Glosse : Echt jetzt?

Eigentlich verblüfft es, dass Menschen noch verblüfft sind – da das Leben mit Überraschungen ja nicht gerade knauserig ist. Noch verblüffender aber scheint, wie sie ihr Erstaunen neuerdings äußern: Echt jetzt?

Eigentlich verblüfft es, dass Menschen noch verblüfft sind – da das Leben mit Überraschungen ja nicht gerade knauserig ist. Noch verblüffender aber scheint, wie sie ihr Erstaunen neuerdings äußern: Echt jetzt?

Früher hätte jemand in ähnlicher Situation wahrscheinlich eher gefragt: „Tatsächlich?“ Oder: „Ist das wirklich wahr?“ Da „Echt jetzt?“ aber gleichzeitig eine Kritik an der überraschenden Entwicklung ausdrückt, hätte es in der grauen Vorzeit der Ganz-Satz-Sprache vielleicht auch geheißen: „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

Mit „Echt jetzt?“ dagegen zeigt sich der Sprecher gleichzeitig kritisch und zeichenbewusst – schließlich darf auch das Eintippen ins Smartphone nicht allzu viel Zeit kosten, wenn er noch 500 weitere Nachrichten verschicken will, um seinen Senf dazuzugeben.

Natürlich könnte jetzt jemand fragen: Senf? Echt jetzt? Und das zeigt weiteren Floskel-Bedarf. Denn da Ironie, Metaphern und Zwischentöne immer seltener verstanden werden, braucht es vermutlich auch bald die Nachfrage: „Unecht jetzt?“