP), die kein Zuhause mehr hatten, wie ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Gefangene und Juden. „Wir haben da nur Jiddisch gesprochen, auf der Straße, zu Hause, mit Freunden“, erinnert sich der 74-Jährige. Jiddisch ist seine Muttersprache.

Jiddist Neuberg hat sich die Sprache selbst erobert. Er wuchs in einem kleinen Dorf an der Westküste Frankreichs auf und stolperte als Zwölfjähriger zufällig über das Jiddische. Gehört hatte er es vorher nicht, kannte keinen Sprecher; also lernte er die Sprache aus Büchern und übte die Aussprache mit Aufnahmen von Volksliedern. Heute spricht er es täglich mit seinen Töchtern in Trier.

Spätestens nach dem Holocaust hatte das Jiddische einen schweren Stand. Einige Juden sahen es als Sprache der unterdrückten Juden – und lehnten es deshalb ab. Israel etwa entschied sich bewusst für modernes Hebräisch als Amtssprache, als Zeichen für einen Neustart. Andere hatten emotional mit der Sprache zu kämpfen. Einige Juden hatten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Verstecken überlebt. „Sie haben erlebt, dass es extrem gefährlich ist, als Jude erkennbar zu sein“, sagt Neuberg. Er berichtet von Menschen, die diesen Druck so verinnerlicht hatten, dass sie auf Jiddisch kein Wort mehr herausbringen konnten.

Heute bieten Universitäten und Kulturinstitute Sprachkurse an. Videoanrufe und Online-Diskussionsrunden helfen den wenigen Sprechern, sich weltweit zu vernetzen. Und manchmal werden sogar zeitgenössische Bücher wie „Harry Potter“ ins Jiddische übersetzt. Dazu erreichen Serien wie „Unorthodox“, in denen Jiddisch gesprochen wird, über Netflix ein großes Publikum. Neuberg spricht von einer bemerkenswerten Entwicklung. Und doch: „Die Welt gibt es nicht mehr, in der Jiddisch gesprochen und gelebt wurde“, bedauert Szanckower. Die Sprache heute zu lernen, sei nicht das gleiche, wie Französisch oder Arabisch zu lernen.