Die Nacht von Sevilla

Deutschland und Frankreich haben bislang 25 Mal gegeneinander gespielt: Das WM-Halbfinale 1982 ist das wohl denkwürdigste Aufeinandertreffen. Ob das WM-Viertelfinale morgen damit mithalten kann?

Das erste Elfmeterschießen der WM-Geschichte, eine von Klaus Fischers Fallrückzieher gekrönte Aufholjagd - und 120 Minuten voller Spannung und Dramatik: Bei der Erinnerung an das legendäre WM-Halbfinale von 1982 zwischen Deutschland und Frankreich (5:4 im Elfmeterschießen , 3:3 nach Verlängerung) geriet auch Joseph Blatter noch einmal ins Schwärmen. "Das Halbfinale von 1982 ist nostalgischen Fans immer noch in bester Erinnerung", sagt der Fifa-Präsident.

Das brutale Foul von Torhüter Toni Schumacher am gerade eingewechselten Franzosen Patrick Battiston überschattet allerdings die historische Nacht von Sevilla : Schumacher rammt in der 57. Minute dem auf ihn zueilenden Battiston den Ellbogen unters Kinn, der Franzose bleibt bewusstlos liegen - mit einem angebrochenen Halswirbel und einer Gehirnerschütterung. Außerdem verliert er zwei Zähne. "Ich zahle dem Battiston die Jacketkronen", erklärt Schumacher nach Spielschluss flapsig. Ein Satz, der noch mehr empört als das Foul. Jahre danach gibt es ein Versöhnungsgespräch, und Battiston sagt einmal: "Dieses Foul hat mich bekannter gemacht, als ich es als Fußballer je geworden wäre."

Zum Zeitpunkt des Fouls steht es nach Toren von Pierre Littbarski (17. Minute) und Michael Platini (26./Foulelfmeter) 1:1, und keiner der 63 000 Zuschauer im Stadion Ramon Sanchez Pizjuan ahnt, was an diesem denkwürdigen Abend des 8. Juli noch passieren wird.

In der 90. Minute jagt Manuel Amoros den Ball an die deutsche Querlatte, im Gegenzug verpasst Fischer knapp die Entscheidung. Mit Beginn der Verlängerung wird es vollends dramatisch: Nach Gegentreffern von Marius Tresor (92.) und Alain Giresse (98.) setzt kaum noch jemand einen Pfifferling auf die Mannschaft von Trainer Jupp Derwall . Doch der kurz zuvor eingewechselte Karl-Heinz Rummenigge (102.) und Fischer per Fallrückzieher (108.) gleichen wieder aus.

"Mexiko, ich habe nur an Mexiko gedacht", sagt Franz Beckenbauer später in Erinnerung an das WM-Halbfinale 1970 gegen Italien (3:4 nach Verlängerung). Doch anders als zwölf Jahre zuvor muss das erste Elfmeterschießen der WM-Geschichte die Entscheidung bringen. Als Uli Stielike an Jean Ettori scheitert, sehen die Deutschen erneut wie die Verlierer aus. Doch Schumacher pariert gegen Didier Six und Maxime Bossis, ehe Horst Hrubesch den letzten Elfmeter verwandelt und ein Stück Fußball-Geschichte beendet.

"Das war das beste Spiel, das ich je gesehen und erlebt habe", sagt Fischer, dessen Treffer zum Tor des Jahres gewählt wird, noch 32 Jahre später. Schumacher spricht von "einem Jahrhundertmatch. Das spannendste und emotionalste Spiel meiner Karriere, weil in 120 Minuten so unglaublich viel vorgefallen ist." Allerdings kostet die Begegnung viel Kraft. Nur drei Tage später verliert die DFB-Auswahl das Endspiel in Madrid gegen Italien mit 1:3.

Die Franzosen sind nach dem Halbfinale untröstlich. "An diesem Abend habe ich die Bandbreite der Emotionen durchlebt", sagt der heutige Uefa-Präsident Platini. Die Chance zur Revanche verpasst die Equipe Tricolore vier Jahre später im WM-Halbfinale im mexikanischen Guadalajara. Deutschland siegt durch Andreas Brehme (9.) und Rudi Völler (90.) mit 2:0. Mit der Nacht von Sevilla konnte dieses Spiel nicht mithalten. Vielleicht aber das WM-Viertelfinale 2014 morgen (18 Uhr/ARD ) in Rio.

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Auf einen BlickBundestrainer Joachim Löw lässt sich von der anhaltenden Kritik an seiner Aufstellung nicht beeindrucken. "Ich habe meine Entscheidungen getroffen - auch was die Rolle von Philipp Lahm betrifft. Und dazu stehe ich bis zum Schluss", stellte der 54-Jährige klar. Löw wird Lahm auch morgen im Viertelfinale gegen Frankreich (18 Uhr/ARD ) im Mittelfeld aufbieten. Überhaupt kein Verständnis hat Löw für den Umgang mit Mesut Özil . "Diese Art der öffentlichen Kritik ist für mich unverständlich. Mesut Özil war 2010 und 2012 der überragende Spieler des Turniers. Das kann ich doch nicht einfach vergessen", sagte Löw. Mats Hummels (krank) und Lukas Podolski (Zerrung) sind wieder fit.sid