Theater Odos zeigt Satire über Parteiprogramm der Afd in Kirkel

Theaterstück im Bildungszentrum Kirkel : Das AfD-Programm durch den Kakao gezogen

Das Theater Odos zeigt am 30. Oktober im Bildungszentrum der Arbeitskammer in Kirkel ein Kabarett unter dem Titel „Was ihr wählt!“

Kirkel Das Münsteraner Theater Odos führt am Mittwoch, 30. Oktober, 19 Uhr, sein Kabarett „Was ihr wählt“ im Bildungszentrum der Arbeitskammer in Kirkel auf. Über die Entstehung dieser „tragikomischen Wirklichkeit eines Parteiprogramms“ haben wir vorab mit dem Regisseur Heiko Ostendorf gesprochen.

Herr Ostendorf, Sie wollen „die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für den Erfolg der AfD und die Auswirkungen der AfD-Politik thematisieren“: Wie?

Uns geht es darum, mit dem Stück zu erforschen, was Menschen dazu bringt, sich von der AfD und ihren „Ideen“ angezogen zu fühlen. Was passiert in einem Menschen, wenn er mit diesen Ideen konfrontiert wird beziehungsweise sie sogar selber entwirft?

Wann haben Sie sich das Stück ausgedacht?

Das war im Frühjahr 2016. Ich hatte gerade das Kabarettstück „Die Verteidigung der Gartenzwerge“ produziert und die Infos dazu an interessierte Verbände geschickt. Dann kam ein Anruf vom Deutschen Gewerkschaftsbund Wiesbaden mit der Frage, ob wir uns nicht vorstellen könnten, ein Stück über das AfD-Parteiprogramm zu machen? Meine erste Reaktion war: Seid ihr verrückt? Wie soll man ein Theaterstück über ein Parteiprogramm machen? Ich habe das aber ein paar Tage sacken lassen und mir das Programm intensiv zu Gemüte geführt - was kein Spaß war. Damals gab es schon einige wenige Fachleute, die sich mit dem Thema AfD und neue Rechte auseinandergesetzt haben. Das hat mir sehr geholfen. Auf der Bühne zu zeigen, wie die Welt aussehen würde, wenn die AfD ihr Programm umsetzen könnte, schien mir aber uninteressant. Ich habe mich dann aber für eine Satire entschieden, in der ich wesentlich kritischer und analytischer mit dem Programm umgehen kann.

Wie sieht sie denn aus?

 Zwei PR-Frauen kommen in den Raum, in dem das AfD-Parteiprogramm hätte beschlossen werden sollen. Aber es ist nichts fertig. Stattdessen müssen sie nun selbst Hand anlegen. Ich finde spannend, wie sie mit den AfD-Ideen umgehen: Was sind das für Ideen, wie formulieren AfD-Politiker diese in Reden?  Und wie unterscheidet sich Parteiprogramm von den oft radikal formulierten Reden? Sie verharmlosen und verklausulieren ihre eigenen Themen und Ideen dort ganz schön. Man muss oft zwischen den Zeilen lesen, um zu merken, was das für unsere Sozialgesellschaft bedeuten würde. Ein sehr großer Teil ihrer eigenen Klientel würde sich nicht darüber freuen, wenn die AfD an die Regierung kommen würde, bezüglich Sozialleistungen oder Arbeitslosengeld etwa.

Was sind für Sie die größten Kuriositäten im Parteiprogramm der AfD?

Die Vorstellung etwa,  dass CO2 ein lebenswichtiger Stoff für Menschen und Pflanzen ist, weil er das Wachstum anregt. Das stimmt biologisch zwar irgendwo, aber so wie sie es verwenden, um eine angebliche Klimawandellüge zu entlarven, ist es großer Schwachsinn. Man sitzt da vorm Parteiprogramm und weiß nicht, ob man lachen, weinen oder auf den Tisch schlagen soll. Ein wichtiges Kuriosum ist, dass die AfD es schafft, egal bei welchem Thema, immer den „Ausländern“, wer das auch immer sein mag, die Schuld zu geben. Beim Tierschutz, bei Sozialleistungen, Bildungspolitik  - immer sind es die Ausländer. Das ist wie ein perverser roter Faden in dem Programm. Man könnte zynisch sagen: ein „Running Gag“, wenn das nicht so erschreckend wäre.

Wie kann man sich das Stück in Sachen Handlung vorstellen? Von den beiden PR-Beraterinnen haben Sie schon gesprochen…

 Die PR-Frauen nehmen ungefiltert Ideen von AfD-Politikern und jagen diese durch ein Verharmlosungsprogramm. Doch was da herauskommt, ist sehr trocken und langweilig und es stellt sich die Frage: Wie verkaufen wir das denn jetzt?  Da wird es hochsatirisch, weil sich das Programm in seiner Absurdität entlarvt.

Wird das Format den Gefahren der AfD gerecht oder wäre es nicht langsam nötig, deren Gefahren deutlicher herauszuarbeiten?

 Das tun wir. Das Stück ist nicht komplett Satire, das Ende ist sehr ernsthaft, weil ich auch das Gefühl hatte, dass Satire zwar ihre Berechtigung hat, aber auch ihre Grenzen. Es gibt daher ein Gedankenexperiment: Was ist, wenn die AfD wirklich an die Regierung kommen würde und dann die beiden Frauen auf der Bühne nicht mehr einer Meinung sind? Die eine sagt, ich mache da nicht mit, die andere steckt aber schon im Apparat der AfD-geführten Regierung. Es kommt dann zu einer Verhörsituation, die an ein totalitäres System erinnern könnte.

Wie sind denn die Reaktionen der Zuschauer auf Ihr Stück bisher ausgefallen?

Es wird viel gelacht, aber die Menschen sind auf der anderen Seite logischerweise auch sehr schockiert. Wir haben mit dem Stück quer durch die Republik gespielt, von Saarbrücken bis Eberswalde, von Münster bis Nürnberg. Klar, dass die Reaktionen immer unterschiedlich sind. Weit über 90 Prozent haben aber nach meiner Beobachtung ein Interesse daran, was man machen kann, um der AfD entgegenzutreten. Ich persönlich empfinde die Auftritte als eine Gelegenheit festzustellen, dass man im Kampf gegen diese Art von Politik nicht alleine ist. Es gibt im Anschluss an unsere Aufführungen häufig Publikumsgespräche. Schön ist, dass dabei immer viele Ideen zusammenkommen, wie man mit der AfD umgehen könnte. Ich hoffe, dass die Aufklärungen über und die Kampagnen gegen die AfD bald einen Effekt haben.

Wenn sie nach den Zuschauerreaktionen gehen: Inwiefern durchschaut die Bevölkerung noch die Strategie der AfD? Oder umgekehrt gefragt: Wie viele fallen heutzutage darauf herein?

 Das kann ich so nicht beantworten. Wir erreichen nur sehr selten AfD-Wähler. Selbst wenn sie im Publikum sitzen, werden wir das nicht erfahren, werden die sich nicht outen. Wir hoffen, dass die Zuschauer allerdings etwas mitnehmen für Diskussionen in Familien, mit Bekannten, im Freundeskreis, auf der Straße, in der Kneipe, wenn sie mit Gedankengut der AfD konfrontiert werden. Wir haben auch schon „nette“ Post von AfD-Anhängern bekommen. Die war so abstrus, dass wir nicht wussten, was der Absender von uns wollte. Im juristischen Sinne gab es keine Drohungen, aber wir mussten schon schlucken und uns fragen: Was geht in einem solchen Kopf noch vor?

Haben Sie bei Ihren Auftritten Angst vor Zwischenfällen?

 Schon lange nicht mehr. Ich mache das seit genau zehn Jahren. Das erste Stück war über den Hitler-Attentäter Georg Elser. Damals hatten wir bei Auftritten durchaus schonmal Polizeiwagen als Schutz gegen mögliche Übergriffe durch Rechte vor der Tür stehen. Man hat einiges erlebt, aber konkrete Zwischenfälle gab es bisher nicht.

Sie schreiben auf Ihrer Website, dass immer mehr Leute die AfD wählen trotz ihres „Programms voller Hass“: Glauben Sie, Geschichte ist hier wirklich gerade dabei, sich zu wiederholen?

 Ich glaube nicht dass sich die Geschichte von 1933 bis 45wiederholen wird, weil die Gegenkräfte zu stark sind, wesentlich stärker als damals. Das ist mein Eindruck, nach alldem, was ich während meiner Recherche übers Dritte Reich erfahren habe. Es gab zwar genug Leute, die sich dagegen engagiert haben, ich denke aber, die Phalanx ist heute breiter. Bei uns hier in Münster gehen weit mehr als 10 000 Leute auf die Straße, wenn die AfD zum Beispiel zum Neujahrsempfang einlädt. Es kann sein, dass die AfD noch mehr Stimmen bekommt, aber sie werden, hoffe ich, niemals an die Regierung kommen. Ich glaube daher auch nicht, dass die AfD Deutschland wieder dahin führt, wo es vor 80 Jahren war. Aber die Situation ist schon schlimm genug, sie hat einen Punkt erreicht, an dem Hass und Gewalt gegen Minderheiten wieder zur Tagesordnung wird.

Woran machen Sie das noch fest?

Wenn man sich in öffentlichen Verkehrsmitteln umschaut, was da an Alltagsrassismus passiert. Als weißer Mann ist das schwieriger zu bemerken, aber wenn man Freunde hat, die von Rassismus betroffen sind und von ihnen sensibilisiert wurde, dann sieht man das jeden verdammten Tag. In meinem Gefühl hat das in letzten Jahrzehnten extrem zugenommen, auch wegen der AfD. Das, was seit einigen Jahren in Deutschland geschieht, ist erschreckend genug, um aktiv zu werden.

Was halten Sie von dem Vorgehen der ZDF-Kollegen, die versucht haben, Björn Höcke vor laufender Kamera zu reizen? Ist das eine probate Strategie?

 Ich halte das für eine probate Herangehensweise, für eine von vielen möglichen Strategien. Natürlich konnte sich Höcke da als Opfer gebären, aber das kann man nicht immer verhindern. Höcke und Co. nutzen jede Chance, um sich als Opfer darzustellen.

Das Theater Odos schreibt auf der Website, dass es „Jugendlichen und Erwachsenen wichtige Themen nahe, die meist in der Öffentlichkeit unbeachtet bleiben“. Welche sind das denn so außer AfD-Programmatik?

Es fing schon mit unserem Stück über Georg Elser an. Er ist in der Öffentlichkeit eher unbekannt. Auch das hunderte von Attentate auf Hitler verübt wurden, teilweise schon vor Kriegsbeginn. Viele Leute haben es kommen sehen und gehandelt. Leute wie Elser sind der Beweis dafür. Wir haben auch ein Stück über Zwangsprostitution und Loverboys gemacht, als das noch kein breites Thema war. Später gab es einen Tatort darüber. Wir haben auch ein Stück über deutschen Kolonialismus im Programm. Auch ein recht unbeachtetes Thema: Wer weiß schon, wo Deutschland seine Kolonien hatte und wie es mit den Menschen dort umgegangen ist?

Regisseur Heiko Ostendorf vom Theater Odos. Foto: Angelika Osthues MŸnster

Das Stück „Was ihr wählt!“ wurde am 1. Dezember 2016 uraufgeführt. Der Eintritt in Kirkel ist frei, um Anmeldung, Tel. (0 68 49) 90 94 10 oder direkt online unter www.bildungszentrum-kirkel.de/kultur-im-bzk, wird aber gebeten.

Mehr von Saarbrücker Zeitung