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Von einem Dänen und einem mysteriösen Wesen

Saarbrücken für Fortgeschrittene. Martin Rolshausen

Plötzlich war er da. Seine Augen sehen aus wie schwarze Löcher. Nase und Mund braucht er offenbar nicht. Und obwohl er ein Bäuchlein hat, genügt ein Luftballon, um ihn in die Luft zu heben. Trotzdem wirkt das mysteriöse Wesen nicht wirklich bedrohlich. Dennoch: Wenn sie den erwischen, der das Ballon-Männchen in die Stadt gebracht hat, kriegt derjenige Ärger.

Ohne Erlaubnis Dinge auf Wände zu sprühen, die einem nicht gehören, ist nämlich illegal. Aber dieses Verbotene gehört auch zu dieser Art von Kunst. Kunst - das Wort verwende ich in diesem Fall ganz bewusst. Vieles von dem, was in unserer Stadt an Wände gesprüht wird, kommt über den Tatbestand der Sachbeschädigung sicher nicht hinaus. Aber die Ballon-Männchen sind mehr als ein Fall für Polizei , Ordnungsamt oder Reinigungsdienste.

"Sie sollen Freude verbreiten", hat mir jemand mitgeteilt, der den Menschen hinter den Männchen angeblich kennt. In einer Wohngemeinschaft habe er "Skizzen von besagtem Herrn" auf einem Küchentisch entdeckt. Wer der Künstler ist? Sorry, großes Geheimnis.

Foto: Christoph Endres

Die Botschaft, die der Künstler seiner Figur in die Hand drückt, lautet: "Stadt muss bunt". Sie würde einem anderen Stadtgestalter, der mich in diesen Tagen beschäftigt, sicher gefallen. Jan Gehl heißt der Mann. Er ist Däne, Architekt und Stadtplaner. Und in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Städte für Menschen" lässt er unter anderem seine Symapthie für Fantasie und Humor im öffentlichen Raum erkennen. Gehl wirbt in seinem Buch dafür, Städte nach "menschlichem Maß" zu gestalten. So, dass ihre Bewohner sie "auf Augenhöhe" erleben können. Das heißt für den 78-Jährigen: Wer eine Stadt gestaltet, muss das aus Sicht und mit der Geschwindigkeit eines Fußgängers tun - nicht aus einem fahrenden Auto heraus. "Die auf Augenhöhe gut geplante Stadt umfasst Angebote zum Gehen, Verweilen, Treffen, zur Entfaltung der eigenen Talente und öffentlichen Darstellung besonderer Anliegen", schreibt Gehl. Eine gute Stadt müsse nicht "autogerecht" sein, sagt der Däne, sie müsse die Menschen zum Zu-Fuß-Gehen einladen.

"Zuerst gestalten wir die Stadt - dann prägt sie uns", erklärt Gehl. Ich glaube, er würde sich gut mit dem Schöpfer der mysteriösen Ballon-Männchen verstehen.

Jan Gehl, "Städte für Menschen", Jovis, 304 Seiten, 32 Euro, ISBN 978-3-86859-356-3


Foto: Christoph Endres