Epo Ale und gelbe Häuser

Epo Ale und gelbe Häuser

Großbritannien hat sich zu einer der führenden Radsport-Nationen gemausert. An diesem Samstag startet die 101. Tour de France mit Titelverteidiger Christopher Froome in der englischen Grafschaft Yorkshire.

Der bittere Schluck dunkler Radsport-Vergangenheit wird als kühles Pint serviert. "Epo Ale" heißt das Gebräu eines findigen Gastwirts aus dem englischen Langsett, mit dem durstige Kehlen dem Titelverteidiger Christopher Froome und Sprintstar Mark Cavendish zu Beginn der 101. Tour de France an der Strecke zuprosten werden. An diesem Samstag fällt in der Grafschaft Yorkshire der Startschuss für das wichtigste Radrennen der Welt, und das Peloton wird beim dreitägigen Ausflug auf die Insel auch das kleine "Pedalers Inn" passieren. Mit typisch britischem Humor, gelben Hausanstrichen und bunt geschmückten Straßen fiebert das Land dem zweiten Tour-Start vor der eigenen Haustür nach 2007 entgegen.

"Ich hoffe auf eine ähnliche Hysterie wie in London 2012 aus Freude und Begeisterung am Radsport. Das war unglaublich. Es werden drei gigantische Tage", sagt Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin . Die Fahrer, die heute Abend die offizielle Teampräsentation in der First Direct Arena in Leeds erleben werden (19.30 Uhr/Eurosport), erwartet während der drei Etappen ein Millionenpublikum an der Straße. Auch bei Top-Sprinter Marcel Kittel, der im Mai den Start des Giro d'Italia in Belfast miterlebte, kribbelt es bereits: "Es wird verrückt. Belfast war da sicher nur ein Vorgeschmack."

Die Erwartungen in Großbritannien sind groß. Froome geht als Top-Favorit ins Rennen und muss schon auf der hügeligen zweiten Etappe Souveränität zeigen. Cavendish will beim Zielsprint des ersten Teilstücks in Harrogate unweit der Heimat seiner Mutter das Gelbe Trikot erobern. Die Startregion scheint für einen Erfolg des Lokalmatadors jedenfalls wie gemacht. Yorkshire ist die Heimat von Brian Robinson, der 1958 als erster Brite eine Tour-Etappe gewann. Auch Barry Hoban, der bis zu Cavendishs Siegeszug den britischen Tour-Etappenrekord hielt, entstammt dieser Ecke des Landes.

"Ich denke, dies wird der Moment, an dem Großbritannien wirklich zur Radsportnation wird", sagt David Brailsford mit Blick auf den Auftakt auf der Insel. Der 50-Jährige ist Teamchef des erfolgsverwöhnten britischen Sky-Teams um Froome und einer der Verantwortlichen für den derzeitigen Radsport-Boom im Königreich.

Unter seiner Regie gewann Bradley Wiggins 2012 als erster Brite die Tour und legte bei den Olympischen Spielen in London mit Zeitfahr-Gold sogar noch nach. Wiggins wurde zum Ritter geschlagen, sogar die Koteletten brachte er wieder in Mode. Seither hat der britische Radsportverband 40 000 neue Mitglieder akquiriert - Tendenz weiter steigend.

Brailsford spricht nicht vom "goldenen Jahrzehnt" des britischen Radsports, er will die Geschichte in den kommenden Wochen fortschreiben. Auch ohne den nicht nominierten Sir Bradley Wiggins , den Teamkollege Froome, der eine Mannschaft ganz nach seinem Gusto durchgesetzt hat, nicht dabei haben will. Wiggins, der eine Helferrolle angeboten hatte, zeigte sich "bitter enttäuscht", äußerte aber auch Verständnis. So werden die englischen Fans die selbstklebenden Wiggins-Koteletten zu Hause lassen müssen. Aber der Volksheld von einst trägt inzwischen ohnehin Vollbart und hat sich mit einer Rückkehr auf die Bahn bei den Commonwealth Games längst andere Ziele gesetzt.

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Auf einen BlickKurz vor der Tour de France bezweifelt der Doping-Experte Fritz Sörgel den angeblich vollzogenen Wandel im Radsport. "Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass bei den Spitzenfahrern, die in der Gesamtwertung unter die ersten 15 kommen, irgendetwas anders sein soll als früher", sagte der Wissenschaftler: "Epo und Eigenblut mit Zutaten wie Anabolika und Wachstumshormonen geschickt und nicht nachweisbar gemixt, sind unschlagbar." Auch Ex-Profi Jörg Jaksche bleibt skeptisch: "Wenn es einen Wandel gab, so wurde er den Strippenziehern durch Sponsoren und der Öffentlichkeit aufgezwungen. Es gab kein ehrliches Umdenken." dpa

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