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Martin Huber spielt Ludwig Harig
„Eine Entdeckung“ mit Ludwig Harig

Ludwig Harig war der wohl bedeutendste Autor, den das Saarland bis heute zu bieten hat. Vor allem seine Bücher über seinen Vater und seine eigene Kindheit in Nazi-Deutschland sind berühmt. Harig starb im Mai dieses Jahres. Sein Roman „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ ist Pflichtlektüre für saarländische Abiturienten.
Ludwig Harig war der wohl bedeutendste Autor, den das Saarland bis heute zu bieten hat. Vor allem seine Bücher über seinen Vater und seine eigene Kindheit in Nazi-Deutschland sind berühmt. Harig starb im Mai dieses Jahres. Sein Roman „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ ist Pflichtlektüre für saarländische Abiturienten. FOTO: fineart
Sulzbach. Für sein Schüler-Programm „Luftkutscher. Lyrik und Prosa von Ludwig Harig“ musste sich der Schauspieler Martin Huber seinen Vorurteilen stellen – und fand eine Art Seelenverwandten. Von Anja Kernig

„Schon wieder Faschismus.“ Mit diesem Stoßseufzer wird Martin Huber wohl noch öfter in den Klassenzimmern empfangen werden. Der Schauspieler nimmt es sportlich – und seine Mission ernst. Gewidmet ist sie Ludwig Harigs „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“. Der autobiografische Roman, der die Faszination des Handwerkersohnes Ludwig für den Nationalsozialismus ungeschönt beschreibt, gehört im Schuljahr 2018/2019 aus aktuellem Anlass zur Pflichtlektüre saarländischer Abiturienten – eine regional verortete Hommage an den im Mai mit 90 Jahren gestorbenen Sulzbacher Autor, der zu den Größen der Nachkriegsliteratur zählt. Wovon das Saarland ja nicht allzu viele zu bieten hat.


Gleichwohl wird Harig – nicht nur von Lehrern – konsequent gemieden. Ein Phänomen, das Huber nur zu gut kennt: „Er war mir ein Begriff, interessierte mich aber nicht so.“ Was letztlich auch mit dem „Sulzbacher Kleinbürgertum im Reihenhaus“ zu tun hat, das Harig kultivierte. Aber wenn der Friedrich Bödecker Kreis und das Landesinstitut für Pädagogik und Medien anklopfen, um Schülern im Rahmen des Programms „Kultur_leben!“ den „ganzen“ Harig näherzubringen, sagt man natürlich nicht Nein.

Und so entstand das Programm „Luftkutscher. Lyrik und Prosa von Ludwig Harig“, das sich still und heimlich vom reinen „Arbeitsauftrag“ zum Herzensprojekt Hubers entwickelte. „Erst dachte ich, naja, 50er Jahre Prosa, das ist mir zu mechanisch.“ Aber es kam anders: „Sehr verblüfft“ und „sehr begeistert“ war der Saarbrücker Schauspieler und Rezitator, als er begann, Harig zu lesen. Peu à peu zeigten sich „Drähte, Verbindungen; ich habe bemerkt, dass mir Harig sehr liegt“. Weshalb er sehr viel tiefer einstieg, als zunächst beabsichtigt.



Nach „Ordnung ist das ganze Leben“, der Vita seines Vaters, beschrieb Ludwig Harig mit „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ seine eigene Geschichte als Kind und junger Mann im Dritten Reich. Aufgewachsen im dörflichen Umfeld mit seinen nationalen Klischees, wollte Ludwig vom ersten Schultag an vor allen eines: dazugehören. Mit wehenden Fahnen wird er zum Hitlerjungen und verfasst einen Aufsatz zur Rassenhygiene. „Das ist eine Perspektive, die ich so noch nicht kennengelernt hatte“, sagt Martin Huber, „von innen, aus einem faschistischen Elternhaus heraus.“ Faszinierend sei, wie Harig, „seine historische Privatgeschichte über sich und den Roman hinaus kulminieren lässt“.

Außer Romanfragmenten baute Huber Passagen aus experimentellen Texten der 1970er Jahre, Auszüge der Züricher Rede über die „Notwendigkeit der Luftkutscherei“ und auch Harigs herrliche Fußballsonette ein – Steilvorlagen, die ihm auf seinen Lesungen vor zwangssensibilisierten Schülern Einstiegssympathien verschaffen, über die ein emotionales und geistiges Andocken gelingt.

Also ist es machbar, heutigen Heranwachsenden Ludwig Harig zu vermitteln? „Absolut“, staunt Huber selbst ein wenig. „Als Veranstaltung funktioniert das schon.“ Nicht zuletzt, weil Huber auf einschlägige Erfahrungen aus etlichen theaterpädagogischen Projekten an Schulen zurückgreifen kann.

Als hilfreich erweist sich nicht zuletzt der Dialekt. Den Harig stilistisch zu nutzen wusste. Originär mischt sich bei Hubers „Luftkutscher“ der weiche Zungenschlag des gebürtigen Schwaben mit dem hiesig-erdigen Platt des Saarländischen Autors. So zitiert er am Ende seiner Lesung aus Harigs Gedicht: „Die Biescher un es Läwe“: „Vadder“, saan isch, „loß misch läwe, guck, die Biescher brauch isch äwe, weil, wenns gar kä Biescher gäwe, is es Läwe dann noch Läwe?“

Weitere Projekte sind schon in Planung. „Die Reise nach Bordeaux trifft voll meinen Nerv als Schauspieler.“ So vieles von Harig „schreit danach, auf die Bühne zu kommen – nicht nur gelesen, sondern inszeniert zu werden“. Nein, für Martin Huber hat sich der Harig nach dem Schuljahr noch längst nicht erledigt.

Die „Luftkutscher“-Lesungen können Schulen im ganzen Land über den Friedrich-Bödecker-Kreis buchen unter Tel. (0681) 37 56 10.

Der klavierspielende Schauspieler Martin Huber hat großes Vergnügen an Ludwig Harigs Gedichten und Prosa entwickelt.
Der klavierspielende Schauspieler Martin Huber hat großes Vergnügen an Ludwig Harigs Gedichten und Prosa entwickelt. FOTO: Iris Maurer