| 20:42 Uhr

Bezirksbürgermeisterin Saarbrücken-Mitte
Durch die Stadt mit Christa Piper

Wie groß ist ihr Bezirk? Bürgermeisterin Christa Piper (Mitte) im Gespräch mit Bürgern auf dem Eschberg. Sie vertritt auch die Stadtteile St. Johann, Alt-Saarbrücken, Malstatt und St. Arnual.
Wie groß ist ihr Bezirk? Bürgermeisterin Christa Piper (Mitte) im Gespräch mit Bürgern auf dem Eschberg. Sie vertritt auch die Stadtteile St. Johann, Alt-Saarbrücken, Malstatt und St. Arnual. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Seit 2004 eilt die Bezirksbürgermeisterin in einem alten Golf durch Saarbrücken. Wir haben einen Tag lang neben ihr Platz genommen. Von Tobias Fuchs
Tobias Fuchs

Christa Piper fährt los. Sie hebt ihre Stimme: „Das Auto knattert ja ganz schön.“ Der rote VW Golf, Baujahr 1981, gehört bei Pipers offiziellen Terminen zum ungeschriebenen Protokoll. Ihr lautstarkes Gefährt kündigt die Bezirksbürgermeisterin von Saarbrücken-Mitte stets von weitem an. „Die Pipersch kommt“, heißt es dann. Nicht mehr lange.


Der Bezirk Mitte, diese heimliche Großstadt mit annähernd 100 000 Einwohnern, bekommt nach der Kommunalwahl im Frühjahr ein neues Oberhaupt. Nach 15 Jahren, drei Amtsperioden, enden die Dienstfahrten der Christa Piper. Auch wenn am Heck ihres wahlkampferprobten Autos noch „Kommunalwahl in Saarbrücken“ klebt: Die Pipersch, sie kandidiert nicht mehr. Grund genug, die 76-Jährige einen Tag lang zu begleiten, auf dem Beifahrersitz neben ihr Platz zu nehmen. „Ich kann Ihnen zu jeder Ecke etwas sagen“, sagt Piper, als wir losknattern. Durch einen Stadtbezirk, der Alt-Saarbrücken, St. Johann und Malstatt umfasst, die urbanen Zentren, aber auch das dörfliche St. Arnual und die Trabanten auf dem Eschberg.

Begonnen hat dieser Tag unmotorisiert in einem Eckcafé im Nauwieser Viertel. Piper wohnt nur wenige Schritte entfernt. Da kann der Golf erst einmal stehen bleiben. Im Café sieht es um zehn Uhr aus wie in einem Berliner Szenekiez. Kinderwagen parken wild durcheinander, Mütter stillen ihre Babys, Kleinkinder toben. Am Tisch sitzen Heidi Werner und ihre 98-jährige Mutter Lieselotte, außerdem Yves Mathias. Sie sind das, was Mathias scherzhaft „Ureinwohner“ nennt. Alle drei engagieren sich in der Initiative Nauwieser Viertel, einem breiten Zusammenschluss von Bürgern. Auch Sigrid Jost vom Kultur- und Werkhof Nauwieser 19 ist gekommen. Das Viertel sei eine Insel der Seligen, sagt sie. Doch wie lange noch?



Rund um seine legendären Kneipen tobt seit Monaten ein Kulturkampf um die Nachtruhe. Ein Sicherheitsdienst soll Abhilfe schaffen. Aber es geht um mehr: Der Partytourismus stellt das Wir-Gefühl im Viertel auf die Probe. Was kann die Bezirksbürgermeisterin da tun? Piper tritt als Diplomatin auf. Obgleich ihr Wohnzimmer direkt an die Ausgehmeile grenzt. Sie unterstützt, was Bürger gemeinsam auf die Beine stellen, was sie verbindet: die Flohmärkte oder das große Picknick auf dem Max-Ophüls-Platz.

Mittagszeit. Wir kurven vom Nauwieser Viertel zum Eschberg, immer wieder drosselt Piper das Tempo, zeigt aus dem Beifahrerfenster. Hier stehen die Müllcontainer, an die kein Planer gedacht hatte. Dort soll ein Wendehammer gebaut werden, doch was würde das die Anwohner kosten? Dass sie zu jeder Ecke etwas sagen kann, verdankt Piper dem Bezirksrat, der die Sozialdemokratin drei Mal wählte. 20 Mitglieder hat das Ortsparlament derzeit, SPD und CDU verfügen über je sieben Sitze. Die Linken stellen drei, die Grünen zwei Vertreter, die FDP hat nur einen. Ohne den Bezirksrat geht auf lokaler Ebene wenig. Oft hat er das erste, selten das letzte Wort. Als Bürgermeisterin habe sie gelernt, wie vielfältig die Stadt ist, welche Interessenlagen es gibt, sagt Piper. „Das hätte ich vorher nicht gedacht.“ Sie sei zutiefst dankbar, das kennengelernt zu haben.

Kaum haben wir den Eschberg erreicht, ruckelt der Golf steil bergab, an der Zufahrt eines Seniorenheims vorbei in ein Neubaugebiet. Die Pipersch kommt. Zwischen gediegenen Wohnklötzen hat die Stadt an der Gustav-Moog-Straße einen Trampelpfad in einen gepflasterten Weg verwandelt, barrierefrei, mit Bänken und LED-Leuchten. Was das wohl gekostet hat? Ein graumelierter Herr schließt vergnügt Wetten ab. Piper sagt: „Sie sind ja der Zocker vom Eschberg.“ Das gefällt dem Mann. Die Auflösung: 152 000 Euro.

Eine schwarze Limousine fährt vor, die Oberbürgermeisterin. Nachdem Charlotte Britz eine kurze Ansprache gehalten hat, fragt Christa Piper: „Darf ich noch etwas ergänzen?“ Der Bezirksrat habe die Ehre gehabt, diese Anlage zu beschließen, sagt sie. Es folgt ein Crashkurs in direktester Demokratie: Abends ziehen die neuen Bänke junge Leute an. Einige Anwohner klagen über Lärm, andere winken ab. Manche fühlen sich durch die LED-Leuchten gestört. Weshalb die Stadt eine nahe Litfaßsäule zur Hälfte schwärzte. Sie hatte das Licht reflektiert. Während die Oberbürgermeisterin bestürmt wird, mit schnellen Beschwerden, verteilt Piper im Hintergrund ihre Visitenkarten. Nicht selten muss sie sich erst vorstellen und erklären, was das ist: eine Bezirksbürgermeisterin. Das verschafft ihr im Gespräch einen kleinen Vorteil. Der Zocker fragt Piper: „Wie groß ist denn Ihr Bezirk?“ Und zeigt sich überrascht: „Oh, dann muss ich mich mit Ihnen ja gut halten.“ Abfahrt.

Christa Piper stammt aus Hamburg, aus gutem Hause, sie studierte angewandte Kunst und verdiente ihr Geld als Grafikerin. Als 1968 die Studentenbewegung begann, schrieb Piper sich an der Uni für Soziologie ein, sie lebte in Konstanz, litt als Linke unter einem Berufsverbot. Über West-Berlin gelangte sie 1983 nach Saarbrücken, trat in die SPD ein – und blieb. Die längste Zeit arbeitete Piper als städtische Frauenbeauftragte. Den Beruf gab sie auf, um Bezirksbürgermeisterin zu werden, Ehrenbeamtin. Piper weiß genau, wie eine Verwaltung funktioniert – und nutzt das. „Ich bin eine Durchlauferhitzerin“, sagt sie.

In ihrem Büro im Saarbrücker Rathaus empfängt Piper am Nachmittag ein Ehepaar aus St. Arnual. Man habe vor Jahrzehnten ein Bauernhaus an der Stiftskirche gekauft, erzählt der Mann. Damals habe St. Arnual noch im Dornröschenschlaf gelegen. Doch der Stadtteil ist längst erwacht, die gotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert hat sich zum begehrten Veranstaltungsort gemausert, von überall kommen Menschen – mit dem Auto. Der Mann sagt: An den Verkehr habe niemand gedacht. Als Anlieger werde man restlos zugeparkt. Er warnt: „Das Dorf geht kaputt.“

Piper kennt die Lage, erst neulich drehte sie mit ihrem Golf an der Stiftskirche wieder ab. „Das ist ja ein kniffliges und interessantes Thema“, sagt die Bürgermeisterin. Sie hat das Ordnungsamt dazu bewegt, Mitarbeiter vorbeizuschicken. Amtlicherseits seien Falschparker, aber ausreichend Rettungswege festgestellt worden, referiert Piper. „Das ist auch eine für uns unbefriedigende Antwort.“ Mit dem Förderverein der Stiftskirche hat sie ebenfalls gesprochen. Da könne man nix machen, habe dessen Vorsitzender gesagt. Damit will Piper das Ehepaar nicht entlassen, sie hat da noch eine Idee. Die Macht einer Bezirksbürgermeisterin mag begrenzt sein. Doch die Leute sollen sich nicht ohnmächtig fühlen.

Halbsechs. Nach einer Diskussion mit Gewerbetreibenden gehen wir im Dunkeln vom Rathaus zum Auto. Wird es ihr nicht schwerfallen, das alles abzugeben? Das Amt, die Büroschlüssel, ihren Einfluss? „Das ist so in der Demokratie“, sagt Piper. Ein letzter Termin steht auf dem Programm, ein Kinderfest im Nauwieser Viertel. Christa Piper fährt los.

Christa Piper ist in ihrem Stadtbezirk mit einem alten VW Golf, Baujahr 1981, unterwegs. 2019 wird die Bürgermeisterin nicht mehr kandidieren.
Christa Piper ist in ihrem Stadtbezirk mit einem alten VW Golf, Baujahr 1981, unterwegs. 2019 wird die Bürgermeisterin nicht mehr kandidieren. FOTO: Oliver Dietze