Neue Weaning-Einheit am Marienkrankenhaus St Wendel

Neue Weaning-Einheit im Marienkrankenhaus St. Wendel : „Ich habe jetzt eine ganz andere Lebensqualität“

Die erste Patientin hat die neue Weaning-Einheit im Marienkrankenhaus St. Wendel verlassen. Sie kann nun wieder selbstständig atmen.

Immer mehr Menschen müssen nach schweren Operationen und Krankheiten künstlich beatmet werden. Um die Patienten von der Beatmungsmaschine zu entwöhnen, hat das Marienkrankenhaus in St. Wendel seit Anfang April zusätzlich zur Intensivstation eine neue Weaning-Einheit eingerichtet. „Derzeit haben wir für die Patienten sechs Betten, die auf zwölf aufgestockt werden sollen“, erklärt Chefarzt Dr. Martin Bier.

Der Begriff „wean“ stammt aus dem englischen Sprachgebrauch und bedeutet „sich entwöhnen“. Das Ziel in der St. Wendeler Weaning-Einheit sei es, so Bier, die Patienten wieder an das selbstständige Atmen zu gewöhnen. Wie beispielsweise die 68-jährige Doris Simon, die nach einem 14-tägigen stationären Aufenthalt das Krankenhaus wieder verlassen konnte. „Das hat mir sehr gut geholfen. Ich habe jetzt wieder eine ganz andere Lebensqualität und freue mich, dass ich wieder im Kreise der Familie sein kann“, sagt Seniorin Simon.

Zuvor ist sie nach einem Luftröhrenschnitt mit Kanüle ein volles Jahr bei einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung künstlich beatmet worden. Das Sprechen war Doris Simon nicht möglich, sie hat alles aufschreiben müssen. „ Es geht mir ganz gut, einen Marathon kann ich aber noch nicht laufen“, scherzt sie. Denn noch vor ihrer Entlassung hat sie das Treppensteigen intensiv trainiert.

Eine Weaning-Einheit wie in St. Wendel, so die Krankenhausoberin Hildegard Marx, sei im Saarland noch einzigartig. Die neue Station ist auch deshalb wichtig, weil die Anzahl der langzeitbeatmeten Patienten in den vergangenen zehn Jahren enorm gestiegen ist. Das Lehrbuch kennt für Weaning kein Standardverfahren, vielmehr ist jeder Patient anders, bei jedem Patienten spielt die individuelle Krankheitsgeschichte die zentrale Rolle.

„Wir haben bauliche Maßnahmen für einen eigenen räumlich getrennten Bereich schaffen müssen, um den Anforderungen gerecht zu werden“, berichtet Marx. Und auch das gehört zum Konzept. Das Ambiente in den Einzelzimmern ist einladend wohnlich abgestimmt. Weiche Farbtöne sollen den Patienten vom Anblick des umfangreichen technischen Equipments ablenken und stimulieren. Der Blick auf Pflanzen und Sonne ist wichtig, da die Zeit der Entwöhnung ziemlich hart ist. Die Station ist offen, der Besuch von Angehörigen erwünscht, weil dies einen positiven Aspekt auslöst. „Der Patient soll nicht das Gefühl haben, dass er auf einer Intensivstation liegt“, sagt Dr. Bier.

Tagsüber werde therapiert, nachts geschlafen, dies in einem normalen Tag-Nacht-Rhythmus. „Die Wahrscheinlichkeit, von der künstlichen Beatmung wegzukommen, ist in einer Weaning-Einheit viel höher als in einer normalen Intensivstation“, stellt Dr. Bier fest. Für die Patienten bestünde die Chance den Zustand zu erreichen, dass sie nicht mehr von einem Beatmungsgerät abhängig sind. Es sind nicht nur die Beatmungsmaschinen und die Ärzte, sondern auch Logopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und die Pflegekräfte, die rund um die Uhr mit den Patienten arbeiten. Ein ganzes Bündel begleitender, therapeutischer Maßnahmen wird angewendet, um den Patienten Schritt für Schritt wieder zu mobilisieren.

„Die maßgeschneiderte Therapie ist passgenau für den Patienten“, ergänzt Oberarzt Dr. Marco Werth. Verfolgt würden dabei verschiedene Therapieziele. Mit krankengymnastischen Übungen wird die Ausdauerfähigkeit des Patienten gestärkt. „Die Muskulatur wird trainiert, damit die Lunge funktioniert“, führt er als Beispiel an. Zwei bis drei Monate, manchmal ein Jahr kann der Entwöhnungsprozess dauern. Wenn der Patient 24 Stunden ohne Beatmungsmaschine atmet und er schlucken kann, gilt er als entwöhnt.

So wie Doris Simon, die erste Patientin, die aus der Weaning-Einheit im Marienkrankenhaus entlassen worden ist. „Es ist schön, dass ich mich wieder unterhalten kann und mein Leben auch selbst verwalten kann“, freut sie sich. Über einen langen Zeitraum habe sie viele Kompromisse eingehen und Abstriche machen müssen. Auch das medizinische Team ist zufrieden. „Wir wollen die Weaning-Einheit nun etablieren und auch Patienten von Intensivstationen aus anderen Krankenhäuser aufnehmen“, erläutert Chefarzt Dr. Bier. Mit der Weaning-Station habe das Marienkrankenhaus nun eine Spezialität vorzuweisen, die auch für das Profil des Hauses im Saarland wichtig sei.

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