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Der Anstandskeks ist weg, Kolumne von Jörg Wingertszahn

Kolumne Apropos : Der Anstandskeks ist weg

Jetzt ist es doch passiert. Der Anstandskeks ist weg! Eben lag er noch in der Keksdose als einzig Überlebender einer ganzen Kolonie von Keksen. Und jetzt? Spurlos in Luft aufgelöst. Nur ein paar Krümel sind noch übrig.

Das lässt nichts Gutes ahnen. Offensichtlich hat ihn jemand seiner Bestimmung zugeführt: dem Gegessen-Werden.

Nun ja, damit musste er rechnen als Keks, und überhaupt. Aber das macht man eigentlich doch nicht, den Anstandskeks essen. Der heißt schließlich so, weil man ihn aus Anstand liegen lässt. Weil man nicht als verfressen gelten will und den anderen nichts wegessen will. Irgendjemand – nennen wir ihn den großen Unbekannten – hat alle moralischen Bedenken über Bord geworfen und den Keks in einem unbeobachteten Augenblick gemopst. Wahrscheinlich von langer Hand geplant. Gemopst, gegessen und runtergeschluckt, bis nichts mehr übrig war als ein paar Krümel.

Aber gehen wir nicht zu hart ins Gericht mit dem hungrigen Esser. Denn das mit den Anstandsresten ist so eine Sache. In manchen Kulturen gilt es als höflich, etwas auf dem Teller liegenzulassen. Damit zeigt man Bescheidenheit oder auch Wohlstand. Manche Kulturen gehen dagegen davon aus, dass es Unglück bringt, den Teller leerzuessen. Oder man sagt mit den Resten einfach, „ich habe genug, bloß keinen Nachschlag“.

Es kann aber auch Ausdruck von Bescheidenheit sein, etwas übrigzulassen. Von den Tischsitten sizilianischer Einwanderer in den USA berichtet man, dass das letzte Stück zweimal abgelehnt werden muss, bevor es verspeist werden darf. Eine dritte Ablehnung wird als Beleidigung des Gastgebers wahrgenommen. Tja, welchem Kulturkreis der große Unbekannte angehört, wissen wir nicht. Hoffen wir mal, er ist hier aus der Gegend. Denn bei uns gilt: Wenn man seinen Teller, oder den letzten Keks, leer isst, gibt’s morgen gutes Wetter. Wohl bekomm’s.