| 20:46 Uhr

Fröhliche Friseurinnen im Ostviertel
Wenn Barbiere schweigen und Friseurinnen lachen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Etwas meinem Friseur erzählen? Das war noch nie mein Ding. Beim Haareschneiden wird geschwiegen. Na ja, es gibt Ausnahmesituationen. Von Martin Rolshausen

Friseure können gut zuhören. Sagt man. Ich schätze an Friseuren dagegen vor allem, wenn sie die Klappe halten, auch dann, wenn der Mensch vor ihnen auf dem Frisierstuhl ebenfalls schweigt. Weil er das Schweigen nicht aushielt und ständig versuchte, ein Gespräch anzufangen, musste ich mich schweren Herzens von einem echt guten Haareschneider trennen. Seitdem gehe ich auf Nummer sicher und überlasse mein Haar einem dieser Barbiere, die hinter ihren dunklen Bärten so finster schauen wie der Räuber Hotzenplotz und vermutlich irgendein Schweigegelübde abgelegt haben.


Ich korrigiere: Ich ging auf Nummer sicher. Vor einigen Tagen habe ich einen netten kleinen Friseurladen in meiner Nachbarschaft betreten. Ich fand die Schaufensterdekoration mit alten Friseurstühlen schön. Sie wirkte so aus der Zeit gefallen, so still. Drinnen war es alles andere als still. Die Friseurinnen plauderten mit den Kundinnen und miteinander. Es wurde viel gelacht. Es war eine schöne Geräuschkulisse, vor allem, weil die Welt draußen finster und nicht zum Lachen wirkte mit den Nachrichten von Messerstechern und Neonazis im deutschen Osten und der Hetze im Internet gegen alles, was fremd wirkt.

Ich habe keine Ahnung, worüber in diesem Friseursalon geplaudert und gelacht wurde, denn ich habe diese Geräuschkulisse wie das Plätschern eines Sommerregens genossen. Bis der Satz fiel: „Wenn ich Bundeskanzlerin wäre...“ Da befürchtete ich, dass jetzt die fröhliche Blase platzt und eine Wutrede folgt auf all das, was in diesem Land nicht gut läuft. Aber die fröhliche Friseurin beendete den Satz damit, dass sie erklärte, ihre Kollegin dann zur Außenministerin zu machen, weil sie niemanden kenne, der so diplomatisch sei. Uff. Und die Frau, die mir derweil die Haare schnitt, sagte kaum ein Wort.